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8.10.2009 | Von:
Albrecht Hausmann

Zukunft der Gutenberg-Galaxis

Surfen wie im Mittelalter?

An diesem Punkt wird vielleicht deutlich, warum die mediale Revolution, die durch die Entwicklung des Internets ausgelöst wurde, für den Mittelalterforscher so spannend ist: Mit dem Ende der Einschränkungen, welche die kapitalintensive Drucktechnik mit sich brachte, kommen Reproduktionskonzepte und -praktiken wieder zum Zuge, die auch schon in der Zeit vor Gutenberg bekannt und verbreitet waren. Wie der mittelalterliche Schreiber selektiv abschreibt, weil er Material und Zeit sparen will, so lädt der moderne Internetnutzer nur das aus dem Netz auf die Festplatte seines PCs oder auf seinen MP3-Player, was er wirklich braucht - und spart damit Speicherplatz und Zeit.

Natürlich geht es hier nicht um eine Rückkehr zu mittelalterlichen Verhältnissen, es geht vielmehr um die Frage nach den Bedingungen und Konstanten von Informationsreproduktion. Es ist möglich, dass Konzepte, die im Literaturbetrieb der Buchdruckepoche entstanden sind, in den kommenden Jahren grundsätzlich in Frage gestellt werden: Das "Werk" als integrale und stabile Einheit hängt vielleicht mehr am Buchdruck, als uns bewusst ist. Das Mittelalter kannte eher Werke, die sich mit jedem Reproduktionsakt verändern konnten; wird sich ein "offener" Werkbegriff auch in Zukunft wieder etablieren? Aber wer möchte schon einen "Harry-Potter"-Band in abgespeckter oder verstümmelter Form lesen? Gerade dieser letzte Gedanke zeigt, dass die Zukunft des Buches beim Leser und seinen Bedürfnissen liegt. Er wird Bücher lesen wollen, und er wird dafür sorgen, dass die Leute, die diese Bücher schreiben, davon auch leben können. Das haben Leser immer getan, auch schon im Mittelalter, auch schon vor Gutenbergs Erfindung.