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8.10.2009 | Von:
Albrecht Hausmann

Zukunft der Gutenberg-Galaxis

Mit der Erfindung des Buchdrucks war das Publizieren von einem Investor, dem Verleger, abhängig. Im Internet ist dieses "kapitalistische" Prinzip außer Kraft gesetzt.

Einleitung

Als das Magazin "Time" vor zehn Jahren die Frage nach der wichtigsten Persönlichkeit des zu Ende gehenden zweiten Jahrtausends stellte, setzte sich Johannes Gutenberg gegen alle Konkurrenten durch. Seine Erfindung, der Buchdruck mit beweglichen Metalllettern, und vor allem die enorme Wirkung dieser neuen Technologie lassen den 1468 gestorbenen Sohn eines Mainzer Patriziers tatsächlich als "Man of the Millennium" erscheinen. Durch den Buchdruck wurde die Reproduktion und Verbreitung von Wissensbeständen derart vereinfacht und be-schleunigt, dass es innerhalb weniger Jahrzehnte zumindest in Europa zu grundlegenden gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen kam. Der Buchdruck hat die zweite Hälfte dieses zweiten Jahrtausends geprägt wie kaum eine andere Innovation, und zu Recht hat der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan von der "Gutenberg-Galaxis"[1] gesprochen. Auf Gutenbergs Erfindung folgten in Europa, aber bald auch in weiten Teilen der übrigen Welt Jahrhunderte, die vom geschriebenen und vor allem gedruckten Wort geprägt sind.






Aber nicht nur die Wirkung war herausragend, auch die technischen Innovationen, aus denen sich Gutenbergs Erfindung zusammensetzt, sind in ihrer Summe bemerkenswert.[2] Während das Prinzip aus heutiger Sicht simpel erscheint, waren die technischen Hürden, die Gutenberg im 15. Jahrhundert überwinden musste, gewaltig. Eine geeignete Rezeptur für die Druckerschwärze, Setzkasten und Setzwinkel, das Gerät zum Gießen der Lettern, die richtige Legierung für das Blei, schließlich die Presse selbst mussten erst entwickelt, hergestellt und getestet werden; es handelt sich beim Buchdruck mit beweglichen Lettern eben nicht um eine Zufallserfindung, sondern um eine offenbar geplante und über Jahre hinweg konsequent realisierte Innovation, bei der die Grundidee nur einen Teil der Gesamtleistung ausmacht.

Noch größer als die technischen waren die wirtschaftlichen Probleme, mit denen sich Gutenberg nach Ausweis der überlieferten Zeugnisse konfrontiert sah. Der wahrscheinlich über ein Jahrzehnt dauernde Entwicklungsprozess verschlang viel Geld; Material und Werkzeuge mussten (vor)finanziert werden. "Risikokapital" war im 15. Jahrhundert nicht gerade leicht aufzutreiben; dennoch fand Gutenberg immer wieder Geldgeber, die das Potential des Projekts erkannten. Als Gutenberg 1448 nach einem längeren Aufenthalt in Straßburg wieder in seiner Heimatstadt Mainz nachweisbar ist, ist er offenbar ganz mit dem noch geheimen Druckprojekt beschäftigt. Der Mainzer Kaufmann Johannes Fust schießt ihm die für damalige Verhältnisse enorme Summe von 800 Gulden vor. Als Sicherheit setzt Gutenberg die mit diesem Geld angeschafften Geräte ein; später wird es zwischen Fust und Gutenberg um diesen Vertrag Streit geben.

Die "B42": Konfektionsware, die wie ein Maßanzug aussieht

Ziel des Unternehmens war offenbar ein Produkt, das nicht etwa anders als die bekannten, von Hand gefertigten Codices sein sollte, sondern diesen in Qualität und Ästhetik ebenbürtig. Eine mittelalterliche Handschrift erscheint uns heute vor allem als veraltetes Produkt mühsamer Kleinarbeit. Tatsächlich aber ist das Verhältnis zwischen Handschrift und gedrucktem Buch am ehesten mit jenem zwischen Maßanzug und Konfektionsware zu vergleichen: Der Maßanzug ist teuer, aber er passt besser und ist meist von höherer Qualität als der Anzug von der Stange. So hatte auch das von Hand geschriebene Buch keineswegs nur Nachteile, sondern auch erhebliche Vorteile, für die freilich "bezahlt" werden musste. Vor allem war es bei einem Manuskript möglich, Text und Ausstattung an die Bedürfnisse und Wünsche jedes einzelnen Nutzers oder Auftraggebers anzupassen. Diese Möglichkeit hat dazu geführt, dass mittelalterliche Texte häufig in einer Fülle von Varianten und Fassungen überliefert sind. Generationen von Philologinnen und Philologen, die auf der Suche nach dem "einen" Text eines bestimmten Autors waren, sind an dieser Varianz mittelalterlicher Überlieferung schier verzweifelt.

An sich ist die Möglichkeit der Adaptation kein Nachteil, sondern, im Gegenteil, ein Vorteil: So kann ein Schreiber den ihm vorliegenden Text im Reproduktionsprozess beispielsweise an die eigene Mundart anpassen. Der Text wird so für die künftigen Rezipienten, die den gleichen Dialekt sprechen, besser verständlich - in einer Zeit, als es noch keine deutsche "Normalsprache" gab, ein großer Vorteil. Bei alltäglicher Wissens- und Anleitungsliteratur konnte der Schreiber auswählen, was er von dem Textmaterial seiner Vorlage eigentlich benötigte; er musste nicht alles abschreiben, sondern nur das, was er brauchte. Das sparte Zeit und Pergament und ermöglichte einen an den künftigen Gebrauch angepassten Textzustand. Auch die Ausstattung mit Illustrationen und Verzierungen konnte in einer Manuskriptkultur auf die Bedürfnisse des Nutzers zugeschnitten werden. Gutenberg hat bei seinem ersten gedruckten Buch, der etwa 1454/55 fertig gestellten 42-zeiligen lateinischen Bibel ("B42"), dieses Bedürfnis berücksichtigt, indem in den gedruckten Exemplaren genügend Platz für gemalte Initialen und Verzierungen gelassen wurde; heute gleicht deshalb kaum eines der erhaltenen Exemplare der B42 dem anderen. Gutenberg hat erheblichen Aufwand betrieben, um das Schriftbild der B42 so weit wie möglich dem einer Handschrift anzupassen. Mit Hilfe von zusätzlichen Ligaturen (Buchstabenverbindungen) und besonderen Typen gelang es ihm, den Duktus eines von Hand geschriebenen Buches weitgehend zu imitieren: Konfektionsware, die wie ein Maßanzug aussieht (s. Abbildung auf S. 35 der PDF-Version).

Der Eindruck absoluter typographischer Perfektion, den das erste in Europa gedruckte Buch bei vielen Betrachtern noch heute erweckt, beruht also nicht so sehr darauf, dass Gutenbergs Erfindung schon so weit fortgeschritten war, sondern darauf, dass sich Gutenberg an der hoch entwickelten Manuskriptkultur des 15. Jahrhunderts orientierte. Noch Jahrzehnte nach der Erfindung des Buchdrucks, bis ins 16. Jahrhundert hinein, wurden Bücher - auch gedruckte - von Hand abgeschrieben. Eine ganze Weile lang existierten Buchdruck und manuelle Reproduktion nebeneinander. Nach und nach freilich wurde alles, was "nur" von Hand geschrieben war, in den Bereich des Persönlichen und Privaten (Briefe, Exzerpte, Notizen) oder allenfalls Geschäftsmäßigen (Buchhaltung) abgedrängt. Wer in der Gutenberg-Galaxis als Schriftsteller im weitesten Sinn wahrgenommen werden wollte, musste seine Werke gedruckt veröffentlichen.

Ein neues ökonomisches Prinzip

Der Buchdruck breitete sich trotz der anfänglichen Koexistenz von Druck und Handschrift rasch aus. Im Todesjahr Gutenbergs, 1468, arbeiteten Druckereien in Bamberg (seit 1459/60), Straßburg (ebenfalls 1459/60), Köln (1464/66), Basel (1467), Rom (1467) und Augsburg (1468). Bis 1470 kamen Venedig, Neapel, Nürnberg und Paris hinzu. Viele dieser frühen Werkstätten wurden von Druckern betrieben, die noch in einem engen personellen Verhältnis zu Gutenberg oder zu der von Johannes Fust und Peter Schöffer betriebenen Mainzer Offizin standen. Nach 1470 lassen sich solche Verbindungen nicht mehr so deutlich nachweisen, der Buchdruck ist zu einer über einen engen Kreis hinaus verfügbaren Kulturtechnik geworden.

Allerdings vollzog sich dieser Prozess nicht ohne Brüche, und gerade darin wird erkennbar, dass Gutenbergs Erfindung vor allem eines war: eine ökonomische Innovation, die mit ihrer Wirtschaftlichkeit steht und fällt. Mit dem Buchdruck ist nicht nur eine neue Technik, sondern vor allem ein neues ökonomisches Prinzip in die Welt gekommen - das der seriellen Massenproduktion. Es ging nun darum, den Aufwand, der für die Reproduktionstechnik und die Herstellung der Druckvorlage betrieben werden muss, so auf die identischen Kopien ein und derselben Vorlage zu verteilen, dass sich einerseits die Investitionen rentieren, andererseits aber auch die einzelnen Produkte so erschwinglich werden, dass es einen Markt für sie gibt. Das uns heute selbstverständlich erscheinende Prinzip der mechanisierten seriellen Reproduktion kommt mit dem Buchdruck zum ersten Mal durchschlagend zur Geltung: Je mehr Reprodukte aus ein und derselben Vorlage hergestellt werden können, desto günstiger können diese verkauft werden und desto höher wird der Absatz sein, so dass sich das Investment umso mehr lohnt. Entscheidend ist ein optimales Verhältnis zwischen der Investition in den weitgehend mechanisierten Reproduktionsprozess einerseits und dem Erlös aus dem Verkauf möglichst vieler identischer Reprodukte andererseits. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer komplizierten prospektiven Kalkulation.

Es dauerte eine Weile, bis sich die Balance zwischen Kapitaleinsatz und Erlös einspielte. Die schon vor Gutenbergs Erfindung bekannte Technik des Blockbuchs, bei dem jeweils die Druckvorlage für eine ganze Seite von Hand als Holzschnitt ausgeführt wurde - inklusive der Buchstaben der enthaltenen Texte -, konnte eine solche wirtschaftliche Balance nicht gewährleisten: Der Aufwand war zu hoch, obwohl auch hier schon seriell reproduziert wurde. Erst Gutenbergs Idee der Modularisierung des Textes in einzelne Lettern, die im Prinzip den Zeichen der lateinischen Lautschrift entsprachen, brachte den entscheidenden Vorteil gegenüber der manuellen Reproduktion - ein Grund übrigens, warum die Drucktechnik in Kulturen ohne Lautschrift viel länger brauchte, um sich durchzusetzen: In China etwa spielt die Kunst des schönen Schreibens, die Kalligraphie, bis heute auch deshalb eine so große Rolle, weil die vielen tausend Schriftzeichen der chinesischen Bilderschrift eben nicht so leicht auf eine überschaubare Anzahl von Typen heruntergebrochen werden können. Chinesische Schriftzeichen sind für den Druck mit beweglichen Metalllettern sehr viel weniger geeignet als die Zeichen einer Lautschrift, denn es gibt hier nicht nur für jeden Laut ein Zeichen, sondern potentiell für alles, was sich bezeichnen lässt, ein eigenes "Bild". Tatsächlich hatte man im damals stark chinesisch beeinflussten Korea schon früh mit beweglichen Metalllettern gedruckt; das älteste erhaltene Beispiel mit chinesischen Schriftzeichen stammt aus dem Jahr 1377.[3] Aber der entscheidende ökonomische Vorteil stellte sich hier nicht ein, weil die Zahl der erforderlichen Drucktypen enorm hoch war. Auch in Europa war in der Frühphase des Druckens mit beweglichen Lettern der wirtschaftliche Erfolg nicht garantiert. Gutenberg scheint mit seiner Erfindung nie reich geworden zu sein: Seine Investitionen waren offenbar zu hoch gewesen, dazu kamen rechtliche Auseinandersetzungen mit seinen Geldgebern. Auch später gab es berühmte Flops: Hartmann Schedels großartige Weltchronik mit Hunderten von Holzschnitten[4] war extrem teuer in der Herstellung und verkaufte sich schlecht - sie spielte das Investment nicht herein.

Schleichend veränderte die neue Reproduktionsökonomie die Ansprüche an die Texte. In einer Kultur des gedruckten Buches wird nicht der Text von einem Schreiber an eine Gebrauchssituation angepasst, vielmehr soll der Text von vornherein Eigenschaften aufweisen, die ihn an möglichst viele Situationen adaptierbar machen, ohne dass man ihn verändern muss; er sollte bis zu einem gewissen Grad aus sich selbst heraus "verwendungsoffen" sein, um eine möglichst große Zielgruppe anzusprechen. Besonders gut ist dies in einigen Bereichen der lehrhaften und unterweisenden Literatur erkennbar. Während ein Schreiber hier eher kurze Texte bevorzugen und zusätzliche Kürzungen vornehmen wird, tendieren Drucker dazu, Texte aufzublähen und um Beispielmaterial zu ergänzen - schließlich wollen sie allen etwas bieten. Damit seriell hergestellte Massenprodukte für eine möglichst breite Klientel passen, müssen sie eine gewisse Redundanz aufweisen. In der modernen Industrieproduktion ist das nicht anders: Nicht jeder benötigt ein Auto mit vier Sitzplätzen, aber es ist (oder war jedenfalls lange) ökonomischer, für alle einen Viersitzer herzustellen als ein zusätzliches zweisitziges Modell für die wenigen, die nur zwei Sitze brauchen. Konfektionsware erfordert ökonomische Kompromisse und Redundanz - sie verbraucht Ressourcen, die bei manueller Einzelfertigung eingespart werden könnten. Die durch Mechanisierung ermöglichten Einsparungen beim Arbeitsaufwand bei gleichzeitig erhöhtem Absatz müssen immer gegen den unter Umständen erhöhten Materialaufwand aufgerechnet werden. Mitte des 15. Jahrhunderts begann diese Rechnung aufzugehen.

Ökonomie des Druckens: Investition und Rendite

Die Erfindung des Prinzips der seriellen Reproduktion blieb in Europa zunächst auf den Buchdruck beschränkt. Bis an die Schwelle zum 19. Jahrhundert wurden in Europa nur Informationen (einschließlich Fiktionen) seriell reproduziert und mit einer großen Zahl identischer Kopien auf den Markt gebracht. Nahezu alles andere war noch manuelle Einzelfertigung, auch wenn in den Manufakturen der Frühen Neuzeit bereits Formen frühindustrieller Rationalisierung sichtbar wurden. Die Übertragung des von Gutenberg für den Buchdruck "entdeckten" Prinzips auf andere Produktionsbereiche blieb dem 19. und 20. Jahrhundert vorbehalten. Erst die mit den technischen Innovationen des 19. Jahrhunderts einhergehende Industrialisierung und die Entwicklung mechanisierter und standardisierter Fertigungsprozesse etwa durch Henry Ford führten zu einer Ausweitung der Serienfertigung auf nahezu alle Bereiche des Lebens.

In historischer Perspektive erscheinen die Entwicklungen im Bereich der Reproduktionstechniken als geradezu epochal: Die Verfügbarkeit von mechanischen Verfahren der seriellen Massenfertigung für die Verbreitung von Informationen (Buchdruck, Druckgraphik) seit dem 15. Jahrhundert kann als wesentliches Epochenmerkmal der sogenannten Frühen Neuzeit gelten; die fortschreitende Ausdehnung solcher Verfahren auf die Erzeugung von Konsum- und Investitionsgütern im 19. Jahrhundert prägt die moderne Industriegesellschaft bis heute. Das Mittelalter dagegen war durch die nahezu vollständige Abwesenheit mechanischer Vervielfältigungstechniken gekennzeichnet; es war die Epoche der manuellen Reproduktionsverfahren.

Der Buchdruck war damit auch eines der ersten Wirtschaftssegmente, in dem eine im Wortsinn "kapitalistische" Form des Wirtschaftens herrschte. Wer auch immer seit dem späten 15. Jahrhundert etwas "veröffentlichen" wollte, musste es in gedruckter Form tun. Dazu aber brauchte er einen "Kapitalisten", der sein Kapital für den Druck des jeweiligen Werkes einsetzt - zunächst einen Drucker, später den Verleger, der nicht unbedingt selbst eine Druckerwerkstatt betreiben musste. Der Buchdruck machte das einzelne Schriftstück billiger, aber die Produktion der ganzen Auflage war aufwändiger als die Verbreitung von Hand, die sich auf viele einzelne Schreiber verteilte und weder besondere Gerätschaften noch eine Infrastruktur für den Vertrieb erforderte. Die Notwendigkeit, einen Text gedruckt publizieren zu müssen, stellt dagegen eine große wirtschaftliche Hürde dar, die der Autor eines Textes meist nur mit Hilfe eines Kapitalgebers überwinden kann. Umgekehrt lässt sich mit Geschriebenem jetzt auch Geld verdienen, denn der Autor kann nun aus dem Erlös, den der Drucker bzw. Verleger erzielt, bezahlt werden. Das ist eine völlig andere Art der Textproduktion als in der mittelalterlichen Kultur, in der die Herstellung eines Textes als Dienst verstanden wurde - als Dienst für einen bestimmten adligen Auftraggeber oder Mäzen, für einen Hof oder eine Ordensgemeinschaft, auch als Dienst an Gott. Solche Dienste zielten durchaus auch auf Lohn und wurden belohnt - etwa durch Aufnahme in eine Gemeinschaft, durch Versorgung und Unterhalt, auch durch Geld -, aber die Belohnung war nicht von der möglichst weiten Verbreitung oder "Publikation" eines Werkes abhängig.

Seit Gutenberg ist das Verhältnis zwischen Textproduzenten und Druckern oder Verlegern ein durchaus kompliziertes. Seine Erfindung hat auch dazu geführt, dass manches Werk ungedruckt und damit unbekannt in der Schublade geblieben ist. Es scheiterte an der Kalkulation des Verlegers, der darauf achten musste, dass er für das eingesetzte Kapital auch eine Rendite erhält. Dem adligen Mäzen des Mittelalters konnte das egal sein: Er hatte andere Interessen als ein Verleger oder Drucker, ihm ging es nicht um Rendite, sondern beispielsweise um Repräsentation, um das Ansehen, das mit der Förderung eines Dichters verbunden war.

Die Klage über den Verleger, der nicht drucken will, was man ihm stolz vorlegt, ist zum literarischen Topos geworden; andererseits gibt es herausragende Verlegerpersönlichkeiten, die den Spagat zwischen ökonomischen Erfordernissen und literarischem Anspruch immer wieder geschafft haben - Siegfried Unseld war mit seinem Suhrkamp Verlag ein herausragendes Beispiel dafür. Jedenfalls ist das gedruckte Buch - und ebenso übrigens Zeitschriften und Zeitungen - ein Medium, das wesentlich ökonomisch bestimmt ist. Als Kapital- und Vorschussgeber übten und üben Drucker und Verlage eine erhebliche Macht aus: Sie bestimmen, was zu welchem Preis gedruckt wird und damit als Information "für alle" verfügbar ist. Wissenschaftler, denen Verlage bisweilen hohe Zuschüsse für die Publikation ihrer Werke abverlangen, weil sie sich sonst auf dem Markt nicht rentieren, können davon ein Lied singen. Die Gutenberg-Galaxis beruht auf einem kapitalistischen Prinzip, das sich über Jahrhunderte eingespielt hat. Auch die Massenmedien Hörfunk und Fernsehen haben dieses Prinzip nicht grundsätzlich außer Kraft gesetzt: Der Betrieb eines Fernseh- oder Hörfunksenders erfordert bisher erheblichen finanziellen Aufwand, auch hier muss Kapital investiert werden, um Informationen zu verbreiten.

Internet und die Krise des "Gutenberg-Prinzips"

Es ist nicht das gedruckte Buch, das mit der Erfindung des Internets in die Krise geraten ist, vielmehr bedroht das Internet das mit dem Verlagssystem verbundene ökonomische Prinzip, das auf der Finanzierung von Publikationen durch Kapitalgeber beruht. Während die Veröffentlichung eines gedruckten Werkes nicht selten an der Kalkulation des Verlages scheitert, kostet das Publizieren im Internet so gut wie nichts. Jedermann kann sich für ein paar Euro oder sogar umsonst Webspace und eine eigene Adresse (URL) sichern und dort veröffentlichen und verbreiten, was er will. Sehr viele Menschen mit künstlerischen, journalistischen oder literarischen Ambitionen machen von dieser Möglichkeit Gebrauch. Die Anzahl der Blogs und Webseiten ist in den vergangenen Jahren tatsächlich explosionsartig gewachsen. Von einem Ende der Schriftkultur kann also keine Rede sein, im Gegenteil: Es wird so viel geschrieben und gelesen wie noch nie zuvor.

Mit diesen Möglichkeiten aber geht ein Systemwechsel einher, und die Revolution, die damit verbunden ist, ist sehr viel mächtiger als etwa die von McLuhan beschriebene Ausweitung der elektronischen Medien Fernsehen und Hörfunk im 20. Jahrhundert: Der Aufwand für das Publizieren hat sich auf nahezu Null reduziert, aber umgekehrt lässt sich mit dem, was auf diese Weise veröffentlicht wird, auch kaum Geld verdienen, denn digital verfügbare Informationen lassen sich ohne Aufwand und von jedermann reproduzieren. Die Musikindustrie war von diesem Umbruch als erste betroffen, weil Musik auch bereits auf CDs digital verarbeitbar ist.[5] Noch wehrt sich die Musikindustrie gegen das Phänomen der massenhaften "Raubkopie", aber die Technik ist da und lässt sich auch mit einem "Digital Rights Management" kaum mehr eindämmen.

Es ist absehbar, dass eine ähnliche Entwicklung auch auf dem Printmarkt einsetzen wird. Gedruckte Zeitungen und Zeitschriften spüren die Konkurrenz des Internets ebenso deutlich wie Lexikonverlage. In den USA schließen reihenweise auch größere Zeitungen.[6] Dafür boomen Internetangebote wie die "Huffington Post",[7] bei der es sich tatsächlich um eine Art Sammlung politischer Blogbeiträge handelt. Im Buchmarkt, vor allem im Bereich der Literatur, setzt die Entwicklung langsamer ein, denn noch sind Bücher in digitaler Form unbequem zu lesen - wer setzt sich schon vor einen Bildschirm, um "Harry Potter" zu verschlingen? Aber schon sind E-Book-Lesegeräte in Sicht, die nicht nur cool aussehen, sondern auch komfortabler zu benutzen sind und auf denen sich eine ganze Bibliothek herumtragen lässt. Sie werden, wenn nicht alles täuscht, das gedruckte Buch imitieren und in Sachen Design und Haptik vielleicht sogar übertreffen. Schon sind Prototypen zu bewundern, die wie ein dünner Schreibblock aussehen;[8] bieg- und rollbare Displays sind nur eine Frage der Zeit. Im Bereich wissenschaftlicher Literatur wird immer häufiger die Frage gestellt, ob es wirklich sein muss, dass Forschungsergebnisse in teures Leinen gebunden und hoch subventioniert von renommierten Verlagen herausgebracht werden müssen, die dafür hohe Summen verlangen, ohne dass noch irgendeine redaktionelle Betreuung seitens dieser Verlage stattfindet.

Befreiung des Buches und Ökonomie der Aufmerksamkeit

Mit der rasanten Entwicklung des Internets geht das Gutenberg-Zeitalter allem Anschein nach seinem Ende entgegen. Die neue Art der Informationsverbreitung und Kommunikation, die auf der Vernetzung von Millionen von Computern beruht, wird von manchem bereits als "Turing-Galaxis" bezeichnet - nach einem der wichtigsten Wegbereiter der Computertechnologie, dem britischen Mathematiker Alan Turing (1912 - 1954).[9] Bei aller Euphorie muss aber klar sein, dass auch diese Galaxis eine ist und sein wird, in der ökonomische Gesetze herrschen. Es ist noch unklar, wie diese neue Informationsökonomie im Netz aussehen wird. Derzeit wird im Internet nur mit Werbung wirklich Geld verdient - aber lässt sich Qualitätsjournalismus allein über Werbung finanzieren? Kann man Autoren und Musikern allein mit den Werbeeinnahmen aus Onlineportalen ein Einkommen ermöglichen, das ihre Existenz sichert? Oder wird auf Dauer doch die Gratis-Kultur des Internets abgelöst werden durch Angebote, für die man auch bezahlen muss?

Deutlich erkennbar ist schon jetzt, dass die Filter- und Verteilungsfunktion der Verlage, die immer mit dem notwendigen Kapitaleinsatz verbunden und in dieser Verbindung nicht immer sachgerecht war, im Internet offenbar durch andere Instanzen übernommen wird - wenn auch noch nicht ganz klar ist, wie sich diese in Zukunft entwickeln werden. Das Internet ist ja kein Buchladen, dessen Angebot zunächst durch den Filter eines Verlages und dann durch den eines Buchhändlers gegangen ist. Alles ist gleich zugänglich und "da". Deshalb kommt inzwischen der Bewertung von Seiten durch Suchmaschinen wie Google - dem page rank - eine enorme Bedeutung zu. Im Internet herrscht keine Ökonomie des Kapitals, sondern eine der Aufmerksamkeit, die ein ebenso knappes Gut darstellt. Soziale Netzwerke, Blogs und vor allem Suchmaschinen lenken und verteilen diese Aufmerksamkeit. Jeder kann nun im Netz publizieren, aber nicht jeder wird wahrgenommen. Aber diese Aufmerksamkeit ist nicht mehr abhängig von einem Verleger, der ein Werk in seinem Verlag erscheinen lässt, sondern vom Grad der Verlinkung, den eine Seite im globalen Dorf des Internets aufweist. Was für die Verlage existenzbedrohend ist, erscheint im Prinzip durchaus sinnvoll: Dass es von einem Kapitalgeber abhängig ist, ob ein Text erscheint, war immer eher wirtschaftlicher Zwang als eine sinnvolle Verknüpfung, und die Entkoppelung von Publikationsmöglichkeit und Kapitaleinsatz wird sicherlich nicht zum stets beschworenen Untergang des Abendlandes führen.

Ähnliches gilt für ein anderes Phänomen des Druckzeitalters, das sich im Internet aufzulösen beginnt: Das "Ganze Werk" wird beim digitalen Reproduzieren häufig in jene Bestandteile aufgelöst, die den Nutzer wirklich interessieren. Auch hier war die Musikbranche am frühesten betroffen. Das Album, das sich als eine Art Gesamtkunstwerk versteht, lädt heute kaum jemand aus dem Netz herunter: Man sucht sich nur die Stücke aus, die man wirklich gut findet. Für alles andere ist der Speicherplatz, aber auch die eigene Zeit zu schade. Es ist absehbar, dass das Album als Publikationsform verschwinden wird.

Ähnliche Entwicklungen sind auch bei Texten aus dem Internet zu beobachten.[10] Die Redundanz seriell reproduzierter Texte, die ihrer vielseitigen Verwendbarkeit geschuldet war, wird abgelöst durch ein von vornherein selektives Rezeptionsverhalten. Bestes Beispiel sind Reiseführer: Wer früher ein dickes Buch mitschleppte, das auch viele Informationen zu Orten enthielt, die man gar nicht besuchen wollte, der kann heute einfach nur das herunterladen, was er wirklich braucht.

Surfen wie im Mittelalter?

An diesem Punkt wird vielleicht deutlich, warum die mediale Revolution, die durch die Entwicklung des Internets ausgelöst wurde, für den Mittelalterforscher so spannend ist: Mit dem Ende der Einschränkungen, welche die kapitalintensive Drucktechnik mit sich brachte, kommen Reproduktionskonzepte und -praktiken wieder zum Zuge, die auch schon in der Zeit vor Gutenberg bekannt und verbreitet waren. Wie der mittelalterliche Schreiber selektiv abschreibt, weil er Material und Zeit sparen will, so lädt der moderne Internetnutzer nur das aus dem Netz auf die Festplatte seines PCs oder auf seinen MP3-Player, was er wirklich braucht - und spart damit Speicherplatz und Zeit.

Natürlich geht es hier nicht um eine Rückkehr zu mittelalterlichen Verhältnissen, es geht vielmehr um die Frage nach den Bedingungen und Konstanten von Informationsreproduktion. Es ist möglich, dass Konzepte, die im Literaturbetrieb der Buchdruckepoche entstanden sind, in den kommenden Jahren grundsätzlich in Frage gestellt werden: Das "Werk" als integrale und stabile Einheit hängt vielleicht mehr am Buchdruck, als uns bewusst ist. Das Mittelalter kannte eher Werke, die sich mit jedem Reproduktionsakt verändern konnten; wird sich ein "offener" Werkbegriff auch in Zukunft wieder etablieren? Aber wer möchte schon einen "Harry-Potter"-Band in abgespeckter oder verstümmelter Form lesen? Gerade dieser letzte Gedanke zeigt, dass die Zukunft des Buches beim Leser und seinen Bedürfnissen liegt. Er wird Bücher lesen wollen, und er wird dafür sorgen, dass die Leute, die diese Bücher schreiben, davon auch leben können. Das haben Leser immer getan, auch schon im Mittelalter, auch schon vor Gutenbergs Erfindung.
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Fußnoten

1.
Marshall McLuhan, Die Gutenberg Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, Köln 1995.
2.
Informativ hierzu die Beiträge in den folgenden Ausstellungskatalogen: Stephan Füssel, Gutenberg und seine Wirkung. Katalog zur Ausstellung der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, 23.6.-29.10. 2000, hrsg. von Elmar Mittler, Frankfurt/M.-Leipzig 2000; Gutenberg. aventur und kunst. Vom Geheimunternehmen zur ersten Medienrevolution, Mainz 2000.
3.
Vgl. Cheongju Early Printing Museum (ed.), Early Printing Culture of Korea, Cheongju City 2003, S. 18f.
4.
Am einfachsten zugänglich: Hartmann Schedel, Weltchronik. Nachdruck [der] kolorierten Gesamtausgabe von 1493. Einleitung und Kommentar von Stephan Füssel, Augsburg 2004.
5.
Vgl. Volker Briegleb, Die verschlafene Revolution, in: c't, Nr. 25 vom 26.11. 2007, S. 82ff.
6.
Vgl. Isabell Hülsen, Hoffnung in Lachsrosa, in: Der Spiegel, Nr. 34 vom 17.8. 2009, S. 140ff.
7.
www.huffingtonpost.com.
8.
Vgl. E-Book-Lesegeräte mit größerem Display im Kommen, in: www.heise.de/mobil/E-Book-Lesege raete-mit-groesserem-Display-im-Kommen-/news ticker/meldung/137188 (27.8. 2009).
9.
Vgl. Wolfgang Coy, Von der Gutenbergschen zur Turingschen Galaxis: Jenseits von Buchdruck und Fernsehen. Einleitung zu: M. McLuhan (Anm. 1).
10.
Vgl. Johanna Romberg, Die Revolution des Lesens, in Geo, (2009) 8, S. 82ff.