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8.10.2009 | Von:
Ernst Pöppel

Was geschieht beim Lesen?

Drei Formen des Wissens

Ein wesentliches Ergebnis der modernen Hirnforschung besteht in der Erkenntnis, dass es mindestens drei Formen des Wissens gibt, die komplementär zueinander stehen. Wir machen uns zu Karikaturen unserer selbst, wenn wir immer nur eine Wissensform in den Blick nehmen. Neben dem expliziten Wortwissen gibt es das bildliche Wissen, das in den Piktogrammschriften stärker repräsentiert ist, und es gibt vor allem das implizite, intuitive und emotional aufgeladene Handlungswissen. Der Verzicht auf die Gleichberechtigung dieser beiden anderen Wissensformen, des bildlichen und des impliziten Wissens, ist eine Konsequenz der eigentlichen kulturellen Revolution, der Erfindung des Lesens. Nebenbei sei bemerkt, dass die Unkenntnis darüber, dass Piktogrammschriften und Alphabetschriften jeweils unterschiedliche Areale des Gehirns beanspruchen, zu Missverständnissen in der interkulturellen Kommunikation führen kann. Schriftliches in beiden Lesekulturkreisen führt jeweils zu unterschiedlichen Assoziationsfeldern, und häufig werde ich davon überrascht, wie verschieden Denkabläufe bei meinen Freunden in Japan oder China sind, mit denen ich wissenschaftlich zusammenarbeite. Dies liegt meines Erachtens an den unterschiedlichen Prägungen, wenn wir in der Kindheit das eine oder das andere Schriftsystem zum Ausdruck unserer Gedanken erlernen.

Ein besonderes Problem des Hirnforschers ist das Leib-Seele-Problem: Wie steht das materielle Gehirn als Substanz in Wechselwirkung mit dem, was wir als Geist oder Seele, das Mentale also, bezeichnen? Die Entdeckung dieses Problems kann nur als Artefakt verstanden werden. Durch die Verschriftlichung von gesprochenen Worten haben diese sich selbstständig gemacht, und es ist zum Ontologisieren gekommen. Wir werden dazu verführt, den schriftlich fixierten Begriffen eigene Identitäten im Gehirn zuzuordnen. Doch Abläufe des Gehirns im Denken und Entscheiden, im Wahrnehmen und im Fühlen sind immer prozessual zu sehen. In dem Augenblick, in dem wir Substantive erfinden, die diese einzelnen Prozesse festhalten sollen, bewegen wir uns bereits in der Sprachfalle. Dann kann man sich nur wundern, dass manche Hirnforscher, die in dieser Sprachfalle sitzen, im Gehirn nach dem Sitz des Bewusstseins, der Willensfreiheit, den Gefühlen, der Intelligenz und dergleichen suchen. Dies sind alles Gebrauchswörter, mit denen wir zwar notwendigerweise kommunizieren, die aber nicht in dem Sinne missverstanden werden dürfen, dass es im ontologischen Sinn tatsächlich das gibt, was begrifflich angesprochen wird: das Bewusstsein, die Erinnerung, der Wille, die Intelligenz, der Glaube.

Wörter führen in die Irre. So ist das Leib-Seele-Problem für Menschen, die nicht lesen können, überhaupt kein Problem. Wer käme auf die Idee, Körperliches oder Seelisches voneinander zu trennen? Wenn die moderne Hirnforschung einen Beitrag geleistet haben sollte, dann ist es die Beobachtung, dass das, was immer wir an uns beobachten können, verlorengehen kann. Subjektives geht verloren durch den Verlust von Hirnsubstanz nach einem Schlaganfall oder Trauma oder durch andere Störungen des Gehirns. Damit liefert der Verlust einer Funktion ihren eigenen Existenzbeweis, denn verloren gehen kann nur, was es auch gibt. Wir sind also geradezu aufgefordert zu einer monistischen Position bei der Analyse unseres Seelenlebens, also des Leib-Seele-Problems, begründet in einem empirischen Realismus. Es gibt für mich aus wissenschaftlicher Sicht keinen Zweifel an dieser Position. Der Dualismus, also verschiedene Substanzen von Leib und Seele anzunehmen, die res extensa und die res cogitans, wie es René Descartes getan hat, ist in diesem Sinn ein Denk-Artefakt, letzten Endes bedingt durch die Erfindung der Schrift.

Aber: Die Erfindung des Lesens als wohl größte kulturelle Revolution des Menschen war nur möglich, weil das Gehirn hinreichend flexibel ist, um sich neuen Aufgaben zu widmen. Areale des Gehirns, die neuronalen Programme, werden neu gestaltet und fremd bestimmt, und es kommt zu einem Verzicht der ursprünglichen Funktionszuordnung neuronaler Systeme. Was könnten wir nicht alles, wenn wir nur nicht lesen müssten! Das menschliche Gehirn wird durch Lesen geradezu missbraucht, mit den genannten durchaus negativen kulturellen Konsequenzen. In diesem Sinne habe ich überhaupt keine Probleme mit modernen technologischen Entwicklungen, bei denen die bildliche Repräsentation von Sachverhalten stärker betont wird und mit denen man Abstand nimmt von der Überbetonung des Lesens als Kulturtechnik. Mit Hilfe neuer Technik wird ein langer Missbrauch des Gehirns überwunden.