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8.10.2009 | Von:
Ernst Pöppel

Was geschieht beim Lesen?

Wie lesen?

Nun zum Lesen selbst, und was hierbei geschieht. Zunächst eine Vorbemerkung. Mir fällt auf, dass üblicherweise nicht zwischen den beiden oben beschriebenen Formen des Lesens unterschieden wird. Es gibt einerseits das Lesen im Hinblick auf Sinnentnahme, wenn man also beispielsweise einen wissenschaftlichen Text liest. Für mich ist es ein großes intellektuelles Vergnügen, philosophische Texte zu lesen, vorzugsweise von Kant, und die oft betrübliche Erfahrung zu machen, mit welcher Anstrengung es verbunden ist, das von Kant Gemeinte aus dem Text zu extrahieren. Da ich die Angewohnheit habe, Texte auswendig zu lernen, die mir besonders wichtig sind, habe ich bei Stellen aus der "Kritik der reinen Vernunft" die Erfahrung gemacht, dass mir dies bei Kant nicht gelingt. Irgendein Wort schlüpft immer durch, wenn es mir um die exakte Repräsentation seines Textes in meinem Gehirn geht. Wie ist das möglich? Es spricht natürlich nicht gegen Kant, dass jemand über 200 Jahre später seine Texte nicht genau aus dem Gedächtnis heraus reproduzieren kann, sondern eher für ihn: Manche Gedanken sind so schwierig zu formulieren, dass die Wörter nur umschreiben können, was gemeint ist. Man schreibt geradezu um einen Gedanken herum, man ringt um Worte. Kant ist in diesem Sinne ehrlich und simuliert nicht Klarheit, wo sie nicht besteht. Bei theoretischen Texten, die mir völlig klar erscheinen, bin ich daher recht misstrauisch geworden: Ist es wirklich so klar, wie der Autor meint?

Und dann gibt es zweitens das bildgenerierende oder geschichtengenerierende Lesen, wie es in Romanen oder in einem Gedicht versucht wird. Hier wird eine innere Stimme genutzt, um ein bildliches Drama auf der Bühne des inneren Erlebens zu entwerfen. Diese Form des Lesens hat eine ganz andere Bedeutung und auch Begründung in den neuronalen Prozessen unseres Gehirns. Jeder Leser entfaltet eine eigene Bildgeschichte, die mit ihm selber abgestimmt ist. Dieses Lesen ist einer Ich-Nähe, der Identität des Lesers, verpflichtet. Hier wird das Gedicht oder die Episode Teil des Lesers selbst. Ich identifiziere mich mit der Handlung, und die Bildsequenz der Handlung ist je meine eigene. Dies ist beim Lesen mit der Absicht auf Sinnentnahme ganz anders, denn hier geht es immer um Teilhabe am Allgemeinen um die Erzeugung von Wissen; insofern ist dieses Wissen eher Ich-fern. Wir müssen also von zwei prinzipiell verschiedenen Formen des Lesens ausgehen. Für mich als Wissenschaftler mit engen Kontakten nach China und Japan gibt es hier eine praktische Konsequenz: Weil in Piktogrammen auch das wissenschaftliche Wissen stärker bildbetont repräsentiert wird, mit chinesischen Schriftzeichen oder dem Kanji, die jeweils einen anderen Assoziationsrahmen eröffnen, kann man sich fragen: Reden wir im internationalen Diskurs über dieselben Dinge? Gerade die Probleme der Repräsentation des Wissens in verschiedenen Schriftsystemen gehört zu einer der faszinierenden Herausforderungen internationaler Forschung; man muss dieses Problem entdecken, um Missverständnissen aus dem Weg zu gehen.

Um das Lesen und seinen Ablauf technisch zu beschreiben, möchte ich eine kleine Geschichte konstruieren, die im Übrigen deutlich macht, dass das Lesen nicht etwas von Gott Gewolltes ist. Wir bekommen Besuch von Bewohnern aus einem anderen Sternensystem. Die Besucher wollen uns näher kennenlernen, nachdem sie bereits viel über uns erfahren haben. Es war ihnen gelungen, an unser genetisches Material heranzukommen. Und sie hatten mit großem Aufwand ein Genomprojekt durchgeführt, um den genetischen Schlüssel von Menschen zu verstehen. Nun wollen sie ihre Analyse durch persönlichen Augenschein überprüfen, also durch den Besuch verifizieren, was sie meinen, schon zu wissen. Ihnen war bekannt, dass Menschen Grundbedürfnisse haben. Sie wussten, dass Nahrung aufgenommen werden muss und der Wärmehaushalt reguliert wird. Sie waren daher nicht überrascht, uns bekleidet zu sehen, und ihr Vorwissen wurde bestätigt, als sie Häuser, Dörfer oder Städte sahen. Sie wussten auch, dass Menschen Bedürfnisse nach Bewegung, Kommunikation und Sexualität haben, und so waren sie ebenfalls nicht überrascht, unser Verkehrswesen, bildliche Kommunikationsformen, familiäre Strukturen sowie Bindungs- und Entbindungsrituale im Zwischenmenschlichen zu beobachten.

Die Besucher fühlten sich durch diese Beobachtungen in ihrer Analyse bestätigt, wenn es nicht ein störendes Element gegeben hätte: Menschen taten etwas, das nicht vorauszusehen war, das offenbar in den genetischen Anlagen nicht eingespeichert war. Menschen hatten manchmal so genannte Bücher in der Hand, manchmal auch nur Blätter. Und ihre Augen richteten sich längerer Zeit auf bestimmte Zeichen. Abgewandt von der Welt wanderten die Augen über einzelne Zeilen, auf denen offenbar etwas zu finden war, was für sie wichtig schien. Und manchmal waren sie so weltabgewandt, dass man vermuten musste, dass sie sich ihrerseits in einer anderen Welt aufhielten. Was war es, das die Besucher durch eine genetische Analyse nicht voraussagen konnten? Die Besuchten hatten offenbar eine Tätigkeit erfunden oder gefunden, die man als "Lesen" bezeichnet.

Lesen ist in den Genen nicht vorgesehen, aber durch die Gene des Menschen möglich. Im Einzelnen stellten die Besucher des anderen Sternensystems fest, was das Lesen kennzeichnet. Dabei waren sie überrascht, wie viele Kompetenzen zusammenkommen müssen, damit man das Lesen verstehen kann. Die Transduktionsprozesse in der Netzhaut, die aus physikalischen Ereignissen neuronale verwertbare Information machen, werden von Chemikern und Neurobiologen untersucht. Es interessieren jene neuromolekularen Prozesse an den Sinneszellen, die dem Gehirn überhaupt erst einen Zugang zur Welt eröffnen. Die Netzhaut als Eingangstor des Lesens ist eine komplexe und vor allem inhomogene Struktur, deren Aufbau von Anatomen analysiert wird. Diese untersuchen die Leitungsbahnen der Fasern, die das Auge verlassen und in verschiedene Gebiete des Gehirns ziehen. Hierbei lautet eine Erkenntnis, dass die visuelle Informationsverarbeitung keine Einbahnstraße ist, sondern dass aufgenommene Informationen im Gehirn räumlich verteilt werden. Der visuelle Kortex ist aus verschiedenen Komponenten zusammengesetzt, die unterschiedliche Zuständigkeiten haben.

Dies führt zu einer zentralen Grundfrage der Forschung: Wie wird alles zusammengesetzt, so dass ein Wort als Wort gelesen werden kann oder ein Gesicht als ein Gesicht erkannt wird? Beim Lesen richtet man jenen Punkt im Auge, der die beste Sehschärfe hat, auf jene Worte, die im Augenblick im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Dieser Punkt in der Netzhaut ist ein anatomisch gekennzeichneter Bereich, in dem die Sinneszellen besonders dicht angeordnet sind. Anatomische Bedingungen bestimmen also, wohin beim Lesen geschaut wird. Wie die Informationen auf dem Augenhintergrund abgebildet werden und wie das Licht mit seinen verschiedenen Wellenlängen von der Netzhaut und den davor liegenden Medien behandelt wird, gehört zum Untersuchungsgebiet von Physikern. Technische Fertigkeiten eines Optikers sind gefragt, wenn es hier Abweichungen gibt.

Die Besucher stellen auch fest, dass es eine offenbar unverrückbare Tatsache ist, dass sich mit zunehmendem Alter die Brechungseigenschaften der Linse im Auge so verändern, dass alle zunächst Normalsichtigen später eine Lesebrille tragen müssen. Nachdem die optischen Daten bei Alphabetschriften, die Buchstaben also, in den Rezeptoren der Netzhaut zu Gehirninformationen geworden sind, fragen sich Physiologen, in welcher Weise Nervenzellen an den verschiedenen Stationen des Gehirns angesprochen werden müssen, also wie die optischen Daten geometrisch strukturiert sein müssen, um die Nervenzellen zu interessieren, diese also zur Erregung oder zum Schweigen zu bringen. Eine Erkenntnis der physiologischen Hirnforschung ist es, dass Nervenzellen an verschiedenen Schaltstellen des Gehirns unterschiedlichen Reizkriterien gehorchen, wobei es hinsichtlich des Buchstabendekodierens wichtig ist, dass Nervenzellen im visuellen Kortex jeweils bevorzugt auf eine bestimmte Orientierung von Liniensegmenten reagieren. Nervenzellen mit unterschiedlichen Eigenschaften sind aber räumlich voneinander getrennt, sodass wiederum die Frage auftaucht, wie aus der räumlich getrennten Repräsentation der Liniensegmente die Wahrnehmung eines A im Gegensatz zu einem H möglich wird, also der Kombination eines Buchstaben aus verschiedenen Liniensegmenten. Diese Zusammensetzung ist in Piktogrammschriften noch erheblich komplizierter.

Wenn Menschen lesen, vollführen die Augen typische Blicksprünge über die Zeilen hinweg, wobei die Größe der Blicksprünge einerseits von der Größe der Buchstaben, andererseits vom Inhalt des Gelesenen abhängig ist. Ein Problem, das hierbei deutlich wird und das in eindrucksvoller Weise den Unterschied in der Informationsverarbeitung von Mensch und Maschine belegt: In Computern wird Information sequenziell verarbeitet. Wenn Menschen lesen, dann nehmen Sinneszellen gleichzeitig an verschiedenen Orten des Gesichtsfeldes Information auf; es erfolgt eine parallele Informationsverarbeitung. Das Gehirn ist hinsichtlich der Informationsverarbeitung durch eine Schnittstelle gekennzeichnet, bei der ein Übergang von paralleler zu sequenzieller Informationsverarbeitung erfolgt.

Mit bildgebenden Verfahren kann man dem Gehirn bei seiner Arbeit zuschauen. Es handelt sich um die Magnetenzephalographie (MEG) zur Erfassung schneller elektrischer Veränderungen im Gehirn, um die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) zur funktionellen Beschreibung beteiligter Orte im Gehirn und um die Positronen-Emissionstomographie (PET) zur Erfassung chemischer Veränderungen und zur Beschreibung dynamischer Prozesse im Energieverbrauch oder in der Durchblutung des Gehirns. Eine wesentliche Erkenntnis, die mit Hilfe dieser Verfahren gewonnen wurde, liegt darin, dass beim Lesen gleichzeitig verschiedene Areale des Gehirns aktiv sind. Diese Information kann nur gewonnen und dann bewertet werden, wenn Elektroingenieure, Nachrichtentechniker, Informatiker und Mathematiker zusammenarbeiten. Keine Fachrichtung allein könnte mit dieser Komplexität des Lesens im Gehirn allein umgehen.

Welches sind auf einer höheren Abstraktionsebene jene notwendigen Kompetenzen, die in der Sprache benötigt werden, um miteinander zu kommunizieren, und die auch für das Lesen gelten? Grundbedingung für das Lesen ist es, über ein Wortwissen zu verfügen, eine lexikalische Kompetenz, ohne die das Gehirn hilflos wäre. Dabei gibt es offenbar sogar zwei Lexika: eines für Funktionswörter und eines für inhaltstragende Wörter, also Hauptwörter und Verben. Lexika allein reichen aber nicht aus. Das Gehirn verfügt auch über syntaktische Kompetenz, also Grammatikfähigkeit. Diese Fähigkeit ist offenbar angeboren, denn die Kompetenz kann selektiv und mit einer interindividuellen Konstanz ausfallen. Des Weiteren wird semantische Kompetenz benötigt, denn das Gelesene hat üblicherweise Bedeutung. Auch diese Kompetenz kann selektiv verlorengehen. Patienten mit dieser Störung haben noch ein Wortwissen, sie sprechen grammatikalisch korrekt, aber die Sprache ergibt keinen Sinn mehr. Dann wird sprachlautliche Kompetenz benötigt, die zu den Alphabetschriften geführt hat. Bemerkenswert ist, welche großen Überlappungen die verschiedenen Sprachen bezüglich ihres phonetischen Repertoires aufweisen. Alle Sprachen der Welt - und es sind wohl über 5000 - kommen mit einem phonetischen Repertoire von knapp 100 Sprachlauten aus. Schließlich ist Sprache durch prosodische Kompetenz gekennzeichnet: Die Melodie der Sprache bringt die Gefühle zum Ausdruck. Diese Kompetenz wird im Text nicht berücksichtigt; es ist die Herausforderung von Dichtern und Schriftstellern, sie zu simulieren.

Mit diesen Analysen über das Lesen würde man jedoch nur einen Teilbereich dessen erfassen, was das Lesen auszeichnet. Die naturwissenschaftliche Seite des Lesens ist notwendig, aber nicht hinreichend, um zu verstehen, auf welche Weise die Welt der Vorstellungen, der eigenen Bilder, der Gefühle entsteht. Die schriftstellerische Beschreibung und das dichterische Wort gehören einer anderen Kultur an. Doch wird das Bild aus dem Gedicht, die Vorstellung aus einem Roman oder auch der abstrakte Sinn aus einem Text nicht verfügbar, wenn nicht jene Strukturen ausgeprägt sind, die mit analytischen Verfahren untersucht werden. Diese Tatsache verlangt es, dass, um Einblick in das Lesen zu erhalten, eine Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaftlern, Geisteswissenschaftlern und auch Künstlern notwendig ist.