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8.10.2009 | Von:
Ernst Pöppel

Was geschieht beim Lesen?

Drei Sekunden

Das gemeinsame Wirkfeld von Wissenschaftlern und Künstlern zeigt sich in bemerkenswerter Weise bei der zeitlichen Struktur von Gedichten. Die meisten sind dadurch gekennzeichnet, dass die Dauer einer gesprochenen Verszeile auf einer zeitlichen Bühne implementiert ist, die bis zu drei Sekunden dauert, und dies unabhängig von der Sprache. Ein Beispiel von Heinrich Heine ("Buch der Lieder") möge dies verdeutlichen; der Leser kann laut rezitierend den Ablauf der Zeit überprüfen: "Zu fragmentarisch ist Welt und Leben?/ Ich will mich zum deutschen Professor begeben;/ der weiß das Leben zusammenzusetzen,/ und er macht ein verständlich System daraus."

Ist die Verszeile länger, handelt es sich in unserem Kulturkreis um einen Hexameter, der durch eine Zäsur in der Verszeile gekennzeichnet ist. Dieses zunächst blass wirkende Faktum gewinnt eine faszinierende Wirklichkeit, wenn man feststellt, dass die Verszeile einen universellen Mechanismus des Gehirns repräsentiert. Aufeinanderfolgende Informationen werden vom Gehirn automatisch zusammengefasst, aber nur bis zu einer Dauer von etwa drei Sekunden. Wahrnehmen, Erinnern, Entscheiden und Handeln sind zeitlich segmentiert, sodass nach jeweils etwa drei Sekunden ein neues Zeitfenster geöffnet wird. Die zeitliche Bühne unseres Erlebens wird frei gemacht, um eine neues Bild, einen neuen Satz zu repräsentieren. In regelmäßigen Schritten fragt das Gehirn: "Was gibt es Neues in der Welt?"

Im Gedicht kommen Sprechen, Lesen, Prinzipien der Informationsverarbeitung des menschlichen Gehirns und der künstlerische Akt zusammen. Doch dies gilt nicht nur für das Gedicht. Im gut geschriebenen Text wird darauf geachtet, und dies geschieht meist implizit, da der Schriftsteller üblicherweise kein explizites Wissen von Prozessen des Gehirns hat, dass sein abgeschlossener Gedanke in einem Dreisekundenintervall ausgedrückt werden muss. Das Deutsch ist dadurch gekennzeichnet - und hierzu besteht grammatikalisch die Möglichkeit, vor allem im schriftlichen Text -, das Verb erst sehr spät in den Text einzubringen. Dies mag verwirren, doch fordert es auch in besonderer Weise die Aufmerksamkeit.

Diese Dreisekundenfenster des Gehirns spielen im Übrigen auch in der Typografie eine wichtige Rolle. Gut gesetzte Texte ermöglichen es, eine Zeile in etwa drei Sekunden aufzunehmen, wobei die Regelmäßigkeit des Satzspiegels entscheidend ist, um möglichst anstrengungslos das Gelesene aufzunehmen und zu verarbeiten. Das Durchbrechen des Satzspiegels durch zu kurze oder unregelmäßige Zeilenlängen, etwa, um mit einem Bild eine Aussage zu machen, macht das Lesen anstrengend. Dass dies häufig versucht wird, zeigt auch, welche zunehmende Bedeutung Bilder erhalten. Die eigentliche Katastrophe im Satzspiegel findet sich aber in Schulbüchern. Wenn aus Gründen, die vermutlich mit dem Sparen zu tun haben, Zeilenlängen viel zu lang sind, wird damit den Kindern die Informationsverarbeitung erheblich erschwert. Wenn schon das Gehirn durch das Lesen missbraucht wird, dann sollten alle jene Faktoren berücksichtigt werden, die dennoch eine möglichst anstrengungslose Informationsverarbeitung ermöglichen.

Als die Besucher des fremden Sternensystems all dies über das Lesen erfahren hatten, reisten sie zufrieden wieder ab, mit neuen Hypothesen für ihre eigene Forschungsarbeit. Sie kamen zur Überzeugung, dass Lesen eine kreative Leistung des menschlichen Gehirns ist, die aber durch einen Missbrauch des Gehirns erkauft wird.