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11.9.2009 | Von:
Şahin Alpay

Die politische Rolle des Militärs in der Türkei

Ursprünge

Die politische Rolle des Militärs geht auf die Modernisierung und westliche Ausrichtung des osmanischen Imperiums zum Ende des 18. Jahrhunderts zurück. Die Bemühungen zielten damals überwiegend darauf ab, den Staat zu stärken und vor allem die Streitkräfte zu modernisieren. Dementsprechend war das Militär eine der Institutionen der Türkei, die als erste einer Modernisierung unterworfen wurde. In Ermangelung einer starken bürgerlichen Klasse akzeptierten die zivilen und militärischen Verwaltungseliten und Intellektuellen die Führungsrolle der Reformbewegung.

Mittels eines Staatsstreichs erzwang 1876 die von den intellektuellen "Jungtürken" beeinflusste Verwaltungselite von Sultan Abdülhamit II. die Verkündigung der ersten osmanischen Verfassung. Nur zwei Monate später suspendierte sie der Sultan, woraufhin sich die Jungtürkische Reformbewegung in Opposition zu diesem formierte und hierbei viel Unterstützung im Offizierskorps fand. Sie gründete die Geheimorganisation "Komitee für Einheit und Fortschritt" (später Partei), die den Sultan 1909 stürzte und die Verfassung in Kraft setzte. Die Partei für Einheit und Fortschritt erlangte durch einen Militärputsch im Jahre 1913 diktatorische Macht und entschloss sich bald darauf, auf der Seite der Mittelmächte am Ersten Weltkrieg teilzunehmen. Die Niederlage ebnete den Weg für das Ende des Osmanischen Reichs und seine Aufteilung unter den Siegermächten. Unter denjenigen, die den erfolgreichen Freiheitskrieg gegen die Besatzung ausländischer Truppen zwischen 1919 und 1922 anführten und im Jahre 1923 die Republik Türkei gründeten, befanden sich mit Mustafa Kemal Pasha (später "Atatürk") und seinen Gefolgsleuten Offiziere des Militärs, von denen die meisten dem Komitee für Einheit und Fortschritt nahe gestanden hatten. Die Republik Türkei ist also im Wesentlichen vom Militär gegründet worden.[3]

Die im Jahre 1923 gegründete Republikanische Volkspartei (CHP) der Kemalisten proklamierte im Jahr 1925 das Einparteiensystem und verordnete Reformen, um anstelle des niedergegangenen Osmanischen Reichs einen modernen säkularen Nationalstaat aufzubauen. Die offizielle Politik des autoritären Regimes zielte darauf ab, aus der multiethnischen und multireligiösen Bevölkerung eine homogene Nation zu schmieden, die türkisch spricht, an der türkischen Kultur festhält und die staatlich sanktionierte Form des sunnitischen Islam praktiziert, wie er (bis heute) vom Präsidium für religiöse Angelegenheiten repräsentiert wird. Religiöse Äußerungen waren im öffentlichen Leben verboten. Der größten religiösen Minderheit, den Aleviten, wurde die offizielle Anerkennung verweigert und letztlich der sunnitische Glaube oktroyiert. Alle muslimischen ethnischen Gruppierungen, eingeschlossen die größte ethnische Minorität der Kurden, wurden gezwungen, sich zu assimilieren und einer "Türkifizierung" zu unterwerfen. Jeder Ausdruck kurdischer Identität wurde verboten. Erst 1991 wurde der öffentliche Gebrauch der kurdischen Sprache erlaubt.[4] Die türkischen Streitkräfte garantierten nicht nur die Sicherheit des Staates und dessen kemalistische Ideologie, sondern übernahmen auch die Rolle des wichtigsten Vermittlers bei der Etablierung einer säkularen und homogenen türkischen Identität in der Bürgerschaft.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Modernisierung durch eine Demokratisierung von oben ergänzt. Der Übergang zu einem Vielparteiensystem wurde von den autoritären Machthabern in die Wege geleitet und kontrolliert, die überwiegend der CHP angehörten. Es war verboten, die kemalistische Staatsideologie in Frage zu stellen; der Kommunismus, fundamentalistische Religionen (gemeint ist der Islamismus), ethnischer Nationalismus (gemeint ist der kurdische Nationalismus) und Liberalismus in der Politik waren untersagt.[5] Die türkische Demokratie bekam so von Anfang an einen bevormundeten oder auch gelenkten Charakter, in der die Militärs eine führende Rolle übernahmen.

Fußnoten

3.
Vgl. Erik J. Zürcher, Turkey. A Modern History, London - New York 1997.
4.
Vgl. Hugh Poulton, The Top Hat, the Grey Wolf, and the Crescent, London 1997.
5.
Vgl. Ilkay Sunar, State, Society and Democracy in Turkey, Istanbul 2004.