APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Daniel Hornuff

Transzendenz im Badezimmer - Bildwelten der Badkultur

Die Duschkabine als Bühnenraum

Wenn Bosslet seine Skulptur als eine "öffentliche Dusche" paraphrasiert, bringt er damit zur Geltung, was in vielen Produktkatalogen zur Badezimmerkultur eine bildästhetische Selbstverständlichkeit wurde. In die Weite ausblicken - und gleichsam von allen gesehen werden können: das ist der königliche Traum, den vor allem die visuell werbende Duschkabinenkultur durchzieht. So inszeniert etwa die Firma HSK Duschkabinenbau KG - nach eigener Auskunft "Die Badexperten" - das Duschkabinenmodell "exklusiv" als eine Art glasgerundete Bühne und damit in einer zu Bosslets Skulptur vergleichbaren dramaturgischen Doppelnatur (Dokument 1): Das raumstärkste Element lässt alles Umstehende, womöglich selbst die restliche Wohnung zum Beiwerk verblassen und offeriert dem Duschenden den großen Auftritt. Die Kabine wird vom auratischen Glanz durchschimmert, ihre sterile Makellosigkeit, in der kein Tröpfchen Wasser die Strahlkraft trübt, verfließt in breiten Lichtreflexionen ins Immaterielle. Im Sfumato - dem bildnerischen Einsatz konturaufweichender Verunklarungen - suggeriert das Produkt seinen Mehrwert. Selbst die Bodenfläche scheint in Auflösung begriffen, nur spärlichste Requisiten - wie etwa zwei lieblose Grüngestecke - wurden zugelassen, die allerdings in ihrer offensichtlichen Künstlichkeit der Inszenierungsidee widersprechen.

Dennoch scheint eindeutig: Wer die Schwelle ins Innere der Duschkabine übertritt, gelangt in einen anderen Raum, in dem die Kategorien des Gewöhnlichen außer Kraft gesetzt werden. Die Inszenierung verspricht ein Stück Erhabenheit, in jedem Fall die Herauslösung aus dem profanen Tagesablauf. Nach der Brausekur kann sich der Gereinigte vor die Fensterfront begeben: Ähnlich dem öffentlichen Duscher in Remagen wird dann sein Blick ins weite Land hinausschweifen und in der Tiefe des Raums das gerade erfahrene Sinneserlebnis widergespiegelt finden.

Vor allem konsum- und produktästhetische Bildinszenierungen gelangen oftmals durch eine Reduktion der dargestellten Elemente zu erhöhter Wirkungskraft. Indem der Bildraum von möglicherweise ablenkenden Nebensächlichkeiten freigeräumt wird und somit kein visueller Ballast eine allzu drückende Sinnschwere erzeugt, kann die Wahrnehmung fokussiert und damit die Bedeutung des Gezeigten zusätzlich gesteigert werden. In der Beschränkung auf das Wesentliche wird dieses als das Eigentliche behauptet und kann mit vielen, durchaus einander widersprechenden Assoziationen verknüpft werden. Ein Raum etwa, in dem es neben einer freigestellten Glaswand und einer spärlichen Armatur nichts Weiteres zu geben scheint, weist damit eine nochmals verstärkte Bildaffinität auf (Dokument 2). In der Lichtdurchflutung entmaterialisiert sich der Kontext nahezu vollständig. Er wirkt reiner als rein und damit entdinglicht, wodurch die Bühnenfläche des Duschens ungleich konturgeschärfter herausgekehrt und in ihrer Präsenzkraft nochmals aufgewertet wird. Gleichsam finden hier wohl alle denkbaren Projektionen ihren Platz: Wer sich die abendliche Entspannung vom Arbeitstag ersehnt, wird seinen Wunsch als ebenso einlösbar wiederentdecken wie derjenige, dem es um einen kräftigen Energieschub am frühen Morgen geht; ebenso wird sich der Frischverliebte im amourösen Taumel, aber auch die Beziehungsgestresste, um Abstand zu gewinnen, in Gedanken schon mal hinter die Glaswand begeben können. Die Unbestimmtheit des Raums und folglich seine Sinnoffenheit vermitteln das Gefühl, das zentrale Element mit mannigfachen Vorstellungen, Ideen, Idealen, Entwürfen und Neigungen aufladen zu können.

Die Duschkabine scheint für die Inszenierung einer Bedeutungsoffenheit die entsprechenden Voraussetzungen bereitzustellen. Immerhin ist sie der Ort, an dem man sich etwas Gutes tut, sich Zeit lässt, Muße hat, um das geleerte Reservoir wieder zu füllen: um entweder ganz zu sich kommen oder aber, um sich startklar zu machen. Jedenfalls ist sie ein Platz, der ritualisiert aufgesucht wird und dennoch nicht immer zur gleichen Fiktionsreise einlädt: Während eine Kücheneinrichtung stark funktionalisiert erscheint und mitunter allein ihr Gebrauchswert die Kaufentscheidung lenkt, während die Wohnzimmereinrichtung vorwiegend eine Repräsentationsaufgabe erfüllen muss und die Ausstattung des Kinderzimmers durch Fürsorge der Eltern bestimmt ist, kann das Badezimmer von dergleichen Determinationen entlastet werden. Hier hat das Sowohl-als-auch seinen Platz, eine Mehr- und Vieldeutigkeit erhält Einzug und verspricht - gerade beim Duschen - den Eintritt in sonst verborgene Welten.

Welche enorme Bedeutung das Fiktionspotenzial mittlerweile für die Bildwerbung hat, wie stark es sie ausrichtet und dem Konsumenten einen schier unerschöpflichen Tiefenraum offeriert, beweist nachdrücklich ein Blick in die Kataloge der Schweizer Firma Duscholux: "Collection Pure" heißt etwa eines der beworbenen Produkte, eine Duschkabine, die in ihrer Unscheinbarkeit und Einfachheit durchaus fad und wenig inspirierend wirken könnte. Doch integriert in einen blaugetränkten, sterilen Raum, den nur ein paar Schattenwürfe durchkreuzen und den man auf das absolut Notwendige beschränkte, dürfen nun "Transparenz, Leichtigkeit und Eleganz" - die "präsent ist, ohne sich aufzudrängen" - erfahren werden. Was sich als bloße Unbestimmtheit oder als vage belächeln ließe, wird gerade aus diesen Gründen zielgenau und reflektiert eingesetzt: Die Stilmerkmale der Bildgestaltung spiegeln sich in der Begriffswahl wider. Die Sprache zertifiziert das Bildversprechen, bewahrheitet die visuelle Suggestion einer Überhöhungskraft und setzt semantische Fluchtlinien, die zu inneren Bildern und individuellen Vorstellungen anregen sollen. Damit greifen Formen der Inszenierung, die für jeden klassischen Theaterschaffenden eine Binsenweisheit sind: Das eigentliche Theaterspiel wird im Kopf des Zuschauers aufgeführt. Für Momente soll er den So-tun-als-ob-Charakter ausblenden, die Inszenierung vom Inszenierten entkleiden und eintreten in die veränderte Welt, sich für Augenblicke verzaubern lassen. Die Duschbühnen offerieren ähnliche Möglichkeiten der Illusion - doch nicht etwa, um vorzugaukeln, zu täuschen oder zu manipulieren, sondern im Gegenteil: Ziel ist es, die Bedürfnisse der Käufer und Sehnsüchte der Konsumenten in das Produkt hineinzuverlängern, die Duschwand, -kabine oder -fläche als konkrete Möglichkeit zu verstehen, das Erhoffte ausleben zu können. An den Adressaten ihrer Werbung lässt sich belegen, dass es der Warenästhetik schon qua Zielstellung nicht um das Auftischen einer Lüge gehen kann, liegt ihr Wesensmerkmal doch gerade darin, bestehende Wünsche aufzugreifen und zu verwirklichen.