APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Daniel Hornuff

Transzendenz im Badezimmer - Bildwelten der Badkultur

Bildkraft der Reduktion

Tatsächlich wird im letztjährigen Duravit-Produktkatalog von einer "Poesie der Reduktion" gesprochen. Vorwiegend die Badgestaltung des französischen Designers Philippe Starck sollen damit angemessen umschrieben werden. Demnach "können und wollen" WC und Bidet "ihr Gestaltungsvorbild nicht verleugnen": Man müsse schlicht von einer "Metamorphose des Eimers" sprechen, man stoße bei ihnen auf "Grundsätzliches. Auf Bedürfnisse. Frische. Sauberkeit. Körperlichkeit". Starck, so der Katalogtext weiter, habe "den Blick fürs Essentielle. Er kennt die Seele der Dinge. Erzählt Geschichten über sie, füllt sie mit Leben. Und schafft dadurch Räume, in denen die Seele Platz zum Baumeln findet."

Solche Wendungen können ihre Wirksamkeit nur dann entfalten, solange sich die nebengestellten Produktbilder jeglicher Einschränkungshinweise enthalten (Dokument 3). Der Text wurde unter zwei Kloschüsseln und zwei Bidets gesetzt - durchaus ein Wagnis, mag deren Reinheitspostulat zwar unmittelbar einleuchten, lässt sich aber vor dem Hintergrund der Intimhygiene wohl nicht gerade in erster Linie zum Seelenbaumeln überhöhen. Dass Bidet und Kloschüssel dennoch zur Sinnsuche einladen, verraten die Bilder: Nichts stört mehr den umliegenden Bildraum, zentral gesetzt und vom seitlichen Lichteinfall umschmeichelt laden die veredelten Eimer zum Ankommen, Verweilen und Überdauern ein: Wer sich auf einem von ihnen niederlässt, ist ganz und nur bei sich. Die Entzweiung, womöglich die Entfremdung infolge der tagtäglichen Hektik lässt sich abbremsen, die Benutzer dieser Objekte wieder auf das Wesentliche und Eigentliche "eintakten": Wer vom Toilettengang zurückkehrt, ist endlich eins mit sich selbst.

Die ästhetische Reduktion der Bilder bedingt also geradezu die retardierte Sprachform. Fast meint man, ein Verstummen gewahr zu werden, jedenfalls können nur noch einzelne Abstrakta die Potenzialität des Produkts erfassen und seinen vielgliedrigen Offerten gerecht werden. So wenig die Bilder eine konkrete Stimmung, eine spezielle Atmosphäre oder eine lebensreale Situation signifikant charakterisieren, sondern dem Betrachter lediglich einzelne Hinweise auf mögliche Zugewinne anbieten, so wenig setzen auch die textsprachlichen Begleitungen Ankerpunkte, die kaum Definitives, dafür aber einen erweiterten Möglichkeitshorizont in Aussicht stellen. Auch hier ist die Poesie der Reduktion ein Generator zur Fiktionsstimulanz.

Damit zeigt sich ein Grundbaustein warenästhetischer Inszenierungsmodi. Um den Gebrauchs- um einen Erzählwert erweitern zu können, das Produkt also nicht in seiner Verwendbarkeit erschöpfen zu lassen, gilt es, die Bedürfnislage des Käufers wachzurufen. Bedeutungspluralität und Sinnoffenheit sind demnach brauchbare Mittel, um möglichst breiten Konsumentenschichten die Zugänglichkeit zu bahnen. Gerade Produkte, deren Einsatz stark ritualisierten, tradierten Mustern unterliegt und die seit jeher gänzlich in ihrem Gebrauchswert aufzugehen scheinen - wie das etwa bei einer Kloschüssel der Fall ist -, sind dafür prädestiniert, neue Qualitäten zuzusichern; und möglichst jedem die Widerspiegelung und Realisierbarkeit seiner Wünsche nahe zu legen.