APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Pablo Schneider

Die Macht der Bilder - Distanzfrage

Eigenständigkeit

Gegen Mitte des 17. Jahrhunderts beschrieb ein wichtiger Beamter des französischen Hofes die Bedeutung von Person und Bild, anhand Ludwigs XIV.: "In ihrer Person und ihrem Bildnis besitzen wir zwei Könige, zu denen beiden es niemals etwas Vergleichbares geben wird."[8] An dieser Sichtweise, welche als typisch für die Zeit zu verstehen ist, hat sich bis heute nichts Grundlegendes geändert. Sie beschreibt die den Bildern zugesprochene Macht aufs eindrücklichste. Das ikonische Verständnis hat gerade nicht eine aufklärerische Betrachtung erfahren, sondern ist vielmehr nachhaltig gefestigt. Der Ikone eingeschrieben ist der Gedanke der unmittelbaren und untrennbaren Anwesenheit des Dargestellten.[9] Diese inhaltliche Belegung konnte bis zu einer Bildverwendung führen, die eine Form von Abwehrzauber zu nutzen dachte. So fanden sich in den Brieftaschen von deutschen Soldaten im II. Weltkrieg Aufnahmen von Verbrechen der Wehrmacht und SS, deren Besitz selbst ein Todesurteil hätte nach sich ziehen können. Doch scheint die Vermutung nicht unbegründet, dass diese Bilder als eine Art Talisman gegen Verletzung oder Tod genutzt wurden.[10] Ihre Kraft und ihre Macht gewannen sie aus der Kombination von Motiv und Erscheinungsart, hier der Photographie. Die Gefahr von Authentizität und doppeltem Tod, durch das Sichtbare wie im Akt der Entdeckung, konnte nur dadurch aufgehoben werden, dass dem Bild eine Eigenständigkeit zugestanden wurde. Greueltat oder Heiligendarstellung verbanden sich im Objekt und konnten äquivalent ihre Wirkungen entfalten. So treffen sich Gegenstand und Darstellung als Bild und beeinflussen oder erzwingen Handeln, sei es als Stellungnahme und Gefühlsäußerung im Beispiel von Kate McCann und der Einfügung einer christlich ausgerichteten Ikonologie, sei es im privaten Abwehrzauber des Zweiten Weltkriegs. Der von André Félibien, dem Mitbegründer der Kunsttheorie in Frankreich zur Zeit Ludwigs des XIV., so treffend vorgestellte Akt der Repräsentation, der auch im unmittelbar Sichtbaren die Metamorphose vom Bild zur Darstellung leistet, wirkt mit verdrängter Machfülle weiter.

Die eindeutig anti-illustrative Ausrichtung der Bilder, die Absage an den bannenden Versuch, der in der Vokabel der Abbildung eingefangen ist, ist im Objekt wie in den an ihm vollzogenen Handlungen zu beobachten. Alle Arten von Bilderstürmen, von der Reformation bis zum zweiten Irakkrieg, berichten eindrücklich von Macht und Beseelung der Bildobjekte. Wären Darstellung und Gegenstand beschränkt auf die Aufgabe der visuellen Ergänzung, wäre es nicht nötig gewesen, die Kopie von Pablo Picassos Guernica am Sitz der UNO in New York am 4. Februar 2003 zu verhüllen. Wäre das Motiv nur als abbildendes und damit als passiv verstanden worden, hätte dieses die Ausführungen des Außenministers der USA Colin Powell durchaus begleiten können. Denn das Ziel, Massenvernichtungswaffen aufzuspüren, um sie zu vernichten und so Leid zu verhindern, würde dem Thema von Guernica nicht unbedingt widersprechen. Doch zeigt der Vorgang, dass dem Bild die Möglichkeit der Zeugenschaft, und eben nicht nur der Berichterstattung, zugesprochen wurde. Das Bild wird also als etwas verstanden, das anwesend ist und zu sehen vermag, was in seinem Beisein geschieht. Diese Kraft und diese Macht wird ihm aber durch den Betrachter zugesprochen und ist nicht als Teil einer mythologischen Erzählung und Aufladung zu verstehen. So ließe sich gerade an dieser Stelle ein aufklärerischer Impuls ansetzen, der die aktiven Handlungsfähigkeiten von Motiven und Darstellungsarten anerkennt, ohne dass er diese zu unterdrücken versucht. Bilder vermögen das, was wir als Wahrheit und Realität zu deuten beabsichtigen, zu gestalten. Hierin sind sie singulär und erfahren ihre Sinnstiftung.

Fußnoten

8.
Zitiert nach Stefan Germer, Kunst - Macht - Diskurs. Die intellektuelle Karriere des André Félibien im Frankreich von Louis XIV., München 1997, S. 220.
9.
Vgl. Hans Belting, Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst, München 1991.
10.
Vgl. Kathrin Hoffmann-Curtius, Trophäen und Amulette. Die Fotografien von Wehrmachts- und SS-Verbrechen in den Brieftaschen der Soldaten, in: Fotogeschichte, 78 (2000), S. 63 - 77.