APUZ Dossier Bild

29.6.2009 | Von:
Everhard Holtmann

Signaturen des Übergangs

Pfadmodell und Verlaufslogik des Systemwandels

Die Metapher des Entwicklungspfades ist der Theorie des Historischen Institutionalismus entlehnt.[2] Der ihr korrespondierende bildhafte Begriff "sprunghafter" Entscheidungen verweist darauf, dass im Fortgang des Pfades wiederholt Verzweigungen (critical junctures) auftauchen, welche die Akteure in offene Entscheidungssituationen stellen und ihnen Weichenstellungen abverlangen. Die Entscheidung ist riskant, weil die Folgen ungewiss sind. Ein Entwicklungspfad festigt sich in dem Maße, wie die Richtungsentscheidungen institutionell verstetigt werden und wie sich weitere "unterwegs" ausprobierte Muster zur Steuerung und Lösung komplexer Probleme aus Sicht der Beteiligten bzw. Betroffenen bewähren. Rational handelnde Akteure sehen sich in der Regel nicht veranlasst, von einem bewährten Entwicklungspfad abzuweichen. Das Handeln der Akteure bewegt sich hinfort in erprobten Wiederholungsschleifen, das heißt, es kommt zu den Effekten von increasing returns, die den Pfad stabilisieren.

Die im Pfadmodell skizzierte Verlaufslogik gibt den tatsächlichen Entwicklungsgang der deutschen Einigung recht gut wieder, auch deren mäandernde Windungen. Wo lassen sich Umschlagspunkte "signieren", an denen kritische Entscheidungen zu fällen waren und die, verglichen mit der Zeit davor, eine neue Pfadqualität markieren? Solche Signaturen haben sich mehr oder weniger markant eingeprägt. Während sich in der Regel genau bestimmen lässt, wann Reformen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung formell umgesetzt worden sind, vollzieht sich Wandel beim Erzeugen und Überdenken, beim Lernen und Verstetigen von Handlungsmustern und Selbstdeutungen als fließender Prozess. Folglich sind phasenbildende Prägungen, die von informalen Verständigungen und kulturellen Orientierungen ausgehen, weicher gezeichnet. Sie treten erst dann deutlicher zutage, wenn ihre Effekte über längere Zeitabschnitte vergleichend betrachtet werden.

Der Neubau von Institutionen und das Neujustieren von Handlungsmustern stehen für unterschiedliche und auch unterschiedlich sichtbare Bewältigungsvarianten des Systemwandels. Ob sie modellhaft werden und sich bewähren, erweist sich erst in der Längsschnittbetrachtung. Wie die im Verlauf der deutschen Einigung situativ auftretenden Herausforderungen (challenges) von den Akteuren im Einzelfall angenommen und in Gestalt von responses beantwortet worden sind, kann hier nicht ausführlich dargelegt werden.[3] Sowohl institutionelle Verfestigungen, die aus der Bearbeitung einigungsbedingter Probleme entstanden, als auch darauf gerichtete Orientierungen werden in das nachstehend vorgestellte Drei-Stufen-Modell des Einigungspfades einbezogen. Mit diesem Phasenschema werden die in der Systemwechselforschung geläufigen Kategorien der "Transition" und der "Transformation" um den Phasenbegriff der "Posttransformation" ergänzt.[4] Auch für die posttransformatorische Entwicklungsstufe werden Strukturmerkmale und Kulturmuster benannt, die diesen dritten Übergang vornehmlich aus der Sicht der ostdeutschen Umbruchslandschaft "signieren".

Fußnoten

2.
Vgl. Paul Pierson, Increasing Returns, Path Dependence, and the Study of Politics, in: American Political Science Review, 95 (2000), S. 251 - 267.
3.
Vgl. Heinrich Best, Der Challenge-Response-Ansatz als forschungsleitende Perspektive für die Transformationsforschung, in: Dorothée de Nève/Marion Reiser/Kai-Uwe Schnapp (Hrsg.), Herausforderung-Akteur-Reaktion. Diskontinuierlicher sozialer Wandel aus theoretischer und empirischer Perspektive, Baden-Baden 2007, S. 11 - 23.
4.
Die Phasenfolge gründet in Überlegungen im SFB 580 der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der an den Universitäten Jena und Halle seit 2001 gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch untersucht. Vgl. Everhard Holtmann/Helmut Wiesenthal, Transition-Transformation-Posttransformation (SFB 580 Mitteilungen 31), Jena-Halle 2009.