APUZ Dossier Bild

29.6.2009 | Von:
Everhard Holtmann

Signaturen des Übergangs

Geminderte Handlungsrisiken - die Phase der Posttransformation

Im Laufe der Posttransformation verdichten sich die Anzeichen dafür, dass allmählich eine "neue Normallage"[13] eingekehrt ist. Zwar bleibt das management of uncertainty,[14] das Bemühen, durch unsichere Gewässer zu steuern, eine Daueraufgabe. Akteure sehen sich nach wie vor zu "riskanten" Wahlhandlungen genötigt. Doch rücken jetzt einerseits stärker globale - und weniger einigungsbedingte - Anforderungen der Risikokontrolle, wie jüngst die Folgenabschätzung der weltweiten Finanzmarktkrise, in den Vordergrund. Zum anderen gehen den Akteuren zwar nicht die Probleme aus, aber diese werden handhabbarer: Nunmehr bestimmen "immer weniger die Altlasten aus der Zeit vor der Systemtransition oder die Probleme des Übergangs selbst, sondern überwiegend die ungeplanten und vielfach unerwünschten Folgewirkungen eines in weiten Teilen durchaus geglückten Transformationsprozesses den Problemhaushalt (...)".[15]

Ausgedrückt wird damit die Annahme, dass Pfadabweichungen oder gar eine Pfadumkehr zunehmend weniger wahrscheinlich werden. Weil sich in der Posttransformation die Vorwarnzeiten,[16] innerhalb derer sich Risiken aufbauen, verlängern und weil zudem mit Risikolagen insofern entspannter umgegangen werden kann, als - anders als früher - genauer abschätzbar ist, wer von bestimmten Lösungsvorschlägen betroffen ist, wird die Bearbeitung der Probleme leichter. Gewöhnungseffekte ließen sich auf der Ebene der individuellen Bewältigung einigungsbedingter Herausforderungen schon in der Zeitspanne der Transformation nachweisen. Das trifft auch für Regionen zu, in denen die Beschäftigungschancen und stützende soziale Infrastrukturen schwach ausgebildet sind. "Wenn (...) viele andere Bewohner der Region von ähnlichen Problemen betroffen sind, so sind die eigenen Probleme nicht mehr so stark für das psychische Befinden relevant."[17] Zu erwarten ist aber, dass sich die Persönlichkeitsmerkmale, die einen selbstsicheren Umgang mit Anforderungen des Wandels begünstigen, im Fortgang der Posttransformationsphase in der Rangfolge verschieben. Kam es zunächst auf die individuelle Ausstattung mit psychosozialen Ressourcen wie Selbstvertrauen und soziale Unterstützung an, so dürfte der Faktor Bildung als Chance zur Entwicklung persönlicher "Selbstwirksamkeit" bedeutsamer werden.[18]

Als Signaturen der Posttransformation lassen sich folgende Vorgänge bzw. Sachverhalte in thesenhafter Form benennen:

1. eine hinreichend hohe Leistungsfähigkeit und eine gefestigte kulturelle Verankerung der staatlich-politischen Einrichtungen: Wie neueste repräsentative Erhebungen bestätigen,[19] werden die Strukturentscheidungen des Grundgesetzes sowie die Leitziele einer sozial verpflichteten Marktwirtschaft von der breiten Mehrheit bejaht;

2. relativ stabile Handlungsmuster der Akteure: Eingebettet in die neue Ordnung öffentlicher Institutionen, die inzwischen weithin selbstverständlich in Besitz genommen wird, haben sich auf der Ebene der Akteure vertraute und durch Erfahrung gehärtete Muster des Agierens und Reagierens ausgeformt;

3. ein Übergang zu "normaler" Ungleichheit: Mit dem Abklingen der Anpassungskrise, die dem wirtschaftlichen Strukturwandel folgte, setzen sich Mechanismen vertikaler sozialer Mobilität stärker durch. Die persönlichen Chancen und Risiken werden weniger durch die zufallsbedingte Zugehörigkeit zum Schicksalskollektiv von Einigungsverlierern bestimmt, sondern mehr an den individuellen Nachweis formaler Qualifikation und effektiver Leistung gebunden. Solche "normalisierte" Ungleichheit, die aus der Dynamik moderner Leistungsgesellschaften resultiert, überlagert jedoch allenfalls jenes ältere soziale Gefälle zwischen Gewinnern und Verlierern der Einigung, das noch länger sichtbar bleiben wird;

4. ein steigender Handlungsdruck infolge sich belastend auswirkender Umfeldbedingungen: Während sich der Risikograd von Problemlagen abmindert, wachsen die Herausforderungen durch kontextuelle Faktoren, die nicht oder nur mittelbar einigungsbedingt sind. Hierzu gehören die weltweite Vernetzung der Volkswirtschaften und Märkte, die Alterung der Gesellschaft, die Überschuldung der öffentlichen Haushalte, die Abwanderung gut ausgebildeter jüngerer Menschen nach Westdeutschland, die niedrige Wahlbeteiligung sowie eine verbreitete Unzufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie. Solche Belastungen können auch Anreize freisetzen, um kreative Lösungen zu ersinnen;

5. ein demokratieverträgliches Austragen von Interessenkonflikten: Gesellschaftliche Verteilungskämpfe und selbst Kontroversen um Wertentscheidungen setzen keine soziale Dynamik frei, die über den Rahmen der Verfassungsordnung hinausweist. So sind etwa die zu neuen "Montagsdemonstrationen" ausgerufenen Proteste gegen die Hartz-IV-Gesetze im Sommer 2004 niemals nur in die Nähe einer kritischen Größenordnung sozialer Unruhen gekommen. Auch unter den Vorzeichen der aktuellen Krise des Finanzkapitalismus wird in Ostdeutschland die Systemfrage weder seitens der Eliten noch in der Mehrheit der Bevölkerung ernsthaft gestellt;

6. eine Angleichung und Spreizung im Beschäftigungsmodell: "Unsere vergleichenden Analysen für Ost- und Westdeutschland zeigen, dass offene betriebliche Beschäftigungssysteme und externe Teilarbeitsmärkte nach Abschluss des ersten Transformationssturms Anfang der 90er Jahre in beiden Landesteilen weiter an Gewicht gewonnen haben." Gleichzeitig sind jedoch mit der in Ostdeutschland stärker ausgeprägten, kastenähnlichen Spaltung in Stamm- und Randbelegschaften sowie einer rascher fortschreitenden Umstellung der Grundsätze innerbetrieblicher Personalpolitik von Betriebstreue auf Leistung und Ertragskraft auf dem Arbeitsmarkt "sprungweise neue Muster entstanden".[20]

7. eine wachsende Konvergenz der Eliten und eine sich verbreiternde Kluft zwischen Eliten und Bevölkerung auf der Einstellungsebene: Die Einstellungen und professionellen Orientierungen ost- und westdeutscher Positionseliten haben sich einander angenähert. Wer in Ostdeutschland in Ämter und Mandate eingerückt ist, verhält sich weitestgehend loyal zu den Normen und Spielregeln des Parteienstaates und der repräsentativen Demokratie. Andererseits vergrößert sich die vertikale Distanz zwischen Eliten und Nichteliten in beiden Landesteilen. Speziell Politiker stehen häufig unter dem Generalverdacht des Eigennutzes.[21]

Nicht zuletzt diese "innere Distanznahme", so lautet eine unserer zentralen Annahmen, wird den Entwicklungspfad der Einigung auf unabsehbare Zeit begleiten. Das politische System sowie die Wirtschafts- und Sozialordnung des posttransformatorischen Deutschland erscheinen insgesamt konsolidiert. Zum Gesamtbild gehören indes auch konsolidierte Problem- und Konfliktlagen. Die psychologischen Hypotheken des Umbruchs sind noch nicht gelöscht. Zudem bauen sich in Gestalt von Migration, demographischem Wandel und wirtschaftlicher Rezession Herausforderungen auf, die das unfertige Werk der Einheit zurückwerfen können. Eine Pfadumkehr erscheint dennoch ausgeschlossen.

Fußnoten

13.
Vgl. R. Czada (Anm. 11), S. 259.
14.
Peter A. Hall/Rosemary C.R. Taylor, Political Science and the Three New Institutionalisms, in: Political Studies, 44 (1996), S. 951.
15.
SFB 580 (Anm. 12), S. 17.
16.
Vgl. Hartmut Rosa/Steffen Schmidt, Which Challenge, Whose Response?, in: D. de Nève u.a. (Anm. 3), S. 53 - 72.
17.
Rainer K. Silbereisen/Martin Pinquart (Hrsg.), Individuum und sozialer Wandel, Weinheim - München 2008, S. 29.
18.
SFB 580 (Anm. 12), S. 30.
19.
Siehe zuletzt Konrad Adenauer Stiftung, Demokratieverständnis in Deutschland, St. Augustin 2009.
20.
Chr. Köhler u.a. (Anm. 12), S. 17f., S. 19.
21.
Vgl. Ossip Fürnberg/Everhard Holtmann/Tobias Jaeck, Sachsen-Anhalt-Monitor 2007, Halle 2007.