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29.6.2009 | Von:
Regina Bittner

Kulturtechniken der Transformation

Ankunft wo?

Mit dem Ende der DDR waren ihre Bewohner aufgefordert, sich in ihrem Verhältnis zu Gesamtdeutschland, zu ihrer Stadt oder zu ihrer Region neu zu definieren. Zu erwarten war, dass traditionelle Vorstellungen von Nation, die vom SED-Staat verweigert worden waren, aktualisiert werden. Solche Erwartungen fanden ihre Begründung unter anderem im schnellen Wechsel, mit der im Herbst 1989 die Wende von "Wir sind das Volk!" zu "Wir sind ein Volk!" vollzogen wurde.

Im Alltag verankerte Identifikationen mit der Nation schienen bereits zu existieren. Auch regionale Identifikationen hätten eine Chance gehabt: So tauchte bereits bei den Demonstrationen im Herbst 1989 in Dresden die sächsische Fahne auf. Generell lässt sich behaupten, dass die Wiedervereinigung ein von nationalen Ansprüchen getragenes Projekt gewesen ist. Einige Sozialwissenschaftler gehen inzwischen davon aus, Ostdeutschland sei einer der Fälle, die "am offenkundigsten illustrieren, wie stark und extrem kostspielig sich nationalisierende Mechanismen auf den Transformationsverlauf auswirken können - von der Hast, mit der die Vereinigung betrieben wurde, bis zu dem Ziel der vollen Angleichung zwischen Ost und West".[3] Umso mehr musste die seit Mitte der 1990er Jahre sichtbare und langfristig wirkende Differenz zwischen Ost und West als Versagen des Nationalstaates wahrgenommen werden. Wenn aber das an die nationalstaatliche Einheit gekoppelte Versprechen auf gleiche Lebensbedingungen nicht eingelöst werden konnte - welche Identifikationen sind es dann, die den Bewohnern zwischen dem Fichtelberg und Kap Arkona Orientierung und Halt in den unsicheren Zeiten des Umbruchs bieten konnten?

Viele Studien zu Ostdeutschland haben herausgearbeitet, dass die Neuverortung der Ostdeutschen nach 1990 gerade deshalb einen konfliktreichen Prozess darstellt, weil es sich um einen doppelten Strukturbruch handelte. Der gesellschaftliche Systembruch fand vor dem Hintergrund eines weltweiten Strukturwandels statt. Der Sprung von einer eher geschlossenen Gesellschaft in den globalen Raum hatte unmittelbare Effekte: der brain drain junger, gut ausgebildeter Menschen, die Ansiedlung von Unternehmen mit globaler Arbeitsteilung, neue Mobilitätsoptionen und -zwänge. Neben in globale Wirtschaftskreisläufe integrierte Inseln von Hightech-Unternehmen existieren Räume, die nahezu ohne wirtschaftliche, kulturelle und soziale Dynamik in einer "bleiernen Zeit" verharren.

Ist das der Nährboden, aus dem "Ostdeutschland" als Transformationsfigur entstand? Offensichtlich zwingt die Perspektive längerfristiger und sich wahrscheinlich noch verschärfender Ungleichheit zwischen den alten und den neuen Bundesländern zu einer anderen Selbsteinordnung der ostdeutschen Gesellschaft. Es sind Enttäuschungen angesichts wachsender sozialer Ungleichheiten, Gefühle der Fremdbestimmtheit sowie der eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten, die in der Kritik an dem eingeschlagenen Transformationspfad artikuliert werden. Ist das neue "Wir-Gefühl" der Ostdeutschen, das seit Mitte der 1990er Jahre in Sozialwissenschaften, Medien und Politik reflektiert wird, lediglich Ausdruck dieser kollektiven Enttäuschungserfahrung? Aus welchem Stoff ist "Ostdeutschland" als kollektives Identitätskonstrukt gemacht?

Aus der Akzeptanz schlechterer Lebensbedingungen resultiert auch die Behauptung einer Eigenständigkeit. Bücher wie Wolfgang Englers "Die Ostdeutschen als Avantgarde" sind Versuche, Widerständigkeit, Eigensinn und Innovation dort zu identifizieren, wo andere "Duldungsstarre" attestieren (Alexander Thumfart). Ostdeutschland als kulturelles Konstrukt ist Ausdruck dieser Differenz, der erlebten Ungleichheit und der behaupteten Eigenständigkeit. Insofern artikulieren sich in der Rede über Ostdeutschland Erfahrungen des Umgangs mit den Krisen, Verwerfungen und Enttäuschungen, welche die Jahre der Transformation mit sich gebracht haben. Diesem symbolischen Bezugssystem, so Ina Dietzsch, liege aber nicht so sehr eine stereotype Unterscheidung zwischen Ost und West zu Grunde: Ostdeutschland "hat sich zum einen als flexibel genug erwiesen, um die Teilhabe an der gesamtdeutschen Nation (und ihrem Wohlstand) einzufordern. Zum anderen ist es inhaltlich vielseitig genug geworden, um den transitorischen Lebenssituationen im gesellschaftlichen Wandel gerecht zu werden." Immer neue Deutungen wurden in diesen "Erfindungsdiskurs" eingebracht und haben zu einer Pluralisierung beigetragen.[4] Insofern erfasst das kulturelle Konstrukt "Ostdeutschland" ganz unterschiedliche Erfahrungen mit der Integration in die neue Gesellschaft.

Ina Dietzsch betont, dass es der "89er Generation" gerade nicht um die Konstruktion einer historischen Kontinuität gehe. Vielmehr sei "ostdeutsch der Name für Erfahrungen in einem Zwischenraum, der sich aus dem Verschwinden der DDR und dem Nicht-Ankommen im vereinten Deutschland ergibt". Der Begriff der "Zone" bei Jana Hensel hat ähnliche Konnotationen.[5] Ist ostdeutsch also eher Ausdruck einer hybriden Konstellation? Mit der Erweiterung der Bundesrepublik auf das ehemalige Territorium der DDR haben sich die mit dem physischen Raum Ostdeutschland verbundenen kulturellen Konnotationen abgelöst und führen als Konglomerat von Vorstellungen und Interpretationen ein Eigenleben. "Ostdeutsch" meint für die einen nostalgischer Rückbezug angesichts transformationsbedingter Unsicherheiten und Ungewissheiten; für andere ist es Ausdruck besonderer Risikobereitschaft und Kreativität. Insofern hat das kulturelle Konstrukt die soziale Realität einer stark sozial differenzierten, ehemals aber eher homogenen, "arbeiterlichen" Gesellschaft zum Hintergrund.

Fußnoten

3.
Andreas Pickel, Die Entdeckung der Kultur und die Zukunft der Transformationsforschung, in: Berliner Debatte Initial, 15 (2004) 5/6, S. 69.
4.
Vgl. Ina Dietzsch, Die Erfindung der Ostdeutschen, in: Eva Schäfer et al. (Hrsg.), Irritation Ostdeutschland, Münster 2005, S. 95.
5.
Ebd., S. 97; Jana Hensel, Zonenkinder, Reinbek 2002.