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29.6.2009 | Von:
Regina Bittner

Kulturtechniken der Transformation

Neue Heimat

Mit der Wiedervereinigung wurde das in 14 Bezirke gegliederte Raumgefüge der DDR aufgelöst, und an dessen Stelle wurden fünf neue Bundesländer gegründet. In welcher Beziehung steht das weniger am Raum denn an ideellen und normativen Bezügen ausgerichtete Konstrukt "Ostdeutschland" zu regionalen Bezügen? Können Regionen die "Kompetenz zur Kompensation der Begleiterscheinungen von Modernisierungs- und Globalisierungsprozessen in Form sichernder Sinnvermittelung und affektiv bindender Beheimatung" übernehmen?[6] Und damit Ostdeutschland als Bezugssystem relativieren?

Wolfgang Luutz hat eindrucksvoll gezeigt, dass das "Projekt Sachsen" auch ein Versuch war, zwischen Regionalisierung und Nationalisierung zu vermitteln und zugleich Sachsen für Europa "fit" zu machen. Mit der Anrufung der großen Geschichte des ältesten deutschen Freistaates wurden Zukunftsprojektionen entworfen: Sachsen solle seinen angestammten Platz unter den deutschen Regionen wieder einnehmen, als Raum geistig-kultureller Reichtümer und ingenieur-technischer Innovationen. Diese ruhmreiche Vergangenheit sei durch zwei Diktaturen lediglich unterbrochen worden. Regionales bzw. sächsisches Selbstbewusstsein sei nur zu haben, wenn sich die Bevölkerung von der verhängnisvollen Verstrickung mit der DDR-Geschichte löse. Zugleich wird Sachsen als "Land der Erfinder und Tüftler", als Modellraum präsentiert, der neue Wege beschreite.[7]

Regionen haben als räumliche Bezugsrahmen staatlicher Ordnungspolitik in der DDR kaum eine Rolle gespielt. Die Gliederung in Bezirke folgte administrativen Beweggründen wie ökonomische Zusammengehörigkeit und infrastrukturelle Erschließbarkeit. Überlieferte Regionalisierungen wurden in den Hintergrund gedrängt. Gleichwohl weisen alltagskulturelle und karikaturistische Zuschreibungen von "Fischköpfen" und "Sachsen", deren Differenzen nicht nur auf Fußballplätzen ausgetragen wurden, darauf hin, dass auch in der DDR ein Regionalbewusstsein existierte. Umso mehr sind Regionalisierungen in Ostdeutschland als sich aus vielfältigen Ebenen zusammengefügte Verräumlichungen sozialen Handelns zu betrachten. Matthias Middell identifiziert neben der lokal-lebensweltlichen Ebene der Bundesländer eine auf Ostdeutschland bezogene Ebene des Regionalisierens, die wiederum "Verbindungen mit nationalisierenden und transnationalisierenden Perspektiven" eingeht.[8]

Gleichwohl stellen Regionalforscher fest, dass mit zunehmender Binnendifferenzierung in West- wie Ostdeutschland auch die für das ostdeutsche Regionalbewusstsein charakteristische Abgrenzung zum Westen mehr und mehr zurücktritt: "Ostdeutsches Regionalbewusstsein", so Wolfgang Bergem, unterscheide sich vom westdeutschen gerade dahingehend, "dass die Identifikation mit der eigenen Region die Selbstverortung als Gesellschaft der ehemaligen DDR, die Identität vor allem in der Abgrenzung und Negation von etwas Anderem, von Westdeutschland begründet, in den Hintergrund rücken lässt". Bergem behauptet, regionale Identität in Ostdeutschland ermögliche zwar eine Unterscheidung zum Westen, aber diese beziehe sich nicht mehr auf die gemeinsame Geschichte der Ostdeutschen. Vielmehr entstehe die paradoxe Situation, dass die "Hinwendung zu regionalen, also subnationalen Identitäten" die Ost-West-Differenz relativiert und diese territorial orientierte Pluralisierung und Differenzierung die nationale, politisch-kulturelle Integration in die Berliner Republik fördert. "Hybridität, Melange und Transkulturalität" sind für ihn "Schlüsselkategorien zum Verständnis der komplexen Situation kollektiver Identitäten in Ostdeutschland (...). In diesem Amalgam verbinden sich das Empfinden regionaler Zugehörigkeit, der aus dem kulturellen Gedächtnis rekonstruierte Erinnerungs- und Erzählzusammenhang DDR, das Bewusstsein der Staatsbürgerschaft im Nationalstaat Deutschland und die noch wachsende Selbstwahrnehmung als Europäer."[9]

Aufschlussreich ist eine Studie über Veränderungen in den regionalen Identifikationen in Sachsen. Am Beispiel von Einwohnern Leipzigs und des mittleren Erzgebirges geht die Dissertation von Jan Skrobanek der räumlichen Identifikation an beiden Orten nach. Dabei zeigt sich, dass die Identifikation mit der Region wesentlich höher ist als die zur Nation oder gar zu Europa. Skrobanek arbeitet mit Unterscheidungen zwischen Alterskohorten und Qualifikationen und stellt fest, dass mit zunehmendem Alter die Identifikation mit der Region, also mit Sachsen, steigt, während das Zugehörigkeitsgefühl zu Europa eher gering ausfällt. Das Gefühl, Ostdeutscher zu sein, stellt sich als generationenübergreifendes Phänomen heraus. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass bei niedrigen Bildungsabschlüssen der Befragten die Identifikation mit der Region am höchsten ist, während bei höheren Abschlüssen transnationale Bezüge bzw. Orientierungen am ausgeübten Beruf vermehrt in den Vordergrund treten.

Bei eingeschränktem Handlungsspielraum ist der Radius alltäglichen sozialräumlichen Handelns der Nahbereich. Demgegenüber stehen Akademikern sowie kulturellen und politischen Eliten andere Optionen zur Identifikation zur Verfügung, der regionale Bezug fällt gering aus. Dennoch erweist sich der Bezug zu Ostdeutschland gegenüber der nationalen und europäischen Ebene generell als bedeutsamer. Es scheint, als ob Ostdeutschland, eine politisch-administrativ völlig irrelevante Ebene, eine vermittelnde Funktion zwischen Regionalisierung und Nationalisierung einnimmt.[10] Wenn mit der Ausdifferenzierung des Sozialraumes Ostdeutschland auch veränderte sozialräumliche Identifikationen verkoppelt sind, so ist das kein konfliktloser Prozess. Denn gerade für diejenigen mit geringeren Mobilitätsoptionen und Lebenschancen stellt sich der Nahbereich, das Lokale bzw. Regionale, auch als "Falle" dar.

Franziska Beckers Studie über Görlitz im Stadium der Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas 2010 beschreibt ein "konfliktreiches Aushandlungsfeld von konfligierenden Identitätskonstellationen". Zwischen den "Zugezogenen" wie neuen Dienstleistern, Akademikern, politischen Eliten und Touristen, die im Aufwertungsprozess der Stadt als Kulturhauptstadt Chancen und Entwicklungspotentiale vermuten, und den "Dagebliebenen", die trotzig die lokale Verwurzelung verteidigen, bewegen sich die Ortsbezüge in Görlitz.[11] Ähnliche Beobachtungen macht Jörg Dürrschmidt in der deutsch-polnischen Grenzstadt Guben/Gubin. Ambivalente Formen der "Sässigkeit" sind zu besichtigen, die durch die Konfrontation mit Transformationsgewinnern auf polnischer Seite auf besondere Weise ins Schwingen geraten. "Sich einrichten" heißt hier vor allem Totalrückzug, eine Haltung, die an eingeübte Verhaltensmuster der "Nischengesellschaft Ost" anknüpfen kann.[12] Was Dürrschmidt als Modus der "Sässigkeit" für die Dagebliebenen herausarbeitet, das Insistieren auf einen Ort der Unveränderlichkeit und Normalität in einem Kontext, der durch das Aufbrechen von Bezugsrahmen und Soziallandschaften, durch neue soziale Differenzierungen und mobilisierte Verortungen gekennzeichnet ist, scheint von ambivalenten kollektiven Identitätskonstruktionen begleitet zu sein. Das Gubener Beispiel ließe sich, um den Begriff von Manuel Castells zu bemühen, als defensive space beschreiben: Räume, die von denen errichtet werden, die vom Leben in einer sich beschleunigenden postindustriellen Gesellschaft mehr und mehr ausgeschlossen werden.[13]

Ulf Matthiesen hat diese ambivalenten Muster der "Neuverortung" im Zuge des Transformationsprozesses auf die anthropologischen Koordinaten des Eigenen und des Fremdem zurückgeführt. Gesellschaftliche Umbrüche wie die in Ostdeutschland hätten diese Koordinaten menschlichen Handelns gründlich durcheinandergebracht. Was als "Eigenes" galt, erfährt eine massive Umdeutung im Zuge der Abwertung, mit der viele Orte konfrontiert sind, während das "Fremde", ob auf der Ebene international agierender Unternehmen, westdeutscher Berater oder Migranten, als Bedrohung wahrgenommen wird. Am Beispiel des Verflechtungsraums Berlin-Brandenburg beobachtet er Hybridformen: Rekodierungen des Eigenen und Fremden, Lokalen und Translokalen als Versuche, die Irritationen zwischen Fremdheit und Nähe neu auszutarieren. "Unter dem starken Transformations- und Globalisierungsdruck", so Matthiesen, "werden Naherfahrungen offenkundig strukturell besonders prekär. Umso dringender bedürfen sie der Rekodierung bzw. eines spezifischen re-embedding. Zugleich wird der Einbruch von unberechenbaren Fremdheitserfahrungen zum chronisch erwarteten Erfahrungshintergrund."[14] So stellt sich die Ankunft in den Regionen Ostdeutschlands als schwieriges Terrain dar, ist die "Neue Heimat" vor allem eines: unsicher und umkämpft.

Fußnoten

6.
Wolfgang Bergem, Kultur als Identitätsgenerator in ostdeutschen Regionen, in: Walter Reese-Schäfer (Hrsg.), Identität und Interesse: Der Diskurs in der Identitätsforschung, Opladen 1999, S. 198.
7.
Vgl. Wolfgang Luutz, Region als Programm: Zur Konstruktion sächsischer Identität im politischen Diskurs, Baden-Baden 2002, S. 85.
8.
Matthias Middell, Regionalisieren ohne Regionalismus, in: Ina Dietzsch/Kristina Bauer-Volke (Hrsg.), Labor Ostdeutschland, Berlin 2003, S. 276.
9.
W. Bergem (Anm. 6), S. 199.
10.
Vgl. Jan Skrobanek, Regionale Identifikation, negative Stereotypisierung und Eigengruppenbevorzugung - Das Beispiel Sachsen. Diss., Leipzig 2002, S. 159ff.
11.
Vgl. Franziska Becker, Die Grenzstadt als Laboratorium der Europäisierung, in: Martina Löw/Helmut Berking (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Städte, Baden-Baden 2005, S. 96ff.
12.
Vgl. Jörg Dürrschmidt/Anna Zinserling, Fallanalysen zum Verhältnis von Transformationspfaden und Formen der Sässigkeit in der polnischen Eurocity Guben/Gubin (Arbeitsmaterialien IV, Projekt Schrumpfende Städte), Berlin 2004, S. 35.
13.
Vgl. Manuell Castells, The Rise of the Network Society, Oxford 1996, S. 402.
14.
Ulf Matthiesen, Fremdes und Eigenes am Metropolenrand: Postsozialistische Hybridbildungen in den Verflechtungsmilieus von Berlin und Brandenburg, in: ders. (Hrsg.), An den Rändern der deutschen Hauptstadt, Opladen 2002, S. 342.