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29.6.2009 | Von:
Regina Bittner

Kulturtechniken der Transformation

Migrant Ostdeutschland - eine Ressource?

Die Selbstethnisierung, die Neuerfindung der eigenen Kultur im Kontext der neuen Gesellschaft, ist allerdings nicht so zu verstehen, dass sich diese mit erfolgreicher Integration im Ankunftsland in der Mehrheitsgesellschaft aufzulösen beginnt. In der Migrationsforschung ist der Begriff der imagined community eingeführt worden, um die Netzwerkbeziehungen von Einwanderern zu beschreiben, die sie mit ihrem Herkunftsland unterhalten. Heute sind neue mobile Migrationsmuster zu beobachten, die es Migrantinnen und Migranten erlauben, mit spezifischen Netzwerkstrategien trotz fehlender staatlicher Fürsorge erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt zu agieren und auf diese Weise die fehlende Unterstützung der Ankunftsgesellschaft zu kompensieren. Beim Pendeln zwischen Staaten werden die Netzwerkmitglieder so platziert, dass sie die Optionsstrukturen dieser Länder nutzen können. Ein neues "mobiles Migrationsmuster" ist im Entstehen, das weder durch dauernde Mobilität noch durch dauernde Sesshaftigkeit charakterisiert ist und räumlich erweiterte Migrantenfamilien hervorbringt.[15]

Was hat das mit den Ostdeutschen zu tun? Hat die im Zuge der Selbstethnisierung einsetzende Identifikation als Gruppe auch die entsprechenden Netzwerke hervorgebracht, die sie unabhängiger werden ließen von den Integrationsangeboten der Aufnahmegesellschaft? Ostdeutschland, wo nach 1990 ein kompletter Institutionentransfer stattfand, wurde bescheinigt, dass hier die Ausprägung eigener Institutionen und Netzwerke auf Grund der kompletten Übernahme kaum eine Chance hatte. Zugleich zeichnen sich aber seit Mitte der 1990er Jahre mit dem allmählichen Rückzug der Transferleistungen neue Tendenzen ab: Der Rückgriff auf Routinen und Praktiken, die der alten Wirtschaftskultur entstammen, hat innovative Lernprozesse in ostdeutschen Regionen und Städten vorangetrieben. Der Blick auf die Umbrüche in Ostdeutschland zeigt, dass diese nicht auf eine "Logik der Anpassung, Adaption und damit aufbrechende Konflikte zu reduzieren" sind: "Neben einem solchen dominierenden Modus war und ist ebenso eine Reihe offener Such- und Lernprozesse zu verzeichnen - institutionelle Persistenzen, hybride Misch- und Übergangsformen, sektorale Erfolgsgeschichten ostdeutscher Organisationen und Akteure usw."[16]

Als Beispiel für solche hybriden Übergangsformen wird ein besonderer ostdeutscher Managertyp identifiziert, der zwar die Mechanismen der Marktwirtschaft begrüßt, gleichwohl in seinem Organisationshandeln eher familienähnliche Sozialbeziehungen im Unternehmen bevorzugt, bei denen Gemeinschaftsgeist, Vertrauen und persönlicher Kontakt zentrale Rollen spielen. Der allmählich sichtbare Erfolg der im Wesentlichen aus klein- und mittelständischen Betrieben bestehenden ostdeutschen Wirtschaftstruktur wird oft auf ihre Flexibilität und Risikobereitschaft nach 1989/90 zurückgeführt. Karrieren waren von hohen Risiken und Fehlschlägen begleitet: "Wir waren am Anfang vier Bekloppte, die sich gesagt haben: Man kann doch das, was man in vier Jahrzehnten aufgebaut hat, nicht aufgeben." Ein Dessauer Unternehmer: "Da haben wir auf Erfahrungen aufgesattelt, auf dem Know-how der Menschen, die hier leben." Er gehört zu jener Generation von Akteuren, die Michael Hofmann dem "effizienz- und technikorientierten Typus des sozialistischen Managers" zuordnet, die vor allem in den Betrieben und Wirtschaftsleitungen beschäftigt waren.[17]

Gerade sie haben die Bewährungsprobe des Umbruchs gut bewältigt und gehören zu den wichtigsten Akteuren der Umstrukturierung der ehemaligen DDR-Industrie. Für Angehörige dieser Gruppe hatte die "Wende" durchaus etwas Befreiendes, so der Geschäftsführer der aus dem Geist der Polysius-Werke in Dessau entstandenen Zemat GmbH: "Es gibt in Dessau so einen Unternehmergeist, der ist rübergeschwappt aus der Geschichte. Es ist doch gut, dass man nicht mehr so eingezwängt ist, es gibt doch viele hier, die etwas unternommen haben."[18] Hinzu kommt, dass diese Akteure auf weit reichende informelle und personengestützte Vertrauensbeziehungen zurückgreifen können. Für die Handlungsmuster lassen sich Parallelen zu "Migrantenökonomien" herstellen: informelle und durch Familiarität geprägte soziale Beziehungen, Vertrauen in persönliche Kontakte und Netzwerke und eine gewisse Reserve gegenüber großen Institutionen. Vergleichbar mit migrantischen Wirtschaftskulturen konnten diese Akteure mit ausgeprägtem Pioniergeist zum Teil erfolgreich die mangelnde Integration in die Umgebungsgesellschaft ausgleichen.

Eine weitere Parallele bietet sich an. Insbesondere in den Metropolen stellen migrantische Kulturen mittlerweile eine wichtige Ressource für Diversivität und Kreativität dar. Selbst in Berlin erfuhren ethnische Ökonomien eine Aufwertung: So hob der Zwischenbericht der Enquete Kommission zur Zukunft Berlins 2006 die innovativen Potentiale "der Multikulti-Schattenwirtschaft" in den Stadtteilen hervor.[19] Ulf Hannerz hat herausgearbeitet, dass der Markt ein wichtiger Mechanismus der Übertragung bzw. Übersetzung im Kontext globalisierter Kulturproduktion ist.[20] Ethnische Kulturen von Little India bis China Town werden marktförmig und auf diese Weise konsumierbar gemacht.

Auch "Ostdeutschland" ist durch unterschiedliche Formate in den vergangenen zwanzig Jahren zu einem vermarktbaren Produkt geworden, das sich nicht nur an die Zielgruppe in den neuen Bundesländern richtet. Neben Reeditionen ehemaliger DDR-Labels von "Caro" bis zur "Schlagersüßtafel" von "Zetti" und ostdeutschen Souvenirs liefern auch Fernsehfilme und Magazine immer wieder neue Versionen eines Ostdeutschlands, das sich gut verkaufen lässt. Ostdeutsch ist eine kulturelle Ressource auf dem nach Innovationen heischenden Markt geworden.

Ähnlich den ethnischen Ökonomien kommen hier weder die Entstehungsbedingungen noch die dahinter liegenden konfliktreichen Realitäten zur Sprache - das gehört zum Mechanismus der Umkodierung ethnischer Kulturen in die kulturelle Form der Konsumierbarkeit. So ist auch - und das kritisieren mittlerweile viele Kulturproduzenten - das DDR-Bild der Medien merkwürdig homogen und lässt kaum Zwischentöne zu. Gleichwohl schafft der Markt eine Transfer- und Übersetzungsleistung, auch wenn dabei die DDR im wahrsten Sinne des Wortes besser verdaulich wird.

Fußnoten

15.
Vgl. Ingrid Oswald, Neue Migrationsmuster - Flucht aus oder in "Überflüssigkeit"?, in: Berliner Debatte Initial, 15 (2004) 2, S. 65.
16.
Michael Thomas, Umbruch: Gestaltungsherausforderungen und Akteure, in: Berliner Debatte Initial, (2008) 3, S. 8.
17.
Vgl. Michael Hofmann, Sozialkulturelle Milieus einer Industriegesellschaft in Bewegung, in: I. Dietzsch/K. Bauer-Volke (Anm. 8), S. 148.
18.
Mitschrift Podiumsdiskussion, Dessau, 6.2. 2009.
19.
Vgl. Alexa Färber, Vom Kommen Bleiben Gehen, in: dies., Hotel Berlin. Formen urbaner Mobilität und Verortung. Berliner Blätter. Ethnografische und Ethnologische Beiträge, 37 (2005), S. 15.
20.
Vgl. Ulf Hannerz, Transnational Connections, London - New York 1996.