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15.6.2009 | Von:
Werner Sesselmeier
Gabriele Somaggio

Funktionswandel der Arbeitsmarktpolitik

Mit dem "Flexicurity-Konzept" versuchen die europäischen Wohlfahrtsstaaten, mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt mit größerer sozialer Absicherung zu verbinden. Doch die Tauglichkeit dieses Konzeptes ist noch nicht bewiesen.

Einleitung

Die Arbeitsmarktpolitik der vergangenen 40 Jahre war durch sich stetig verändernde wirtschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen geprägt. Insbesondere der sozioökonomische Strukturwandel, gekennzeichnet durch den Wegfall einfacher Tätigkeiten vorwiegend im Industriesektor, verschärfte die strukturelle Arbeitslosigkeit.[1] In dessen Folge war die an der Nachfrage orientierte Wirtschaftspolitik nicht mehr adäquat, um die Beschäftigungssituation zu verbessern. Ein am Angebot orientierter Ansatz mit Fokus auf die arbeitsmarktpolitischen Instrumente wurde erforderlich. Hierzu empfahl zum Beispiel die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 1994 neben Deregulierung auch eine Effizienzsteigerung der aktiven Arbeitsmarktpolitik.[2]




In der Europäischen Union (EU) soll die Europäische Beschäftigungsstrategie (EBS) den wohlfahrtsstaatlichen Unterschieden der Mitgliedsländer Rechnung tragen und einen Rahmen für Reformen bieten, die auf die Verbesserung der Beschäftigungssituation abzielen. In jüngerer Zeit konkretisiert sich dies in der sogenannten "Flexicurity-Strategie", die eine Kombination von Flexibilität (flexibility) und sozialer Sicherung (security) vorsieht. Kernelement dieser Strategie ist die aktivierende Arbeitsmarktpolitik, worunter ein Bündel an Maßnahmen verstanden wird, das unterstützend beim Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt wirken soll.[3]




Im vorliegenden Beitrag sollen Stellung und Bedeutungswandel der Arbeitsmarktpolitik im Rahmen der Wirtschaftspolitik beschrieben werden. Um die verschiedenen Ausgangssituationen und die uneinheitliche Umsetzung der Reformen in den einzelnen Mitgliedstaaten erklären zu können, werden wir zunächst die Kriterien zur Einteilung in die Wohlfahrtsstaatstypologie sowie das Zusammenspiel der einzelnen Politikbereiche darlegen. Anschließend wird der Bedeutungswandel der Arbeitsmarktpolitik ländervergleichend skizziert.

Fußnoten

1.
Vgl. Nick Adnett/Stephen Hardy, The European Social Model. Modernisation or Evolution, Cheltenham 2005; Werner Sesselmeier, Sozio-ökonomischer Wandel: Ein Überblick, in: Lothar Funk (Hrsg.), Anwendungsorientierte Marktwirtschaftslehre und neue Politische Ökonomie, Marburg 2008.
2.
Vgl. OECD, The OECD Jobs Study. Evidence and Explanations Part 1, Paris 1994.
3.
Vgl. Werner Eichhorst u.a., Bringing the Jobless into work? An Introduction to Activation Policies, in: Werner Eichhorst/Otto Kaufmann/Regina Konle-Seidl (eds.), Bringing the Jobless into work? Experiences with Activation Schemes in Europe and the US, Berlin 2008.