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15.6.2009 | Von:
Berndt Keller
Hartmut Seifert

Atypische Beschäftigungs-
verhältnisse: Formen, Verbreitung, soziale Folgen

Normalarbeitsverhältnis und Formen atypischer Beschäftigung

Atypische Beschäftigungsverhältnisse werden in aller Regel in einer negativen Abgrenzung zum sogenannten Normalarbeitsverhältnis (NAV)[4] definiert. Es handelt sich um eine Sammelkategorie heterogener Beschäftigungsformen. Für die Funktionsweise des Arbeitsmarktes ist bedeutsam, dass atypische Beschäftigungsformen im Vergleich zum NAV das Flexibilitätspotenzial der Betriebe und teilweise auch das der Beschäftigten erweitern. Als Ausgangspunkt der weiteren Ausführungen dient das NAV, welches durch folgende Merkmale gekennzeichnet ist: Vollzeittätigkeit mit entsprechendem Einkommen, unbefristetes Beschäftigungsverhältnis, Integration in die sozialen Sicherungssysteme (vor allem Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung), Identität von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnis sowie Weisungsgebundenheit des Arbeitnehmers vom Arbeitgeber. Wir gebrauchen den Begriff im Folgenden ausschließlich als analytische und nicht als normative ("so sollte es eigentlich sein") Kategorie, weil die sozialen Sicherungssysteme diese Kriterien häufig als Bezugspunkte nehmen.

Atypische Beschäftigungsverhältnisse weichen in mindestens einem der genannten Kriterien vom NAV ab. Ihre Merkmale sind:[5]
  • Teilzeittätigkeit, bei der die regelmäßige Wochenarbeitszeit und entsprechend das Entgelt reduziert sind.
  • Geringfügige Beschäftigung, die eine spezifische, durch Einkommensgrenzen definierte Variante von Teilzeit darstellt; sie wurde durch die Hartz-Gesetze zu Mini- und Midi-Jobs erweitert (mit monatlichen Entgeltgrenzen von 400 bzw. 800 Euro bei Abschaffung der vorher bestehenden Begrenzung der wöchentlichen Arbeitszeit) und pauschalierten Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern in Höhe von 30 Prozent, die allein der Arbeitgeber zu leisten hat.
  • Befristete Beschäftigung: Die Höchstdauer der Befristung wurde mehrfach bis zuletzt auf zwei Jahre ausgeweitet.
  • Leiharbeit,[6] deren Besonderheit in der dreiseitigen Beziehung zwischen Arbeitnehmer, Verleih- und Entleihunternehmen liegt. Dadurch fallen Arbeitsverhältnis (zwischen Verleiher und Leiharbeitnehmer) und Beschäftigungsverhältnis (zwischen Entleiher und Leiharbeitnehmer) auseinander. Im Rahmen der Hartz-Gesetze wurden die Überlassungshöchstdauer, das Synchronisationsverbot von Arbeitsvertrag und Entleihdauer sowie das Wiedereinstellungsverbot abgeschafft. Im Gegenzug wurde das equal-pay-Prinzip eingeführt, von dem im Rahmen von Tarifverträgen abgewichen werden kann.
  • "Neue Selbständigkeit", welche die alte freiberufliche, wie bei Anwälten oder Ärzten, ergänzen soll, wurde durch den im Rahmen der Hartz-Gesetze 2003 eingeführten Existenzgründungszuschuss ("Ich-AG" bzw. "Familien-AG") gefördert. Dieser ist inzwischen mit dem ähnlichen Instrument des Überbrückungsgeldes zum Gründungszuschuss zusammengelegt worden (ab August 2006). Die Abgrenzung zwischen abhängiger und selbständiger Erwerbstätigkeit ("Scheinselbständigkeit") fällt nicht immer leicht. Die Grenzlinien zwischen beiden Beschäftigungsformen können fließend sein. Auf diese Erwerbsform wird hier nicht näher eingegangen.[7]

Fußnoten

4.
Vgl. Ulrich Mückenberger, Die Krise des Normalarbeitsverhältnisses - hat das Arbeitsrecht noch Zukunft?, in: Zeitschrift für Sozialreform, 31 (1985), S. 415 - 475.
5.
Hier nicht einbezogen werden u.a. Honorarkräfte bzw. Freelancer, Ein-Euro-Jobs als Arbeitsgelegenheiten und Praktikanten.
6.
Leih- und Zeitarbeit werden begrifflich häufig synonym verwendet. Analog zum Arbeitnehmerüberlassungsgesetz verwenden wir nur den Begriff Leiharbeit.
7.
Zur Einführung und als Überblick eignet sich Berndt Keller/Hartmut Seifert (Hrsg.), Atypische Beschäftigung. Flexibilisierung und soziale Risiken, Berlin 2007. Vgl. auch die nach verschiedenen Kriterien gegliederte Informations-Plattform des IAB: http://infosys.iab.de/infoplattform.