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15.6.2009 | Von:
Berndt Keller
Hartmut Seifert

Atypische Beschäftigungs-
verhältnisse: Formen, Verbreitung, soziale Folgen

Sind atypische Beschäftigungsverhältnisse prekär?

In der politischen wie auch in der wissenschaftlichen Diskussion wird atypische häufig mit prekärer Beschäftigung gleichgesetzt.[16] Mit dieser populären, unter anderem auf Konzepten von Pierre Bourdieu und Robert Castel entwickelten Position wird versucht, Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt in breitere sozialwissenschaftliche Kontexte, das heißt Lebenszusammenhänge in der Ungleichheitsforschung, zu stellen.[17] Sie bleibt in Bezug auf unsere Fragestellung jedoch recht undifferenziert, weil sie nicht zwischen den nachstehenden objektiven Dimensionen von Prekarität unterscheidet und Kontextbedingungen nicht berücksichtigt.[18]

Wir schlagen vor, folgende, vergleichsweise leicht zu operationalisierende, nicht rein subjektive Dimensionen von Prekarität zu unterscheiden, die kombiniert auftreten können:
  • ein die materielle Existenz sicherndes Einkommen, wie üblich definiert als mindestens zwei Drittel des Medianlohnes, wobei zwischen Individual- und Haushaltseinkommen zu unterscheiden ist;
  • Integration in die Systeme sozialer Sicherung;
  • Beschäftigungsstabilität (bezogen auf ein möglichst ununterbrochenes Beschäftigungsverhältnis, das sich durchaus auf verschiedene Arbeitsplätze beziehen kann;
  • Beschäftigungsfähigkeit (employability).
Im Großen und Ganzen stufen die mittlerweile zahlreichen, auf unterschiedlichen Datensätzen basierenden empirischen Analysen atypische Beschäftigung als inferior gegenüber dem Normalarbeitsverhältnis ein. Sie zeigen aber, dass nicht jedes atypische Beschäftigungsverhältnis als prekär einzustufen ist. Die Prekaritätsrisiken sind jedoch, gemessen an den genannten Kriterien, deutlich höher als bei NAV, die ebenfalls nicht frei von Prekaritätsrisiken sind.

Beim Lohn schneiden alle Formen atypischer Beschäftigung schlechter ab als das NAV. Besonders krass fallen die Lohnabschläge bei geringfügig Beschäftigten aus,[19] etwas moderater bei der Leiharbeit,[20] aber auch befristet[21] und Teilzeitbeschäftigte[22] sind, wenn man individuelle Merkmale kontrolliert, nicht den Beschäftigten mit NAV gleichgestellt. Die ausgeprägte Lohndiskriminierung der geringfügig Beschäftigten dürfte mit der indirekten Subventionierung dieser Beschäftigungsform zu tun haben. Auch bei der Beschäftigungsstabilität zeigen sich signifikante Unterschiede. Als besonders instabil im Vergleich zum NAV wird Leiharbeit eingestuft.[23] Eine größere Unsicherheit wird auch bei befristeten Beschäftigungsverhältnissen diagnostiziert.[24] Für Teilzeitarbeit konnte eine gegenüber allen anderen Beschäftigungsformen höhere Beschäftigungsstabilität festgestellt werden, was darauf zurückgeführt wird, dass Teilzeitarbeit vor allem Frauen in der Familiengründungsphase den weiteren Verbleib im Erwerbsleben sichert und insofern stabilisierend wirkt.[25]

Benachteiligt sind atypisch Beschäftigte außerdem beim Zugang zu betrieblich-beruflicher Weiterbildung.[26] Die Möglichkeiten, die eigene Beschäftigungsfähigkeit auf dem internen wie externen Arbeitsmarkt zu sichern, sind eingeschränkt. Das Risiko der Diskriminierung trifft Beschäftigte mit reduzierter Arbeitszeit stärker als diejenigen mit befristeten Arbeitsverträgen. Diese Diskriminierung dürfte sich kaum durch verstärkte Aktivitäten in Eigenregie ausgleichen lassen, da die skizzierten Prekaritätsrisiken kumulativ auftreten können. Aufgrund der schlechteren Entlohnung fehlen dann die finanziellen Ressourcen. Außerdem erschwert die relativ hohe Beschäftigungsinstabilität den Zugang zum Lernort Betrieb. Angesichts dieser mehrfachen Benachteiligungen droht eine Art "Teufelskreis" wiederholter, durch Arbeitslosigkeit unterbrochener Phasen atypischer Beschäftigung, der bei eingeschränkten Qualifizierungschancen nur schwer zu durchbrechen ist und langfristig erhebliche soziale Risiken für die Betroffenen birgt.

Die aufgezeigten Prekaritätsrisiken wären in dem Maße zu relativieren, wie atypische Beschäftigung als Einstieg in den Arbeitsmarkt und als nur kurzzeitige Durchgangsstation zu Normalarbeitsverhältnissen dienen würde. Aufwärtsmobilität ist jedoch nur eingeschränkt vorhanden. Bei Arbeitsplatzwechsel gelingen Übergänge aus atypischer Beschäftigung in Normalarbeitsverhältnisse deutlich schwieriger als aus unbefristeter Vollzeittätigkeit. Befristet Beschäftigte und Leiharbeitnehmer münden nach Verlust ihres Arbeitsplatzes, wenn man den Verbleib in Arbeitslosigkeit außer Acht lässt, überproportional häufig wieder in vergleichbar unsichere Beschäftigungsformen.[27]

Fußnoten

16.
Vgl. u.a. Klaus Dörre, Prekäre Arbeit. Unsichere Beschäftigungsverhältnisse und ihre sozialen Folgen, in: Arbeit, (2006) 3, S. 181 - 193.
17.
Vgl. einleitend APuZ 33 - 34/2008 (Ausgabe "Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung").
18.
Eine freiwillig gewählte, unbefristete Teilzeittätigkeit kann kurz- und mittelfristig unproblematisch sein, wenn sie z.B. temporär die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert, und wenn das Einkommen aus einem Normalarbeitsverhältnis die materielle Basis sichert.
19.
Vgl. Christina Anger/Jörg Schmid, Gender Wage Gap und Familienpolitik, in: IW Trends, (2008) 2, S. 55 - 68; W. Brehmer/H. Seifert (Anm. 10).
20.
Vgl. Elke Jahn/Helmut Rudolph, Auch für Arbeitslose ein Weg mit Perspektive, in: IAB-Kurzbericht, (2002) 20; Cordula Sczesny/Sophie Schmidt/Helen Schulte/Patrick Dross, Zeitarbeit in Nordrhein-Westfalen. Strukturen, Einsatzstrategien, Entgelte, Endbericht, Dortmund 2008; Michael Kvasnicka/Axel Werwatz, Lohneffekte der Zeitarbeit, in: Bundesarbeitsblatt, (2006) 2; Hartmut Seifert/Wolfram Brehmer, Leiharbeit: Funktionswandel einer flexiblen Beschäftigungsform, in: WSI-Mitteilungen, (2008) 6. S. 335 - 341.
21.
Vgl. Antje Mertens/Frances McGinnity, Einkommensverluste durch befristete Beschäftigung? Ein Überblick über den Stand der Debatte, in: Martin Kronauer/Gudrun Linne (Hrsg.), Flexicurity. Die Suche nach Sicherheit in der Flexibilität, Berlin 2005, S. 169 - 182; Johannes Giesecke/Martin Gross, Flexibilisierung durch Befristung. Empirische Analysen zu den Folgen befristeter Beschäftigung, in: Berndt Keller/Hartmut Seifert (Hrsg.), Atypische Beschäftigung - Flexibilisierung und soziale Risiken, Berlin 2007, S. 83 - 106.
22.
Vgl. Elke Wolf, What Hampers Part-Time work. An Empirical Analysis of Wages, Hours Restrictions and Employment from a Dutch-German Perspective, Mannheim 2003.
23.
Vgl. Michael Kvasnicka, Does Temporary Help Work Provide a Stepping Stone to Regular Employment?, Cambridge, MA 2008; Karl Brenke/Werner Eichhorst, Leiharbeit breitet sich rasant aus, in: DIW-Wochenbericht, (2008) 19; W. Brehmer/ H. Seifert (Anm. 10).
24.
Vgl. Bernhard Boockmann/Tobias Hagen, Befristete Beschäftigungsverhältnisse - Brücken in den Arbeitsmarkt oder Instrumente der Segmentierung?, Baden-Baden 2006; J. Giesecke/M. Gross (Anm. 21).
25.
Vgl. W. Brehmer/H. Seifert (Anm. 10).
26.
Vgl. Katrin Baltes/Andrea Hense, Weiterbildung als Fahrschein aus der Zone der Prekarität?, Berlin 2007; Eva Reinowski/Jan Sauermann, Hat die Befristung von Arbeitsverträgen einen Einfluss auf die berufliche Weiterbildung geringqualifiziert beschäftigter Personen?, in: Zeitschrift für Arbeitsmarktforschung, (2008) 4, S. 489 - 499.
27.
Vgl. J. Giesecke/M. Gross (Anm. 21). Eine noch nicht veröffentlichte Untersuchung von Infratest und WSI bestätigt die eingeschränkte Aufwärtsmobilität auch für Leiharbeiter. Vgl. hierzu auch Markus Promberger u.a., Leiharbeit im Betrieb: Strukturen, Kontexte und Handhabung einer atypischen Beschäftigungsform. Abschlussbericht, Nürnberg 2006.