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15.6.2009 | Von:
Berndt Keller
Hartmut Seifert

Atypische Beschäftigungs-
verhältnisse: Formen, Verbreitung, soziale Folgen

Langfristige Effekte

Solche Karrieremuster atypischer Beschäftigung werfen langfristige Probleme der sozialen Sicherung auf. Sie reichen über den Arbeitsmarkt hinaus und weit hinein in die Systeme sozialer Sicherung. Diese sind in der Bundesrepublik stark erwerbszentriert beziehungsweise relativ strikt an den Kriterien des NAV (mit Beitragsfinanzierung und Äquivalenzprinzip) ausgerichtet. Die Analyse der sozialen Folgeprobleme lässt die bisherigen Grenzziehungen zwischen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik obsolet erscheinen.[28] Reformansätze erfordern integrative Lösungen.

Die Häufung sozialer Risiken bei atypisch Beschäftigten hat zur Folge, dass sie im Vergleich zu Beschäftigten mit NAV häufiger nur Niedriglöhne beziehen,[29] deshalb häufiger aufstockende Transferleistungen erhalten und wegen des größeren Beschäftigungsrisikos beziehungsweise wegen nur kurzer Beschäftigungsphasen häufiger nach Arbeitsplatzverlust nur Anspruch auf Arbeitslosengeld II haben.[30] Besonders krass fallen die Unterschiede zwischen Leiharbeitnehmern und Beschäftigten mit NAV aus, abgesehen von den geringfügig Beschäftigten, die nicht in die Arbeitslosenversicherung einbezogen sind. Von den Leiharbeitnehmern bezieht etwa jeder Zweite unmittelbar nach Arbeitsplatzverlust die geringeren Leistungen des Arbeitslosengeldes II, während es bei der Referenzgruppe nur knapp jeder Siebente ist. Der Hauptgrund für diese gravierende Differenz liegt in der nicht ausreichenden Dauer der vorangegangen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung.[31] Hinzu kommt, dass ein Anspruch auf den Bezug von Arbeitslosengeld II voraussetzt, dass zunächst die Ersparnisse aufgebraucht werden, die über die Grenzwerte des sogenannten "Schonvermögens" hinausgehen. Unter diesen Vorzeichen sind die Beschäftigten kaum in der Lage, die ihnen abverlangte größere Eigenverantwortung bei der Alterssicherung zu tragen.

Langfristig ist vor allem die Rentenversicherung relevant. Längere Phasen einer Teilzeitbeschäftigung oder einer ausschließlich ausgeübten Tätigkeit als Minijobber führen aufgrund geringer Beiträge zu nicht ausreichenden Ansprüchen; sie erhöhen in individueller Perspektive das Risiko der Altersarmut, welches in der Bundesrepublik über Jahrzehnte als gelöst angesehen werden konnte, in Zukunft jedoch wieder an Bedeutung gewinnen wird. In kollektiver Sicht belasten sie wegen der notwendigen, aufstockenden Transferzahlungen die Träger beziehungsweise die öffentlichen Haushalte in beträchtlichem Maße und bergen das Risiko einer allmählichen Erosion der Beitragsbasis.

Fußnoten

28.
Folgen für die individuelle Lebensführung oder die Gesundheit, die ebenfalls auftreten, bleiben hier aus Platzgründen ausgeklammert. Eine breiter angelegte Einführung bietet Arne L. Kalleberg, Precarious Work, Insecure Workers: Employment Relations in Transition, in: American Sociological Review, 74 (2009), S. 1 - 22.
29.
Die zunehmenden Probleme der Vollzeitbeschäftigten mit Niedrigeinkommen können hier nicht behandelt werden. Empirisch hierzu Thorsten Schank/Jens Stephani/Stefan Bender, Niedriglohnbeschäftigung. Sackgasse oder Chance zum Aufstieg?, in: IAB-Kurzbericht, (2008) 8.
30.
Die nachfolgenden Daten stammen aus der Erhebung von Infratest und WSI über Mobilitätsprozesse am Arbeitsmarkt, die in der ersten Jahreshälfte 2008 durchgeführt wurde.
31.
Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer von Leiharbeitnehmern ist zu einem großen Teil extrem kurz; 2007 endeten 57 Prozent der Leiharbeitsverhältnisse nach maximal drei Monaten. Vgl. C. Sczesny/S. Schmidt/H. Schulte/P. Dross (Anm. 20).