APUZ Dossier Bild

15.6.2009 | Von:
Berndt Keller
Hartmut Seifert

Atypische Beschäftigungs-
verhältnisse: Formen, Verbreitung, soziale Folgen

Arbeitsmarktpolitik und atypische Beschäftigung

Die Arbeitsmarktpolitik der vergangenen Jahrzehnte hat aus den eingangs genannten Gründen versucht, die verschiedenen Formen atypischer Beschäftigung zu fördern. Die Frage nach den positiven und negativen Auswirkungen lässt sich in Anbetracht der skizzierten Heterogenität ihrer Varianten und veränderten rechtlich-institutionellen Voraussetzungen kaum generell beantworten. Von positiven Effekten könnte gesprochen werden, wenn die Expansion atypischer Beschäftigung einen spürbaren Beitrag zum Beschäftigungsaufschwung zwischen 2005 und 2008 geleistet hätte. Hierüber gehen die Meinungen auseinander. Während zum Beispiel der Sachverständigenrat die Deregulierungen bei Leiharbeit, befristeter sowie geringfügiger Beschäftigung als wesentlichen Impulsgeber ansieht,[32] führen makroökonomisch begründete Argumente die Besserung am Arbeitsmarkt auf konjunkturelle Nachfrageimpulse zurück.[33] Den Auslöser für den Aufschwung sehen sie in dem weltweiten Investitionsboom, von dem die wettbewerbsstarke Investitionsgüterindustrie in Deutschland besonders profitiert habe. Der ersten Position mangelt es an überzeugenden empirischen Belegen. Dieses Defizit haben auch die Evaluationen der Hartz-Gesetze nur teilweise beseitigen können. Sie zeigen, dass die Reform der Leiharbeit nur in geringem Umfang die Beschäftigungsentwicklung beeinflusst hat, teilweise hat sie reguläre Beschäftigung verdrängt, teilweise zusätzliche Stellen geschaffen. Kaum anders werden die Beschäftigungseffekte der Minijobs beurteilt. Einem geringen positiven Beschäftigungs- steht ein geringer Substitutionseffekt gegenüber.[34]

Kaum Zweifel bestehen an den positiven Beschäftigungswirkungen der expandierenden Teilzeitarbeit. Eine auf vereinfachenden Annahmen basierende Modellrechnung für die Jahre 1994 bis 2004 schreibt der gestiegenen Teilzeitquote einen positiven Umverteilungseffekt von 2,6 Millionen Beschäftigungsverhältnissen zu.[35] Diese Schätzungen sind statisch, beruhen auf einfachen Annahmen und blenden Effekte auf Produktivität, Arbeitskosten und Kreislaufzusammenhänge aus. Selbst wenn man auf Basis differenzierter Modellschätzungen zu geringeren Werten käme, stehen die positiven Effekte der Arbeitsumverteilung außer Frage. Hiervon gehen auch die Betriebe mit Teilzeitarbeit aus.[36] Sie sehen in der Umwandlung von Vollzeit- in Teilzeitarbeit eine Möglichkeit, die Zahl der Beschäftigten zu erhöhen.

Fußnoten

32.
Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 2007/08, Wiesbaden 2007.
33.
Vgl. Gustav Horn/Camille Logeay/Rudolf Zwiener, Wer profitierte vom Aufschwung?, in: IMK Report (2007) 27.
34.
Vgl. Deutscher Bundestag, Bericht 2006 der Bundesregierung zur Wirksamkeit moderner Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, Drucksache 16/3982, insb. S. 154 und 156.
35.
Vgl. Martin Dietz/Ulrich Walwei, Beschäftigungswirkungen des Wandels der Erwerbsformen, in: B. Keller/H. Seifert (Anm. 7).
36.
Vgl. Susanne Wanger, Teilzeitarbeit fördert Flexibilität und Produktivität, in: IAB-Kurzbericht, (2006) 7.