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15.6.2009 | Von:
Berndt Keller
Hartmut Seifert

Atypische Beschäftigungs-
verhältnisse: Formen, Verbreitung, soziale Folgen

Ausblick

Resümierend lässt sich festhalten, dass atypische Beschäftigungsformen systematisch höhere Prekaritätsrisiken als Normalarbeitsverhältnisse aufweisen. Die Beschäftigungseffekte sind nur als gering einzustufen.

Angesichts dieses Befundes stellt sich die Frage, wie atypische Beschäftigungsformen zukünftig behandelt werden sollen. Soll man weiterhin auf die Marktmechanismen vertrauen und sie sogar durch weitere Deregulierungsmaßnahmen fördern - oder sollte man sie regulieren und gestalten? Im Rahmen der zweiten Option ginge es um die Minderung, im günstigsten Fall um die Beseitigung der skizzierten sozialen Risiken durch (Re-)Regulierung. Da die Formen atypischer Beschäftigung recht heterogen sind, müssen entsprechende Strategien differenziert ansetzen. Gleichwohl versprechen bestimmte generelle Regelungen und Gestaltungsprinzipien die beschriebenen Prekaritätsrisiken zu mindern. Hierzu gehört die Verwirklichung des equal-pay-Prinzips, das den Lohnabstand zwischen atypisch und regulär Beschäftigten einebnet. Bei einem funktionierenden Marktmechanismus wäre angesichts der höheren Beschäftigungsrisiken sogar mit einer Risikoprämie zu rechnen. Generelle Ansprüche auf betrieblich-berufliche Weiterbildung würden nicht nur die individuellen Arbeitsmarktchancen fördern, sondern ebenso die Funktionsfähigkeit des Arbeitsmarktes verbessern.

Ein dritter genereller Reformpunkt betrifft die Alterssicherung. Eine nicht systemkonforme Lösung wäre die Einführung einer bedarfsorientierten Mindestsicherung im Alter, die seit Langem auch unabhängig von atypischer Beschäftigung diskutiert wird. Wir plädieren für eine dreistufige Lösung aus allgemein-steuerfinanzierter Basissicherung, beitragsfinanzierten Ansprüchen aus der Erwerbstätigkeit sowie freiwilliger Zusatzversicherung, die allerdings ein entsprechendes Einkommen voraussetzt.

Einen Ansatz, der die genannten Reformpunkte konzeptionell integrieren könnte, bieten die neu aufgekommenen Überlegungen zur "Flexicurity-Strategie". Sie verlagern die Richtung der Auseinandersetzung um die Regulierung des Arbeitsmarktes. Das Konzept der Flexicurity soll die von den Unternehmen geforderte höhere Flexibilität mit den Interessen der Arbeitnehmer an mehr sozialer Sicherheit besser austarieren als dies bisher unter den Vorzeichen von ausschließlicher Flexibilisierung und Deregulierung geschehen ist.[37] Es ist der - nach der Anwendung in einzelnen Mitgliedsländern der Europäischen Union (vor allem den Niederlanden und Dänemark) inzwischen auch von der EU-Kommission offiziell zum Teil der europäischen Beschäftigungspolitik erklärte - Versuch, eine Kombination von Flexibilität und sozialer Sicherung zu erreichen.[38]

Fußnoten

37.
Vgl. als Einführung und Überblick M. Kronauer/G. Linne (Anm. 21).
38.
Berndt Keller/Hartmut Seifert, Flexicurity: Ein europäisches Konzept und seine nationale Umsetzung. Expertise für die Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2008. Anm. d. Redaktion: Zu Flexicurity siehe auch den Beitrag von Werner Sesselmeier/Gabriele Somaggio in diesem Heft.