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12.6.2009 | Von:
Stephan Schulmeister

Der Boom der Finanzderivate und seine Folgen

Spekulation mit Finanzderivaten

Der größte Anteil aller Finanztransaktionen entfällt auf den Handel mit Derivaten, insbesondere mit Futures und Optionen. Dies sind Wetten auf die künftige Entwicklung eines Preises/Kurses, sei es von Anleihen, Aktien, Rohstoffen oder Devisen. Dabei macht der "Wetteinsatz" nur einen Bruchteil des (Basis-)Werts aus.[1] Mit einer Option erwirbt jemand das Recht, das zu Grunde liegende Asset innerhalb einer Frist zu einem bestimmten (Ausübungs-)Preis zu kaufen (Call) oder zu verkaufen (Put). Erwartet ein Trader einen Anstieg des Eurokurses, so wird er eine Call-Option kaufen. Trifft seine Prognose zu, so wird der Preis der Option viel stärker steigen als jener des Basiswerts (der Eurokurs). Die Bandbreite des Hebels ist bei Optionen größer als bei Futures, da sie von verschiedenen Faktoren abhängt (Differenz zwischen aktuellem Kurs und Ausübungspreis, Stärke des Kurstrends, Volatilität des Kurses, Restlaufzeit der Option).

Während die börsennotierten Derivate auch von Amateuren gehandelt werden, sind die bilateralen Finanzgeschäfte ("over-the-counter-transactions" - OTC) den professionellen Tradern vorbehalten. Dies betrifft insbesondere Spot- und Terminkontrakte sowie Swaps bezogen auf Wechselkurse, Rohstoffpreise, Aktienkurse und Zinssätze. Dabei gilt: Bei einem Spotgeschäft kaufe (oder verkaufe) ich ein ("echtes") Finanzinstrument (etwa Devisen) heute zum heutigen Kurs, bei einem Termingeschäft verpflichte ich mich, zum heute fixierten (Termin-)Kurs, aber zu einem späteren Termin zu kaufen (oder zu verkaufen). Ist der (Spot-)Kurs bis dahin gestiegen, so mache ich im Falle eines Terminkaufs einen Gewinn, und zwar im Ausmaß der Differenz zwischen dem aktuellen (Spot)Kurs und dem Terminkurs. Ein Swap kombiniert ein Spot- und ein Termingeschäft; dadurch wird die Abwicklung eines Spekulationsgeschäfts extrem vereinfacht: Sobald jene Entwicklung auf oder gegen die gewettet wurde, eintritt, überweist der Verlierer seinen "Wettverlust" direkt an den Gewinner (Swapverluste trugen wesentlich zu den größten "Betriebsunfällen" im Finanzsektor bei).

Das Trading auf Finanzmärkten ähnelt Casino-Spielen wie Roulette, die auch Nullsummenspiele sind. Allerdings bestimmt hier der Lauf der Kugel die wichtigsten Preise in der Weltwirtschaft. Überdies folgt er keinem Zufallsprozess, sondern hängt vom Spielverhalten der Teilnehmer ab. Wird mehr Kapital auf Rot (Kurssteigerung) gesetzt als auf Schwarz (Kursrückgang), so wird die Kugel mit größerer Wahrscheinlichkeit bei Rot landen.

Ursprünglich sind Terminkontrakte zur Absicherung gegen das Risiko von Preisschwankungen landwirtschaftlicher Produkte entstanden (Hedging). Mit der Aufgabe fester Wechselkurse (1971/73), den nachfolgenden Schwankungen von Dollarkurs und Erdölpreis sowie mit dem Zinsanstieg Ende der 1970er Jahre stieg die Bedeutung von Finanzderivaten. Die Einführung von immer mehr Instrumenten, welche auf Futures und Optionen beruhen (z.B. Zertifikate), gab dem Derivathandel in den 1980er einen enormen Auftrieb. Treibende Kraft ist die Spekulation geworden, Hedging hat im Vergleich dazu nur geringe Bedeutung.

Fußnoten

1.
Dazu ein Beispiel: Jemand erwartet einen Anstieg der Rohölpreise und kauft deshalb - über einen Broker - einen an der "New York Mercantile Exchange" (NYMEX) gehandelten "Crude Oil Future". Der Wert des "Wettscheines" (Kontrakt) beträgt 1 000 Barrel Öl zum jeweiligen Preis, bei einem Ölpreis von 100 $ also 100 000 $. Hinterlegen muss er beim Kauf nur eine Margin (Sicherstellung) von etwa 7 Prozent, also 7 000 $. Steigt nun der Ölpreis um 10 Prozent und damit der Wert des Future auf 110 000 Prozent, so macht der "Spieler" einen Gewinn von 143 Prozent (10 000 Prozent bei einem Einsatz von 7 000 $ - da auch der Einsatz rückerstattet wird, ist die Profitrate eigentlich unendlich). Sinkt der Ölpreis aber um 10 Prozent, so sind die 7 000 $ futsch und der Spekulant muss noch 3 000 $ nachzahlen. Die Hebelwirkung ("leverage effect") von 14,3 resultiert daraus, dass der Basis(Kontrakt)wert 14,3 Mal so hoch ist wie der Wetteinsatz.