APUZ Dossier Bild

12.6.2009 | Von:
Stephan Schulmeister

Der Boom der Finanzderivate und seine Folgen

Spekulationsstrategien

Die Entscheidungen professioneller Trader basieren auf der Interpretation neuer Informationen ("news"), dem "Ausreiten" von Trends ("trend-followers") oder dem Wechsel in der Trendrichtung ("contrarian trading"). Im ersten Fall geht es darum, in Sekunden abzuschätzen, wie die anderen Marktteilnehmer auf eine Nachricht reagieren werden, die auf den Bildschirmen erscheint. Ist sie überraschend oder war sie schon "eingepreist"?

Beginnt der Kurs auf Grund "echter" News zu steigen, so generieren zuerst die verschiedenen "trend-following systems" auf der Basis von Hochfrequenzdaten (z.B. 10-Sekunden-Kurse) eine Sequenz von Kaufsignalen. Ihre Exekution treibt den Kurs weiter nach oben, es folgen die Kaufsignale der "langsameren" technischen Modelle auf Basis von Stunden- oder Tagesdaten, u. s. f.

Auch der bis Mitte 2008 anhaltende Boom der Rohstoffpreise konnte von einfachen Spekulationssystemen profitabel "ausgebeutet" werden. Nach einem Kaufsignal (wenn der aktuelle Preis eines Rohöl-Future oder eines Reis-Future den gleitenden Durchschnitt von unten schneidet) geht der Trend steigender Preise weiter.

Gleichzeitig verstärkt die Verwendung technischer Spekulationssysteme das "trending" spekulativer Preise: Auch wenn diese "trend-following models" mit unterschiedlichen Parametern operieren (jeder Trader hat "sein" Geheimmodell), so folgen sie alle der gleichen Logik: In der ersten Phase eines Aufwärts(Abwärts)trends produzieren sie eine Sequenz von Kauf(Verkauf)signalen, deren Exekution die Preisbewegung verstärkt.

Diese "Rückkoppelungen" bewirken, dass ein starker und nachhaltiger Anstieg des Trading Preisschübe nach oben (oder unten) verlängert, welche sich in einem stufenweisen Prozess zu "bull markets" (oder aber zu "bear markets") akkumulieren. Ein markantes Beispiel dafür ist der enge Zusammenhang zwischen der massiven Zunahme von Handelsaktivitäten auf den Märkten für Rohstoffderivate und dem Anstieg der Rohstoffpreise seit zwischen Anfang 2005 und Mitte 2008.