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12.6.2009 | Von:
Stephan Schulmeister

Der Boom der Finanzderivate und seine Folgen

Expansion der Finanztransaktionen

Fasst man die Transaktionen auf allen Arten von Finanzmärkten und in allen Regionen der Welt zusammen, so ergibt sich folgendes Bild (Abbildung 1): Im Jahr 2007 war das Volumen der Finanztransaktionen 73,5 Mal höher als das nominelle Welt-BIP. 1990 hatte diese Relation "lediglich" 15,3 betragen - seither sind somit die Finanztransaktionen fast fünf Mal rascher expandiert als die globale Wirtschaft. Diese Wachstumsdifferenz hat sich seit 2000 erheblich beschleunigt.

Spot-Transaktionen auf den Devisen-, Aktien- und Anleihenmärkten haben seit 1990 annähernd gleichschrittig mit dem Welt-BIP zugenommen, der enorme Anstieg der gesamten Finanztransaktionen ist ausschließlich eine Folge der (noch stärkeren) Expansion der Aktivitäten auf den Derivatmärkten (Abbildung 1). Von diesen sind die Transaktionen im Börsehandel (Futures und Optionen) seit 2000 bei Weitem am stärksten gewachsen (daran beteiligen sich immer mehr Amateure): 2007 war das Volumen des Börsehandels mit Futures und Optionen bereits 43,4 Mal so hoch wie das Welt-BIP, im Jahr 2000 hatte dieser Faktor lediglich 14,2 betragen. Mittlerweile ist das Volumen des Derivathandels auf Börsen annähernd doppelt so hoch wie jenes der OTC-Transaktionen (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version).[2]

Das Volumen des Handels mit Finanzderivaten und sein exorbitanter Anstieg lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Erstens, der größte Teil der Handels entfällt auf Transaktionen zwischen Spekulanten mit unterschiedlichen Preiserwartungen. Stammten nämlich die Transaktionen primär aus der Absicherung (Hedging) realwirtschaftlicher Aktivitäten wie künftiger Exporterlöse oder Rohstoffausgaben, dann dürfte das Transaktionsvolumen die nominelle Welt-Produktion nicht nennenswert übersteigen. Zweitens, die Preiserwartungen der Marktteilnehmer müssen in hohem Maß voneinander abweichen. Denn bei ähnlichen und im Grenzfall homogenen Erwartungen ergäben sich nicht so viele "trading opportunities" und damit kein so hohes Handelsvolumen wie empirisch beobachtet.[3]

Fußnoten

2.
Das (monetäre) Handelsvolumen mit Finanzderivaten ergibt sich aus der Summe aller Transaktionen, bewertet mit dem Basiswert des jeweiligen Kontrakts; man spricht daher vom Transaktionsvolumen in "notional values". Die Basiswerte von Derivaten sind relativ hoch: Ein DAX-Future hat den Wert von 25 EUR je Indexpunkt, steht der DAX bei 6 000, so hat der Future einen Wert von 150 000 Euro. Eine Übersicht über die Kontraktwerte wichtiger Futures bezogen auf Aktienindizes, Zinsinstrumente (Anleihen, Schatzscheine), Devisen und Rohstoffe findet sich in: Stephan Schulmeister/Margit Schratzenstaller/Oliver Picek, A General Financial Transaction Tax - Motives, Revenues, Feasibility and Effects, Study of the Austrian Institute of Economic Research (WIFO) Vienna, April 2008, (http://www.wifo.ac.at/wwa/ jsp/index.jsp?fid=23923&id=31819&typeid=8&display_mode=2).
3.
Vgl. Stephen F. LeRoy, Efficient Capital Markets and Martingales, Journal of Economic Literature, 27 (1989) 4, S. 1583 - 1621.