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12.6.2009 | Von:
Stephan Schulmeister

Der Boom der Finanzderivate und seine Folgen

Die Gewinner und die Verlierer im "schnellen" Finanzhandel

Wer sind die Gewinner und Verlierer im kurzfristigen "trading", insbesondere von Finanzderivaten? Die Banken und Hedge Fonds machen Gewinne, zwar nicht jede(r) einzelne, wohl aber in ihrer Gesamtheit. Daher müssen die Amateurspekulanten in ihrer Gesamtheit die Verlierer sein. Dafür sprechen vier Unzulänglichkeiten auf Seiten der Amateure: Sie können nicht permanent auf das Marktgeschehen reagieren, haben nicht genügend Kapital, um Verlustphasen durchzustehen, sind zu einem Risikomanagement weder finanziell noch intellektuell in der Lage, und schließlich haben sie viel schlechteren Zugang zu Insiderinformation als etwa Investmentbanken. Wenn die Amateure in ihrer Gesamtheit die Verlierer sind, warum expandiert das Spiel weiter? Warum ziehen sich die geschorenen Schafe nicht zurück und dämpfen so das Geschäftsvolumen?
  • Erstens: Für viele vermittelt das Spiel an sich Spannung. Schließlich verlieren auch die meisten Lottospieler oder Casinobesucher ihren Einsatz und machen doch weiter.
  • Zweitens: Wenn auch ein Spekulationsverlust Leiden hervorruft, so fordert er gleichzeitig heraus, das nächste Mal den Markt zu besiegen.
  • Drittens: Die meisten Amateurspieler verfügen über genügend (Normal)Einkommen, um das verlorene Spielkapital zu ersetzen.
  • Viertens: Die Information über Gewinne und Verluste ist asymmetrisch verteilt. Die Spekulationsmagazine sind voll von Artikeln "How I made a million" mit diesem oder jenem System, wer hingegen verspielt hat, behält es für sich.
  • Fünftens: Die Kunde von den Gewinnen und das Schweigen der Lämmer über ihre Verluste führen den Märkten stetig "frisches Blut" zu. Einzelne Verlierer lernen zwar das Richtige und ziehen sich zurück, der Zustrom an Eleven ist aber die längste Zeit viel größer gewesen.
Dies hat sich mit Ausbruch und Vertiefung der Finanzkrise seit Mitte 2007 grundlegend verändert: Weltweit ziehen sich derzeit die Amateure von den "Finanzspielen" zurück, auch an eine Ausweitung der kapital"gedeckten" Altersvorsorge ist nicht (mehr) zu denken. Der Mangel an "frischem Blut" verstärkt den Niedergang des Systems des "arbeitenden Gelds".