APUZ Dossier Bild

12.6.2009 | Von:
Stephan Schulmeister

Der Boom der Finanzderivate und seine Folgen

Destabilisierung der wichtigsten Preise in der Weltwirtschaft

Die Umverteilung durch den Derivathandel von der gehobenen Mittelklasse zu den Spitzenverdienern stellt kein gravierendes Problem dar. Zwei andere Effekte sind allerdings die wichtigsten langfristig wirksamen Ursachen für Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung in Europa: Erstens: Die Spekulation auf den Derivatmärkten sowie im Devisenhandel destabilisiert die wichtigsten Preise in der Weltwirtschaft wie Wechselkurse, Rohstoffpreise (insbesondere den Ölpreis), Aktienkurse und Zinssätze (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version). Zweitens: Die Unsicherheit über die Entwicklung dieser Preise und die hohen Finanzrenditen dämpfen die realwirtschaftlichen Aktivitäten von Unternehmen, insbesondere Investitionen und (damit) die Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Auf welche Weise destabilisiert der Handel mit Derivaten ihre Preise und jene der zu Grunde liegenden Assets? Unterschiedliche Spieler benützen unterschiedliche Spekulationssysteme, angewendet auf unterschiedlichen Zeitskalen (von 10-Sekunden-Kursen bis zu Tageskursen). Die Konzentration von Kaufsignalen von "news-based traders" am Beginn eines Aufwärtstrends, gefolgt von Kauforders der "trend-followers" verstärkt und verlängert den Trend. Hat dieser an Dynamik verloren, so lassen ihn die Verkaufssignale der "contrarians" kippen.[4]

Das Phänomen solcher Kursschübe lässt sich auf jeder Zeitskala beobachten. Aus ihrem Zusammenwirken ergeben sich mehrjährige Trends: Minutentrends in die gleiche Richtung, unterbrochen von kürzeren Gegenbewegungen, addieren sich zu einem Stundentrend, mehrere Stundentrends zu Tagestrends, u.s.f. Insgesamt ergibt sich daraus die für alle "asset prices" typische Abfolge von Kursschüben, welche für einige Zeit in eine Richtung länger sind als die Gegenbewegungen, also ein stufenweiser Auf- oder Abwärtsprozess (Abbildung 3). Langfristige Trends von Wechselkursen, Rohstoffpreisen und Aktienkursen ("bull markets" und "bear markets") sind daher das Resultat der Akkumulation kurzfristiger Preisschübe, welche ihrerseits in erster Linie durch spekulative Aktivitäten hervorgebracht werden, insbesondere auf Basis technischer Modelle (Abbildung 3).

Die Abfolge der "bull markets" und "bear markets" ergibt das typische Muster der langfristigen Dynamik spekulativer Preise: Sie schwanken in irregulären ("manisch-depressiven") Zyklen um den Bereich des realwirtschaftlichen Gleichgewichts ohne eine Tendenz, zu diesem Gleichgewicht zu konvergieren. Das "Überschießen" in einem Markt kann sich auf einen anderen Markt übertragen. So senken massive Abwertungen des US-Dollar wie zwischen 1971 und 1973, 1977 und 1979 sowie seit 2002 "ceteris paribus" den realen Wert von Erdölexporten, da Erdöl ausschließlich in Dollar notiert. Dementsprechend hoch ist der Anreiz für die Rohstoffexporteure, den Preis ihres wichtigsten Exportguts zu erhöhen wie 1973, 1979 und seit 2004 (vgl. Abbildung 3 der PDF-Version - natürlich spielen noch andere Faktoren eine Rolle). Umgekehrt konnten die erdölexportierenden Länder den Rückgang des Ölpreises in der ersten Hälfte der 1980er Jahre leichter hinnehmen, da gleichzeitig der Dollar stark an Wert gewann.

Der Boom zunehmend kurzfristiger Spekulation hat in den vergangenen Jahren die Aktienkurse, Rohstoffpreise und den Eurokurs in die Höhe getrieben ("manische" Phase) und so das Potential für die neue Weltwirtschaftskrise "aufgebaut" (gemeinsam mit dem Boom der Immobilienpreise). Diese breitet sich durch den "synchronen" Entwertungsprozess dieser Vermögen immer mehr aus ("depressive" Phase).

Da die Profitabilität von "trend-following technical trading systems" in erster Linie von der Dauer und Stärke der Preistrends abhängt (ganz gleich, ob nach oben oder nach unten), sind die Renditen von "trend-following" Hedge Fonds im Zuge des Aktien- und Rohstoffbooms nach einem Verlustjahr 2005 merklich gestiegen. Wegen des besonders steilen Abwärtstrends von Rohstoffpreisen und Aktienkursen sind die Renditen seit Mitte 2008 nahezu "explodiert". Gleichzeitig wurde der Kursverfall (und damit auch die Entwertung des Pensionskapitals von Millionen Menschen) durch die Spekulation der "trend-followers" verschärft (vgl. Abbildung 4 der PDF-Version).

Fußnoten

4.
Vgl. Stephan Schulmeister, The Interaction between Technical Currency Trading and Exchange Rate Fluctuations, in: Finance Research Letters, 3 (2006) 3, S. 212 - 233.