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12.6.2009 | Von:
Stephan Schulmeister

Der Boom der Finanzderivate und seine Folgen

Eine generelle Besteuerung von Finanztransaktionen

Die bisher dokumentierten Beobachtungen weisen auf folgenden Zusammenhang hin: Spekulatives "Trading" auf Finanzmärkten erhöht die kurzfristige Volatilität von Wechselkursen, Rohstoffpreisen und Aktienkursen und verstärkt damit gleichzeitig auch die längerfristigen Abweichungen dieser Preise von ihren "fundamentalen" Gleichgewichtswerten. Anders gesagt: "Exzessive" Liquidität ist ein typisches Merkmal von "asset markets" geworden.

Dieser Befund stellt die wichtigste Begründung für die Einführung einer generellen Finanztransaktionssteuer mit einem niedrigen bis minimalen Steuersatz dar. Denn eine solche Steuer würde spezifisch die extrem kurzfristigen Transaktionen mit Finanzderivaten verteuern und so einen Beitrag zur Stabilisierung von Wechselkursen, Rohstoffpreisen und Aktienkursen leisten. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die trendverstärkenden Wirkungen des "schnellen" Handels mit Hilfe technischer "trading systems".

In einer kürzlich publizierten Studie wurden Preiseffekte und Erträge einer generellen Finanztransaktionssteuer (FTS) untersucht.[5] Ihre wichtigsten Ergebnisse sollen abschließend zusammengefasst werden.

Die Studie schätzt das Aufkommen einer generellen FTS für drei mögliche Steuersätze, nämlich 0,1, 0,05 und 0,01 Prozent. Bei Finanzderivaten wird der "notional value" der Transaktion zugrunde gelegt, also etwa bei einem Future sein Kontraktwert. Dies bedeutet, dass die FTS solche Transaktionen stärker belastet, für die relativ wenig Bargeld eingesetzt werden muss, insbesondere Derivate mit hoher Hebelwirkung. Auch ist klar, dass eine FTS den Handel mit Finanztiteln umso stärker belastet, je größer die Transaktionshäufigkeit ist. Daraus folgt, dass die FTS in erster Linie (spekulative) Transaktionen mit einem hohen Risiko spürbar verteuert.

Das potentielle Steueraufkommen wird unter der Annahme geschätzt, dass das Handelsvolumen als Reaktion auf die Einführung einer FTS zurückgeht. Die Größe dieses Effekts hängt vom Steuersatz, den Transaktionskosten und dem Hebel ("leverage") ab. Für jeden Steuersatz und jeden Typ von Finanzinstrument wird dementsprechend ein niedriges, mittleres und hohes "transactions-reduction-scenario" (TRS) spezifiziert.

Das Steueraufkommen wurde für einzelne europäische Länder, große Regionen sowie für die Welt insgesamt geschätzt. Für Deutschland beliefen sich die Erträge bei einem Steuersatz von 0,1 auf 1,69 Prozent des BIP und bei einem Steuersatz von 0,01 auf 0,52 Prozent des BIP (56,1 bzw. 17,3 Milliarden Euro - dabei wird jeweils das mittlere TRS unterstellt). Der weitaus größte Teil der Erträge käme von der Derivatbörse EUREX, der Handel mit "echten" Aktien bzw. Anleihen würde kaum belastet (vgl. Übersicht in der PDF-Version).

Auf Grund der hohen Konzentration von Transaktionen auf den Finanzplatz London stellt Großbritannien einen "Sonderfall" dar. Dementsprechend hoch wären die Einnahmen aus einer generellen Transaktionssteuer. In Europa erbrächte eine generelle FTS einen Ertrag zwischen 2,30 und 0,74 Prozent des BIP (bei einem Steuersatz von 0,1 bzw. 0,01 Prozent und der Annahmen des mittleren TRS). Damit könnte ein großer Teil des Budgets der EU finanziert werden.

Für die Weltwirtschaft insgesamt ergäbe sich ein Steuerertrag zwischen 1,69 und 0,53 Prozent des Welt-BIP bei einem Steuersatz von 0,1 bzw. 0,01 Prozent (mittleres TRS). Zumindest ein Teil davon sollte für die Entwicklungszusammenarbeit verwendet werden.

Fußnoten

5.
St. Schulmeister/M. Schratzenstaller/O. Picek (Anm. 2).