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12.6.2009 | Von:
Dieter Korczak

Der öffentliche Umgang mit privaten Schulden

Daten zur Überschuldung

Wie groß sind die finanziellen Schwierigkeiten? Wie viele Einzelpersonen und Privathaushalte, wie viele Banken sind überschuldet? Es ist schwierig, genaue und verlässliche Zahlen für beide Gruppen zu ermitteln.

Überschuldung ist in der Regel das Ergebnis eines schleichenden Prozesses. Wenn Privatpersonen Schuldnerberatungsstellen aufsuchen, um Hilfe bei der Regulierung und Bewältigung ihrer Überschuldung zu erhalten, dann kämpfen sie meist bereits mehrere Jahre damit, ihre Schulden in den Griff zu bekommen. Nicht anders ist es bei Banken wie die Beispiele Barings Bank (Stichwort: Nick Leeson), Société Générale (Stichwort: JérÔme Kerviel), UBS, Hypo Real oder Bayerische Landesbank zeigen.

Bis zum Jahr 2002 wurde die Anzahl der überschuldeten Privathaushalte in Deutschland mit finanzieller Unterstützung des Bundesfamilienministeriums mit einem Indikatoren-Modell wissenschaftlich ermittelt und regelmäßig publiziert.[1] Seit das Bundesfamilienministerium die Forschung zum Thema Überschuldung nicht mehr unterstützt, werden Zahlen zur Überschuldung von verschiedenen Institutionen der Kreditwirtschaft angeboten. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich. Der Schulden-Kompass der Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung (Schufa) schätzt für das Jahr 2007 die Anzahl der überschuldeten Privathaushalte mit Konsumenten- und/oder Hypothekarkrediten auf 2,8 Millionen. Der Schulden-Atlas der Creditreform weist 6,9 Millionen überschuldete Privatpersonen über 18 Jahre aus. Dies entspricht einer Schuldnerquote von 10,1 Prozent, während die Schuldnerquote der Schufa bei 7,1 Prozent liegt. Eine Erklärung für die gravierenden Unterschiede bei der Bezifferung der privaten Überschuldung in Deutschland liefern weder Schufa noch Creditreform und auch nicht der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.

Am Ende einer dauerhaften Überschuldung steht in Deutschland in der Regel die Insolvenz. Eröffnungsgrund für ein Insolvenzverfahren sind entweder Überschuldung (§ 19 Insolvenzverordnung/InSo), das heißt, das Vermögen des Schuldners deckt die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr, oder drohende (§ 18 InSo) bzw. tatsächliche Zahlungsunfähigkeit (§ 17 InSo). Seit 2006 beantragen jährlich rund 120 000 Privatpersonen die Eröffnung eines Verbraucherinsolvenzverfahrens. Im Jahr 2008 belief sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Zahl der Verbraucherinsolvenzen auf 98 140, die Zahl der Unternehmensinsolvenzen auf 29 291. Hinzu kommen 23 926 ehemals selbstständig Tätige, die vom Statistischen Bundesamt separat und nicht als Verbraucherinsolvenzen gezählt werden.[2] In den Veröffentlichungen der Wirtschaftsauskunftei Bürgel werden die ehemals selbstständig Tätigen jedoch zu den Verbraucherinsolvenzen gezählt.[3] Es sei die Anmerkung gestattet, dass hier eine Vereinheitlichung der Zuordnung sinnvoll erscheint.

Die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger im Rahmen von Insolvenzen werden von den Gerichten für das Jahr 2008 bundesweit mit rund 33 Milliarden Euro angegeben. Die Schuldensummen aus Insolvenzen bilden jedoch nur die Spitze des Eisbergs.

Dies wird deutlich, wenn man die Schuldensummen aller überschuldeten Privatpersonen betrachtet. Aus der Statistik der 2007 von Schuldnerberatungsstellen an das Statistische Bundesamt übermittelten Daten von rund 57 000 beratenen Personen ist bekannt, dass die durchschnittliche Schuldensumme dieser Klienten im Jahr 2007 36 000 Euro betrug, einschließlich Schulden aus früherer Selbstständigkeit und aus Immobilienschulden.[4] Die große Mehrheit der Klienten (84 Prozent) ist jedoch weder ehemals selbstständig noch hat sie Immobilienschulden. Werden bei der Durchschnittsberechnung Selbstständige und Immobilienschuldner ausgeklammert, reduziert sich die Durchschnittsschuld der Klienten auf 23 000 Euro. Eine grobe Überschlagsrechnung (Durchschnittsschuld multipliziert mit Anzahl überschuldete Haushalte) ergibt ein Gesamtüberschuldungsvolumen der Privatpersonen und privaten Haushalte von rund 70 bis 108 Milliarden Euro.

Wie hoch ist im Vergleich zur privaten Überschuldung die Überschuldung der Banken? Die Höhe der Überschuldung von Banken ist in der Öffentlichkeit gänzlich unbekannt. Es ist nach wie vor schlechte Praxis von Banken, den Umfang der tatsächlichen Überschuldung nur scheibchenweise und notgedrungen zu veröffentlichen. Leider liefern auch die Aufsichtsbehörden, Deutsche Bundesbank und Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), keine entsprechenden Informationen. Man könnte meinen, dass Zahlen zur Bankenüberschuldung vom Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (SoFFin) zur Verfügung gestellt werden, da er immerhin rund 480 Milliarden Euro Steuergelder als Unterstützungsleistungen auf der Basis der Höhe der Verbindlichkeiten garantiert. Auf der SoFFin-Webseite sind jedoch keine präzisen Angaben über den Abfluss dieser Steuergelder zu finden. Aus Pressemitteilungen des SoFFin ist lediglich bekannt, dass sich das Antragsvolumen auf Stabilisierungshilfen des Sonderfonds im Februar 2009 auf 294 Milliarden Euro erhöht hat. Von diesem Antragsvolumen sind 197 Milliarden Euro bewilligt worden, 178 Milliarden Euro zur Gewährung von Garantien und 19 Milliarden Euro zur Vergabe von Eigenkapital. 45 Milliarden Euro an Garantien sind bereits wieder ausgelaufen. Die Inanspruchnahme des SoFFin kann derzeit nur aus den Pressemitteilungen der Empfängerbanken rekonstruiert werden. Aus diesen Verlautbarungen ergibt sich eine Inanspruchnahme bis Ende März 2009 in Höhe von rund 150 Milliarden Euro. Welche Bank(en) für die restlichen rund 50 Milliarden optiert haben, ist der steuerzahlenden Öffentlichkeit nicht bekannt (vergl. Tabelle 1 der PDF-Version).

Fußnoten

1.
Vgl. Dieter Korczak, Überschuldung in Deutschland zwischen 1988 und 1999, Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Schriftenreihe Band 198, Stuttgart-Berlin, Köln 2001; ders., Überschuldungssituation in Deutschland im Jahr 2002, Aktualisierung der Daten zur Überschuldung, in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Materialien zur Familienpolitik Nr. 19/2004, Berlin 2004.
2.
Vgl. Pressemitteilung Nr. 081, in: www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/UnternehmenGewerbeInsolvenzen/Tabellen/Content50/UnternehmenSchuldner,templateID=renderPrint.psml.
3.
Vgl. Bürgel, Schuldenbarometer 2008, in: www.buergel.de/presse/studien-analysen/396.html?task=view (29.3. 2009).
4.
Vgl. Jürgen Angele/Birgit Frank-Bosch/Jenny Neuhäuser, Überschuldung privater Personen und Verbraucherinsolvenzen, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Wirtschaft und Statistik, 11 (2008), S. 963ff.