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12.6.2009 | Von:
Dieter Korczak

Der öffentliche Umgang mit privaten Schulden

Ursachen von Überschuldung

Private Überschuldung: Bei der Bewertung von Überschuldung ist die Suche nach deren Ursachen von zentraler Bedeutung. Wie eingangs erwähnt, stellt sich bei privaten Haushalten und bei Banken mit aller Macht die Frage: Liegt die Ursache in schlechtem Wirtschaften?

Die Statistik der Schuldnerberatungsstellen legt eine eindeutige Verneinung dieser Frage für private Haushalte nahe, wie übrigens auch alle vorausgegangenen Untersuchungen zu diesem Thema. Die Überschuldung von Einzelpersonen und privaten Haushalten wird im Wesentlichen durch das Eintreten von Arbeitslosigkeit oder durch eine Scheidung bzw. Trennung ausgelöst. Unwirtschaftliche Haushaltsführung trifft nach Angaben der Schuldnerberater nur auf 8,6 Prozent der Klienten zu - also auf eine verschwindend kleine Gruppe. Gegen die beiden Hauptauslöser der Überschuldung haben Privatpersonen kaum Handlungsmöglichkeiten. Arbeitslosigkeit kann nicht verhindert werden, denn die häufigsten Gründe für die Entlassung von Personal sind Kosteneinsparungen seitens des Unternehmens, oder Entlassungen sind das Ergebnis von Firmenübernahmen und Fusionen. Auch Scheidungen sind in vielen Fällen nicht abwendbar wie die jährliche Anzahl von rund 200 000 Scheidungen in Deutschland demonstriert. Beide Ereignisse, Arbeitslosigkeit wie Scheidung, führen zu drastischen Einnahmeeinbußen. Für Geschiedene erhöhen sich zudem aufgrund notwendiger doppelter Haushaltsführung und der Kosten für die Scheidung die Ausgaben. Laufende Zahlungsverpflichtungen etwa für Miete, Energie, Kredite, Versicherungen etc. können aus vertraglichen, aber auch aus psychologischen Gründen nicht unmittelbar vor oder nach dem Eintreten des jeweiligen Ereignisses gekündigt oder reduziert werden. In Anbetracht der Tatsache, dass 80 Prozent der Klienten von Schuldnerberatungsstellen ein monatliches Nettoeinkommen von unter 1 300 Euro haben, ist es nachvollziehbar, dass eine Einnahmereduzierung infolge Arbeitslosigkeit die Möglichkeiten der Erfüllung von Zahlungsverpflichtungen massiv einschränkt. Das gilt ebenfalls für durch Scheidungen hervorgerufenen finanziellen Mehrfachbelastungen.

Niedrigeinkommen ist ein weiterer wichtiger Parameter der privaten Überschuldung. Bei 56 Prozent der Klienten von Schuldnerberatungsstellen lag das monatliche Nettoeinkommen 2007 unter 900 Euro und damit unter der Pfändungsfreigrenze, die derzeit für Alleinstehende ohne Unterhaltspflicht 990 Euro beträgt; 53 Prozent waren beim Erstkontakt mit einer solchen Stelle arbeitslos oder erwerbsfähige Bezieher öffentlicher Transferzahlungen. Männer und Frauen sind annähernd gleichermaßen unter den Überschuldeten vertreten. Besonders betroffen ist die Altersgruppe der 25- bis unter 55-Jährigen, die sich zuerst in der Phase der Hausstandsgründung und dann in der Familienphase befinden. Rund 44 Prozent sind Alleinlebende, rund 16 Prozent kinderlose Paare, rund 15 Prozent Alleinerziehende (überwiegend Frauen) und rund 21 Prozent Paare mit Kindern. Zwei Drittel der Überschuldeten haben eine abgeschlossene Berufsausbildung. Dies ist das konsistente Profil privater Überschuldungshaushalte, das sich seit 1990 in den verschiedenen Statistiken, Analysen und Gutachten zeigt.

Überschuldung von Banken: Sind die Ursachen und Auslöser privater Überschuldung vor allem externer Natur, so gilt für die Überschuldung von Banken das Gegenteil. Dort sind die Ursachen hausgemacht und jeweils "bewusste" Geschäftsentscheidung. Erst jetzt, zu einer Zeit, in der das Ausmaß der Finanzkrise und deren Konsequenzen für die Weltwirtschaft und die Zivilgesellschaften nicht mehr beschönigt werden können, mehren sich die Stimmen derer, welche die eigentliche Ursache der Finanzkrise in der "Gier" von Banke(r)n sehen und in einem (öffentlichen) Umfeld, das nicht ausreichend regulierend (re)agiert hat. Bundespräsident Horst Köhler hat in seiner Rede am 24. März 2009 die Orientierung an der kurzfristigen Profitmaximierung kritisiert. "Zu viele Leute mit viel zu wenig eigenem Geld konnten riesige Finanzhebel in Bewegung setzen. Viele Jahre lang gelang es, den Menschen weiszumachen, Schulden seien schon für sich genommen ein Wert; man müsse sie nur handelbar machen. Die Banken kauften und verkauften immer mehr Papiere, deren Wirkung sie selbst nicht mehr verstanden."[5]

Die Gier, auch die der kleinen Aktienbesitzer, war zusätzlich durch den Anspruch des vormaligen Investmentbankers und gegenwärtigen Chefs der Deutschen Bank, Josef Ackermann, nach 25 Prozent Rendite befeuert worden: Banke(r)n stürzten sich in finanzielle Abenteuer, deren Folgen und Konsequenzen sie offensichtlich ausblendeten. Selbst warnende Stimmen aus dem eigenen Lager wurden ignoriert, wie die Insider-Schilderung des finanziellen Desasters der Schweizer Großbank UBS demonstriert. Bereits im Mai 2002 warnten zwei Experten der UBS ihren Vorstandsvorsitzenden vor dem hohen Risiko eines 24 Milliarden umfassenden Engagements der Bank in US-amerikanische Immobilien. Ihre Warnung wurde ignoriert. Die Konsequenz war, dass die UBS von der Schweizer Regierung mit 35 Milliarden Euro gestützt werden musste. Die hamburgisch-schleswig-holsteinische Nordbank HSH verzockte sich so gewaltig mit Papieren der Investmentbank Lehman Brothers und anderen Wertpapieren, dass sie 30 Milliarden aus dem Garantiefonds der SoFFin in Anspruch nehmen musste.

Es ist jedoch nicht nur die Gier nach Profitmaximierung als Ursache zu nennen, sondern auch das Fehlen oder Versagen von Kontrollinstrumente und deren Anwendung durch die Bankenaufsichten und Wirtschaftsprüfergesellschaften. Eine besondere Variante der Kontrollumgehung bestand darin, Risiken in Milliardenhöhe an außerhalb der Bilanzen liegende Zweckgesellschaften auszulagern, um sie nicht mit mindestens acht Prozent Eigenkapital unterlegen zu müssen. Die Basel-II-Eigenkapitalregelung, zum Schutz von Sparern, Anlegern und anderen Gläubigern eingeführt, wurde dadurch bewusst ausgehebelt. Rating-Agenturen wie Standard & Poor's, Moody's und Fitch übten eine mehr als zweifelhafte Rolle aus. Sie waren und sind in die Konstruktion von so genannten komplexen Finanzprodukten involviert, die sie dann mit Gütesiegeln wie beispielsweise einem AAA-Rating bewerten. Bis kurz vor dem finanziellen Crash wurden von den Rating-Agenturen auch die Papiere der Lehman Brothers mit AAA bewertet. Hier gilt die Volksweisheit, dass der Bock zum Gärtner gemacht wurde.

Neben den Faktoren Profitmaximierung, Spekulation und fehlende Kontrolle spielt bei der Überschuldung der Banken und Auslösung der Finanzkrise die Tatsache eine entscheidende Rolle, dass die mit Derivaten und komplexen Finanzprodukten verbundenen Risiken in Handelsgüter umgewandelt wurden. So sind beispielsweise Risiken amerikanischer Subprime-Immobilien mit anderen Risiken vermischt, gebündelt, geteilt, neu verpackt und dann als neue Produkte auf dem Markt gehandelt worden. Das inhärente Risiko einer Kreditauslage für Immobilien an Personen ohne einen Cent Eigenkapital, die zudem weit über Wert bewertet wurden, blieb auf diese Art unsichtbar. Es verschwand nicht, es war immer da, aber es wurde bemäntelt mit mathematischen Modellen und technischer Sprache wie fat tails, vola 30, vola 250, skews - einer Insider-Sprache der Börsenmakler, deren Bedeutung sich auch vielen Bankern entzog.

Fußnoten

5.
Horst Köhler, Der Markt braucht Regeln und Moral, Die "Berliner Rede", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 25.3. 2009, S. 8.