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12.6.2009 | Von:
Michael-Burkhard Piorkowsky

Lernen, mit Geld umzugehen

Für die erfolgreiche Vermittlung der Kompetenzen des Umganges mit Ged genügen informelle Bildungsprozesse nicht. Ein Schulfach oder Lernfeld in allen Schulformen ist notwendig.

Einleitung

Wozu und was lernen, um mit Geld umzugehen? Geld an sich hat heute kaum einen Wert; der Materialwert ist gering. Sein Wert besteht in seiner Funktion als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel. Denn Geld verbrieft Ansprüche auf die Güter des Sozialprodukts und dient in dieser Funktion der eigenen Verwendung sowie derÜbertragung von Kaufkraft zur Begleichung von Verpflichtungen und zur Gabe von Geldgeschenken. Geld ist damit nicht nur ein Indikator für die Fähigkeit der Beschaffung von Marktgütern, sondern - davon abgeleitet - auch von Einkommen und damit zugleich ein Maßstab für die Bewertung von Leistungen, Investitionen, Berufspositionen, Macht: Deshalb ist es ein besonderes Objekt der Begierde, im Extrem sogar eine "heimliche Religion" - wie der Soziologe Christoph Deutschmann es formuliert.






Zu wenig Kompetenz im Umgang mit Geld ist ebenso ungut wie zu viel davon: wenn, wie in jüngerer Vergangenheit, von der Realwirtschaft abgehoben agiert wird. Das belegen Untersuchungen über die Gründe ungeplanter Ver- und Überschuldung einerseits sowie spektakuläre Fälle und allgemeine Auswirkungen der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise andererseits. Um eine quasi religiöse Überbewertung von Geld, um hemmungslose Einkommensmaximierung an der Steuerpflicht vorbei und damit gekauftes Ansehen darf es nicht gehen, wenn die Fähigkeit des Umgangs mit Geld erworben werden soll. Vielmehr muss gelernt werden, Geld als ein Mittel neben anderen für die Alltags- und Lebensgestaltung nutzen zu können. Dieses Lernziel ist heute nicht mehr nur eine Herausforderung im Bemühen um Angehörige bildungsfernerer Schichten, sondern es betrifft - bedingt durch den rasanten Wandel der Ökonomie des Alltags - fast alle Menschen.[1]

Angesichts der Überfülle und der teils aggressiven Bewerbung des Güterangebots ist die Selbstkontrolle der Bedürfnisse schwierig. Das gilt auch für die Abstimmung zwischen Kaufkraft und Kaufaktivität. Die steigende Komplexität der produzierten Güter und die Virtualisierung der Marktbeziehungen wirken zusätzlich erschwerend. Das alles gilt neuerdings auch für Finanzdienstleistungen, was etwa in der Rede von der "Bank als Kreditfabrik" und dem "Kreieren von Zertifikaten" für spekulative Geldanlagen zum Ausdruck kommt.[2] Die Erweiterung des kommerziellen Dienstleistungssektors durch Deregulierung von Märkten und die Privatisierung vormals öffentlicher Versorgungsbereiche verschärft die Situation für alle. Die Optionen und damit auch die Entscheidungsmöglichkeiten und -zwänge, ob, wie und zu welchem Preis die Sach- oder Dienstleistung beschafft werden kann, stellen Normalbürger und -bürgerinnen vor Fragen, wie sie nach herkömmlichem Verständnis in Unternehmen zu klären sind: Bahnfahrkarten, Strom- oder Gastarife und Telefonverträge auszuwählen, ist schwierig geworden. Noch schwieriger sind Entscheidungen für oder gegen Studienkredite, Bausparverträge und Altersvorsorgeprodukte. Ergebnisse der empirischen Verhaltensforschung zeigen, dass ökonomisch rationales Handeln, wenn es nicht gelernt werden konnte, eher die Ausnahme als die Regel ist.

Lernen, mit Geld umzugehen, soll dazu befähigen, Geld in seiner medialen Funktion als Zahlungsmittel, als Wertmaßstab für Marktgüter und als Wertaufbewahrungsmittel für die erfolgreiche Gestaltung der persönlichen Alltags- und Lebensökonomie zu nutzen. Dabei ist Geld nicht nur im Sinn von Bargeld gemeint, sondern eingeschlossen sind die geldähnlichen Schuldverhältnisse und Finanzdienstleistungen, wie Bürgschaften, Kredite und Vermögensanlageprodukte. Dieser Umgang mit Geld wird den privaten Haushalten und Familien zugeordnet. Hierunter können auch kleine, mit dem Haushalt verbundene Unternehmen fallen, so dass Investitionen für die eigene Unternehmenstätigkeit in Betracht zu ziehen sind.[3] Es geht dabei aber nicht nur darum, mit Geld und Finanzdienstleistungen die unmittelbar eigene Position zu sichern oder zu verbessern, sondern zugleich darum, als Konsumbürger und -bürgerin in sozialer und ökologischer Verantwortung zu handeln. Richtiger Umgang mit Geld hat folglich nicht nur eine ökonomisch-finanztechnische, sondern auch eine ethische und moralische Dimension.

Lernen, mit Geld umzugehen, heißt also eigentlich: lernen, mit seinen Bedürfnissen umzugehen, sich als Akteur und Ressource zu begreifen und umfassende wirtschaftliche Handlungskompetenz in persönlicher und sozialer Verantwortung zu erlangen. Und weil der Umgang mit Geld weder genetisch programmiert noch trivial ist, muss er erlernt werden.[4] Dies geschieht in informellen und in formalen Bildungsprozessen.

Fußnoten

1.
Vgl. Marc Brost/Marcus Rohwetter, Wir alle - finanzielle Analphabeten, in: Die Zeit vom 31.10. 2002, S. 19 - 20; dies., Das große Unvermögen. Warum wir beim Reichwerden immer wieder scheitern. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt, Weinheim 2003; Michael-Burkhard Piorkowsky, Neue Hauswirtschaft für die postmoderne Gesellschaft. Zum Wandel der Ökonomie des Alltags, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2003) 9, S. 7 - 13.
2.
Vgl. Daniel Mohr, Produktion wie am Fließband. Ein Zertifikat ist schnell kreiert, deshalb gibt es mittlerweile mehr als 200 000 davon, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 29.6. 2007, S. 20.
3.
Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Die Evolution von Unternehmen im Haushalts- und Familienkontext - Grundgedanken zu einer Theorie sozioökonomischer Hybridsysteme, in: Zeitschrift für Betriebswirtschaft, 72 (2002), Ergänzungsheft 5, S. 1 - 19.
4.
Vgl. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz/BMELV (Hrsg.), Verbraucherkompetenz für einen persönlich erfolgreichen und gesellschaftlich verantwortlichen Konsum. Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats für Verbraucher- und Ernährungspolitik beim BMELV, Bonn - Berlin 2008.