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5.6.2009 | Von:
Heike Delitz

Architektur + Soziologie = Architektursoziologie

Architektur als Sozialtechnologie

Was die Architektur des frühen 20. Jahrhunderts zeitgleich mit der Etablierung der Wissenschaft Soziologie wollte, war in der Tat nichts weniger als die "Ordnung" des Sozialen. Le Corbusier hat es 1923 formuliert: Worum es der modernen Architektur geht, ist die Entscheidung zwischen "Baukunst" und "Revolution". Der historische Kontext ist bekannt: Das frühe 20. Jahrhundert ist in Frankreich und Deutschland verbunden mit der Erfahrung einer neuen Gesellschaftsstruktur (dem Aufkommen der Angestellten); einer neuen Wirtschafts- und Produktionsweise (Taylorismus, Fordismus); dem Wachstum der Städte; und zugleich der Erfindung neuer Baufunktionen, Bauweisen, Baumaterialien (Stahl, Stahlbeton, Glas). Die Architektur zeigt sich dabei zutiefst abgestoßen vom Bisherigen: nicht nur vom ästhetischen, sondern vor allem auch vom sozialen "Chaos". In dieser Situation nannte Adolf Loos das Ornament das "Verbrechen": nicht nur, weil es den Stillstand der Architektur bedeutete, sondern tiefergehend noch, weil es die Gesellschaft in vergangenen Lebenswelten - im Barock, im Mittelalter, in der Antike - "gefangen hielt". In ihrer neuen Architektur hat sich die Gesellschaft durch ihre Architekten gewissermaßen selbst ein neues Gesicht "gewählt": artifizielle, serielle Formen, die sich von den regionalen Bautraditionen und der Erde gleichermaßen ablösten, in neuen Materialien und Farben. Zugleich hat sie sich neue Lebensräume geschaffen: entleerte Räume mit transportablen Möbeln aus Glas; Dachterrassen zum Sporttreiben; minimalisierte Küchen mit Anweisungen zur Rationalisierung der Hausarbeit. Es ging dabei nicht nur um ein schnörkelloses Funktionieren, nicht nur um die "Maschine zum Wohnen" (Le Corbusier): sondern es ging auch um ein Management der Affekte und Gefühle, um die Lösung von Vergangenem zugunsten einer vorwärtsblickenden Haltung.