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5.6.2009 | Von:
Heike Delitz

Architektur + Soziologie = Architektursoziologie

Soziologie ohne Architektur

Spätestens diese Architektur hätte die Soziologie auf die Frage bringen müssen, was Architektur hinsichtlich des Sozialen vermag. "Reform" statt "Revolution": Das war das Motto auch der Soziologie. Auch sie zielt(e) neben der Diagnose der modernen Gesellschaft stets auf deren Bändigung: auf Integration, Ordnung, die Schaffung neuer sozialer Bindungen. Dass es keine systematische Architektursoziologie gab, wird vielleicht daran gelegen haben, dass sich die Soziologie (wie der Freiburger Soziologe Wolfgang Eßbach es ausdrückt) von Kunst und Technik in die "Klemme" genommen sah: und damit wesentlich auch von der modernen Architektur. Diese war mit ihrem sozialen Anspruch die vielleicht übermächtige Konkurrenz der Soziologie. Für Eßbach ist dies der Grund einer weitreichenden Weichenstellung der Soziologie, in der alle "Dinge" aus dem Bereich des Sozialen und dem Blick der Soziologie verbannt sind. Die Soziologie gibt sich ihre Grundbegriffe in einer "antiästhetischen und antitechnischen Haltung".[1] Sie reinigt das eigentliche Soziale von den Dingen (und damit auch von der Architektur), indem sie es als pure Interaktion, Wechselwirkung, Kommunikation fasst.[2] Alles andere ist allenfalls Instrument oder Ausdruck dieses "eigentlichen" Sozialen. Die soziologischen Klassiker interessieren sich für die Motive der Einzelnen, aus denen sich der Kapitalismus erklären lässt; für die Eigendynamik übergreifender Komplexe wie Religion und Wirtschaft. Und ihre Grundbeobachtung ist, dass die moderne Gesellschaft auseinanderzufallen droht, indem sie die traditionalen und religiösen Bindungen durch Verträge ersetzt. Das soziale Band, das vinculum sociale, ist brüchig geworden.

Dass sich diese moderne Gesellschaft in den Großstädten entfaltet, haben wenige angesprochen. Vor allem Georg Simmel hat diese neue Lebenswelt analysiert: eine Lebenswelt, die neue Umgangsformen notwendig macht, weil sich in ihr die Menschen und Dinge explosionsartig vermehren. Simmel schlug der Soziologie vor, von der sichtbaren Oberfläche der Gesellschaft ein "Senkblei" zu ziehen, gleichsam am Körper der Gesellschaft ihre "Seele" zu erkennen. Und dieser Körper ist faktisch sicher nicht zuletzt die Architektur.

Fußnoten

1.
Wolfgang Eßbach, Antitechnische und antiästhetische Haltungen in der soziologischen Theorie, in: Andreas Lösch u.a. (Hrsg.), Technologien als Diskurse, Heidelberg 2001, S. 123 - 136.
2.
Zu einer Korrektur des Kommunikationsbegriffs in Richtung der Architektursoziologie siehe den Beitrag von Joachim Fischer in diesem Heft.