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5.6.2009 | Von:
Susanne Frank

Architekturen: Mehr als ein "Spiegel der Gesellschaft"

Architekturen als Medien sozialer (Geschlechter-)Beziehungen

Forschungsergebnisse haben vielfach belegt, dass die wohnungs- und städtebaulichen Strukturen der fordistischen Epoche maßgeblich zur Erschwerung und Einengung des Alltagslebens von Frauen und zur Befestigung geschlechtsspezifischer Rollenzuweisungen beitrugen und so zum "Emanzipationshindernis" wurden.[8] Normierter, standardisierter Wohnungsbau und funktionale Zonierung bewirkten demnach weit mehr als physische Distanzierung. Sie entfernten die Frauen real und symbolisch von und aus der Stadt und der Öffentlichkeit, beschnitten ihre Wahl- und Handlungsmöglichkeiten und damit auch die Chancen der Veränderung ihres gesellschaftlichen Status.[9]

Architektur erweist sich damit als wichtige "Konstruktionsmacht von Lebenswelten",[10] hier der spezifischen Lebenswelten von Frauen. Wenn Architekturen zugleich ein "Mittel (sind), den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft ihren Ort und ihre Stellung im Gemeinwesen zuzuweisen",[11] so hat die fordistische Wohnarchitektur und -struktur deutlich artikuliert, dass der Platz von Frauen materiell und symbolisch am Rande der Gesellschaft zu finden ist. Eigenheim-Suburbanisierung und sozialer Wohnungsbau drücken diese soziale und räumliche Marginalisierung aus und intensivieren sie noch. Insofern Wohnstrukturen also eine große Rolle bei der Symbolisierung, Aufrechterhaltung und Verstärkung von Geschlechterbeziehungen spielen, sind sie besonders geeignet, die "gesellschaftsprägende Kraft von Architekturen" zu verdeutlichen.[12] In den Gender Studies wurde damit schon früh erkannt, dass und in welchem Maße die Bedeutung von Architekturen über das "Anzeigen" und "Abbilden" gesellschaftlicher Strukturen hinausgeht.

Fußnoten

8.
Myra Warhaftig, Emanzipationshindernis Wohnung: die Behinderung der Emanzipation der Frau durch die Wohnung und die Möglichkeit zur Überwindung, Köln 1985.
9.
Vgl. Daphne Spain, Gendered Spaces. Chapel Hill 1992, S. XI; Renate Borst, Die zweite Hälfte der Stadt. Suburbanisierung, Gentrifizierung und frauenspezifische Lebenswelten, in: dies. u.a. (Hrsg.), Das neue Gesicht der Städte. Theoretische Ansätze und empirische Befunde aus der internationalen Debatte, Basel 1990, S. 237.
10.
Heike Delitz, Die Architektur der Gesellschaft. Architektur und Architekturtheorie im Blick der Soziologie, in: Wolkenkuckucksheim. Internationale Zeitschrift für Theorie und Wissenschaft der Architektur, 10 (2006) 1, siehe http://www.cloud-cuck oo.net/ (8.4.2009). Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Text von H. Delitz in diesem Heft.
11.
H. Schubert (Anm. 3), S. 2.
12.
H. Delitz (Anm. 10).