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5.6.2009 | Von:
Susanne Frank

Architekturen: Mehr als ein "Spiegel der Gesellschaft"

Charakteristika des feministischen Architekturverständnisses

Wie diese Ausführungen zeigen, zeichnet sich die feministische Sichtweise auf die gebaute Umwelt durch einen weiten Architekturbegriff aus, der die Gesamtheit der baulichen Bestände vom einzelnen Gebäude bis zum architektonischen Ensemble und ausdrücklich auch die städtebaulichen Kontexte einbezieht.[13] Dabei wird der ganze Prozess des Planens und Gestaltens in den Blick genommen: die Entstehung, Herstellung, Aneignung und Nutzung ebenso wie die Rezeption von Bauwerken. In die Analyse des Bauens gehen damit auch soziale (Macht-)Beziehungen wie Entscheidungs- und Beteiligungsstrukturen und die (unterschiedliche) Stellung von Architekt(inn)en im Produktionsprozess ein.

Ein anderes wesentliches Kennzeichen der Gender-Perspektive auf Architekturen ist der starke Alltagsbezug. Dieser drückt sich in zweifacher Hinsicht aus: Zum einen ist für den gendersensiblen Blick gerade "das alltägliche Bauen" respektive die "Alltagsarchitektur der Gesellschaft" besonders aussagekräftig für das Verständnis der gesellschaftlichen Verhältnisse und Entwicklungen. Hierin unterscheidet sich die feministische Sicht auf Architekturen fundamental von einer Architekturtheorie oder -soziologie, welche die Strukturen und den Wandel der Gesellschaft vor allem an "starchitecture", also an spektakulären, repräsentativen oder avantgardistischen Bauwerken ablesen will. Wenngleich Vertreterinnen und Vertreter der Gender Studies die gesellschaftsdiagnostische Bedeutung solcher Architekturen keinesfalls in Abrede stellen und selbst gewinnbringend für geschlechterkritische Analysen nutzen, so unterstreichen sie in ihren Arbeiten doch die in den meisten Architekturbetrachtungen stets vernachlässigte große Wirkmächtigkeit der Alltagsarchitekturen für die alltägliche Lebensgestaltung sowie deren Eigenschaft als Medien der alltäglichen materiellen und symbolischen Produktion und Reproduktion (hierarchischer) sozialer Beziehungen.

Zum anderen ist, damit eng zusammenhängend, der Lebensalltag derjenigen, für die (nicht) geplant wird, ein wichtiger Maßstab der Betrachtung. In Bezug auf die Deutung und Bewertung architektonischer Produkte zeichnet sich das feministische Architekturverständnis durch den hohen Stellenwert aus, der nicht nur der formal-ästhetischen, auf die Symbolik von Bauwerken fokussierenden, sondern auch der sozialen, nutzungs- und gebrauchswertorientierten Dimension beigemessen wird.[14]

Fußnoten

13.
Vgl. Barbara Zibell, From interspace? Architektur und Gender Studies. Neue Perspektiven auf eine alte Disziplin, in: Wolkenkuckucksheim. Internationale Zeitschrift für Theorie und Wissenschaft der Architektur, 10 (2006) 1. S. 6f.; Kerstin Dörhöfer, "Die Frau an ihren Herd, zu ihren Kindern"? Formen und Folgen der Wohnarchitektur im 20. Jahrhundert, in: Ministerium für Generationen Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Demografischer Wandel. Die Stadt, die Frauen und die Zukunft, Düsseldorf 2006, S. 367.
14.
Vgl. Kerstin Dörhöfer/Ulla Terlinden, Verortungen. Geschlechterverhältnisse und Raumstrukturen, Basel u.a. 1998, S. 10.