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5.6.2009 | Von:
Susanne Frank

Architekturen: Mehr als ein "Spiegel der Gesellschaft"

Von Frauen zu Gender: Entwicklungen im Feld der Geschlechterforschung

In der ersten Phase der feministischen Stadt- und Architekturkritik, die nicht zufällig in der Ära der höchsten Verfestigung des traditionellen Geschlechterrollenmodells einsetzte, konzentrierten sich Analyse und Kritik auf die sträfliche Vernachlässigung der Anforderungen, die sich aus der alltäglichen Verrichtung von Haus- und Reproduktionsarbeit ergaben, und auf das Ziel von deren gesellschaftlicher wie planerisch-gestalterischer Aufwertung und Anerkennung. Diese historisch bedingte Fixierung auf den Lebensalltag von Hausfrauen und Müttern ist längst überwunden. Mit der zunehmenden Differenzierung von Arbeits- und Lebenswelten trat die polarisierende Sichtweise auf Männer- und Frauenwelten in den Hintergrund zugunsten einer differenzierten Betrachtung unterschiedlichster Alltagsmuster und Lebenszusammenhänge.[15] Immer deutlicher wurde, dass "Frauen" und "Männer" sich nicht als "homogene Blöcke" gegenüber stehen, sondern in sich stark differenzierte, hierarchisch gegliederte soziale Gruppen darstellen, die vielfältige und komplexe, häufig auch widersprüchliche und konfliktreiche (Geschlechter-)Beziehungen unterhalten.

Die Gender Studies sind heute ein multiparadigmatisches Feld, zu dem Frauen-, Männer- und Geschlechter- sowie "Queer"-Forscherinnen und -Forscher aus dem ganzen Spektrum der Wissenschaften beitragen. Geschlecht wird dabei nicht (mehr) vor allem als ein Merkmal von Personen aufgefasst, sondern als ein zentrales Organisations- und Strukturprinzip der Gesellschaft. Neben die Analyse der Wirkungen von "Geschlecht" als einem wesentlichen (mit anderen Strukturkategorien zusammen wirkenden) Faktor der ungleichen Positionierung im sozialen Raum sind vor allem Fragen nach den basalen Prozessen der kulturellen und sozialen Herstellung von "Geschlecht", das heißt nach den "Modi und Medien" der Geschlechterkonstruktionen sowie nach den Möglichkeiten von deren Subversion getreten.[16] Die Auseinandersetzung mit der "Architektur der Gesellschaft" spielt somit weiterhin eine wichtige Rolle.

Fußnoten

15.
Vgl. B. Zibell (Anm. 13), S. 3.
16.
Vgl. Angelika Wetterer, Konstruktion von Geschlecht. Reproduktionsweisen der Zweigeschlechtlichkeit, in: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden 2004, S. 122 - 131, hier: S. 125.