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5.6.2009 | Von:
Susanne Frank

Architekturen: Mehr als ein "Spiegel der Gesellschaft"

Im Fokus: Gentrifizierung

Viele der Entwicklungen und Ausdifferenzierungen im Feld der Gendertheorie lassen sich an den geschlechterbezogenen Forschungen zu Stadt, Raum und Architektur nachvollziehen.[17] Auch hier hat sich der Schwerpunkt verlagert: von einer frauenzentrierten Perspektive auf die gebaute Umwelt hin zur Betrachtung der Rolle und Bedeutung von "Geschlecht" als gesellschaftlichem Ordnungsprinzip für die baulich-räumliche Gestaltung der Umwelt. Deutlich ist zugleich auch, welch starke Prägung die Geschlechterbeziehungen ihrerseits durch die baulich-räumlichen Strukturen der Gesellschaft erfahren.

Aus der Vielfalt der Themen möchte ich, um beim Beispiel der Wohnstrukturen zu bleiben, die geschlechterbezogenen Analysen von Gentrifizierungsprozessen herausgreifen.[18] Als Gentrifizierung wird die bauliche und gestalterische Aufwertung vor allem innenstadtnaher Wohngebiete (meist Altbauviertel) bezeichnet, die mit einer Verdrängung der ansässigen Wohnbevölkerung einhergeht. Studien belegen, dass jüngere, hoch qualifizierte und gut verdienende Frauen und Homosexuelle als Nachfragerinnen und Nachfrager auf den innerstädtischen Wohnungsmärkten überproportional aktiv sind. Sie leben vielfach mit einem/einer ebenfalls erwerbstätigen Partner/in in kinderlosen Haushalten zusammen. Aufgrund der Tatsache, dass in heterosexuellen gentrifier-Haushalten weit seltener die typischen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungen praktiziert werden als etwa in eher traditionell orientierten suburbanen Haushalten, wurde die Gentrifizierung auch als sozialräumlicher Ausdruck einer allmählichen Aufweichung überkommener Geschlechterrollen interpretiert.[19] Aber auch in diesem Zusammenhang konnte gezeigt werden: Gentrifizierung ist nicht allein Resultat dieser Entwicklungen, sondern ebenso auch ein Ort, der neue Geschlechterrollen und neue Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit (mit)produziert: "The issue is whether gentrification is a process through which changes in gender identities are constructed and expressed."[20]

Ähnlich wird die "gay gentrification" als Resultat urbaner Emanzipationsbestrebungen gedeutet. Sie gilt als gezielte und bewusste Antwort einkommensstarker, überwiegend weißer Mittelklassemänner auf die Erfahrungen von alltäglicher Marginalisierung, sexueller Unterdrückung und aggressiver Homophobie: "Gentrification was just one of the ways in which gay identity was consolidated, gay space was asserted and sexuality could be performed out of the closet' without fear of opposition."[21] Davon ausgehend, dass mit dem Geschlechterverhältnis auch die Heteronormativität in die physische und soziale Organisation von Räumen und Gebäuden eingeschrieben ist,[22] feiert Aaron Betsky die befreiende Wirkung solcher "queer spaces": "Gay men and women are in the forefront of architectural innovation, reclaiming abandoned neighborhoods, redefining urban spaces, and creating liberating interiors out of hostile environments."[23]

Anders als dieser letzte Abschnitt es nahelegen mag, wird dabei die Kehrseite dieser Entwicklungen von der kritischen Genderforschung keineswegs übersehen: dass nämlich die Schaffung nicht-traditioneller, tendenziell emanzipatorischer Räume für die privilegierten Gewinnerinnen und Gewinner des gesellschaftlichen Strukturwandels mit der Verdrängung einkommensschwacher Schichten aus ihren angestammten Wohngebieten einhergeht. Insofern belegen gerade die Untersuchungen von Gentrifizierungsprozessen die unlösbare Verbindung von "Geschlecht" und "Sexualität" mit anderen Strukturkategorien wie "Ethnie" oder "Klasse/Schicht".

Fußnoten

17.
Die heutige Themen- und Perspektivenvielfalt lässt sich auch an Readern und Sammelbänden zum Thema Architektur und Gender ablesen. Vgl. z.B. Jane Rendell et al. (Hrsg.), Gender Space Architecture. An interdisciplinary introduction, London 2000; Dörte Kuhlmann/Kari Jormakka (Hrsg.), Building Gender. Architektur und Geschlecht, Wien 2002.
18.
Vgl. Liz Bondi, Gender Divisions and Gentrification: a Critique, in: Transactions of the Institute of British Geographers N.S. 16, 1991, S. 190 - 198; Monika Alisch, Frauen und Gentrification: der Einfluß von Frauen auf die Konkurrenz um den innerstädtischen Wohnraum, Wiesbaden 1993.
19.
Vgl. Ann R. Markusen, City Spatial Structure, Women's Household Work and National Urban Policy, in: Women and the American City, Special Issue of Signs, 5 (1980) 3, S. 23 - 44, hier: S. 35; zur Kritik s. M. Alisch (Anm. 18), S. 116f.
20.
Liz Bondi (Anm. 18), S. 121.
21.
Tom Slater, What is gentrification?, in: ders., Gentrification Web, siehe: http://members.lycos.co.uk/gentrifi cation/ (8.4.2009); s.a. Larry Knopp, Sexuality and urban space: a framework for analysis, in: David Bell/Gill Valentine (Hrsg.) Mapping Desire. Geographies of Sexualities, London et al. 1995, S. 149 - 161, hier: S. 152 sowie die Pionierarbeit zur "gay gentrification": Manuel Castells, Cultural identity, sexual liberation and urban structure: the gay community in San Francisco, in: ders., The City and the Grassroots: A Cross-Cultural Theory of Urban Social Movements, London 1983, S. 138 - 170; zu "lesbian gentrifiers" s. Tamar Rothenberg, And she told two friends: lesbians creating urban social space, in: David Bell/Gill Valentine, Mapping Desire. Geographies of Sexualities, London et al. 1995, S. 165 - 181.
22.
Hierzu siehe z.B. D. Bell/G. Valentine (Anm. 21); Michael Frisch, Planning as a Heterosexist Project, in: Journal of Planning Education and Research 2002, 21, S. 254 - 266.
23.
Aaron Betsky, Queer Space. Architecture and Same-Sex Desire, New York 1997, Klappentext.