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5.6.2009 | Von:
Susanne Frank

Architekturen: Mehr als ein "Spiegel der Gesellschaft"

Schlussfolgerungen

Die zuletzt zitierten Studien können exemplarisch für eine allgemeine Veränderung der Blickrichtung in der Analyse des Verhältnisses von Gender und Architekturen stehen: Thematisiert wird nicht mehr vor allem die Behinderung und Benachteiligung marginalisierter Gruppen durch baulich-räumliche Strukturen, sondern die aktive planerische Herstellung, Aneignung und Umgestaltung/Umdeutung von Gebäuden, Räumen und Orten in oftmals widerständigen und konfliktreichen sozialen Prozessen.[24]

Auch in neueren Forschungen werden die Wechselwirkungen betont, die zwischen Architekturen, sozialen Strukturen und Prozessen bestehen. Architekturen bringen hierarchisch (nach Geschlecht, Klasse, Ethnie, Alter etc.) differenzierte soziale Beziehungen nicht nur zum Ausdruck, sie bringen sie selbst mit hervor und sind wichtige Faktoren ihrer Reproduktion. Aus Genderperspektive bedeutet dies: Geschlechterbilder, Annahmen über das Wesen der Geschlechter und die diesen entsprechenden Rollen gehen in die Gestaltung der gebauten Umwelt ein; sie werden buchstäblich versteinert oder betoniert. Solchermaßen materialisiert, machen sie sich wiederum als Voraussetzungen geltend, unter denen Geschlechterbeziehungen ausgehandelt werden.[25] In Abgrenzung zu einem sozialräumlichen Determinismus, der in früheren architektursoziologischen wie feministischen Arbeiten des Öfteren anzutreffen war, ist in den vergangenen Jahren aber auch deutlich herausgearbeitet worden: Architekturen und städtebauliche Strukturen beeinflussen und prägen, ermöglichen oder erschweren soziales Handeln (von Männern und Frauen) ebenso wie soziale (Geschlechter-)Beziehungen, aber sie determinieren weder das eine noch die anderen.

Fußnoten

24.
Vgl. R. Becker (Anm. 4), S. 659.
25.
Vgl. hierzu ausführlich: S. Frank (Anm. 6).