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5.6.2009 | Von:
Susanne Frank

Architekturen: Mehr als ein "Spiegel der Gesellschaft"

Architekturen bilden gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur ab. Aus einer geschlechterbezogenen Perspektive wird gezeigt, dass Architekturen einen wichtigen Beitrag zur Produktion und Reproduktion sozialer Beziehungen leisten.

Einleitung

Die Diskussion um das Verhältnis von Architektur und Gesellschaft hat Konjunktur. In verschiedenen (Fach-)Öffentlichkeiten werden die Rolle und Bedeutung der gebauten Umwelt für die gesellschaftliche Entwicklung intensiv debattiert. Das Spektrum der Perspektiven und Interessen ist dabei weit und heterogen: In den anwendungsorientierten Disziplinen Stadtpolitik, Städtebau und Stadtplanung geht es häufig vor allem um den strategischen Einsatz oftmals spektakulärer Architektur für die Ziele der Stadt- oder Quartierserneuerung. Hierfür gibt es zahlreiche aktuelle Beispiele - von Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao über die Londoner Docklands bis hin zur Hamburger Hafen-City oder zum Potsdamer Platz in Berlin.




Architektursoziologinnen und -soziologen wiederum betrachten solche markanten (städte)baulichen Projekte - ebenso wie die Diskussionen oder Aneignungskämpfe, die sich an ihnen entzünden - als bedeutende Ausgangspunkte der Gegenwartsdiagnose: als Materialitäten, die zentrale gesellschaftliche Leitbilder, Werthaltungen, Strukturen und Entwicklungstendenzen verkörpern. In diesem Zusammenhang werden Architekturen gerne als "Abbilder" oder "Spiegel" der Gesellschaft bezeichnet. Diese Feststellung will ich nicht in Frage stellen. Nichtsdestoweniger möchte ich in diesem Beitrag argumentieren, dass Architekturen mehr sind und mehr tun als gesellschaftliche Verhältnisse (bloß) abzubilden oder zurückzuwerfen: Gezeigt werden soll, dass sie (im Zusammenspiel oder Widerstreit mit anderen Medien der Vergesellschaftung) einen wichtigen Beitrag zur Produktion und Reproduktion sozialer Beziehungen leisten.

Diese These möchte ich im Folgenden anhand der langjährigen geschlechterbezogenen Auseinandersetzungen mit den Wirkungen der gebauten Umwelt erläutern. Am Beispiel des Komplexes Wohnen/Wohnumfeld soll der spezifische Beitrag verdeutlicht werden, den die Ergebnisse der Genderforschung zur jüngeren architektursoziologischen Diskussion leisten können, in welcher die Vorstellung von Architektur als zentralem Medium des Sozialen eine große Rolle spielt.[1]

Fordistische Wohnstrukturen als "Anzeiger" patriarchaler Vergesellschaftung

Aus architektursoziologischer Perspektive wird Wohnen als "das gesamtgesellschaftlich verbreitetste Verhalten im Umgang mit Architektur" bezeichnet und gilt "von den Arten der Benutzung der Architektur" als "die gesellschaftlich bedeutsamste, weil sie die meisten Menschen während ihres Lebens einbezieht".[2] Mit Norbert Elias sind "Wohnstrukturen als Anzeiger gesellschaftlicher Strukturen" interpretiert worden.[3]

Es überrascht daher kaum, dass die Wohnstrukturen der fordistischen Epoche einer der Schwerpunkte der feministischen Stadt- und Planungskritik waren, die sich Ende der 1970er Jahre in enger Verbindung zur Zweiten Frauenbewegung formierte. Im Elias'schen Sinne wurden diese als präziser "Anzeiger" nicht nur der bürgerlich-kapitalistischen, sondern auch der patriarchalen Verfasstheit der westlich-modernen Industriegesellschaften gedeutet: "als materialisierter Ausdruck eines hierarchischen Geschlechterverhältnisses",[4] das sich vor allem durch die systematische Marginalisierung von Haus- und Reproduktionsarbeit auszeichnete. Während der "Malestream" der Stadtforschung die räumliche Organisation westlich-moderner Städte mit ihrer charakteristischen funktionalen Zonierung (,Wohnen, ,Arbeiten, ,Freizeit/Erholung, ,Fortbewegung/Verkehr) allein auf industriekapitalistische Strukturprinzipien zurückführte,[5] konnte die feministische Kritik zeigen, dass in diebaulich-räumliche Ausdifferenzierung der modernen Stadt von Anfang an die geschlechtsspezifische Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit eingelassen war: Der Bereich der nicht entlohnten Versorgungsarbeit wurde an Frauen delegiert, in die "Privatsphäre" der Wohnungen und Wohnviertel eingeschlossen ("Haus-Frau") und dann auch räumlich ausgelagert und isoliert. Zwei die fordistische Phase international prägende Wohnformen drückten diese Entwicklung besonders deutlich aus: die Eigenheim-Suburbanisierung und die peripheren Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus.

Wohnsuburbanisierung bedeutete die Schaffung und Abgrenzung reiner Reproduktionsräume. Insofern diese auf der Durchsetzung des typischen Lebensmodells der bürgerlichen Kleinfamilie mit vollerwerbstätigem männlichen Haushaltsvorstand einerseits und Vollzeit-Hausfrau und Mutter andererseits beruhte, stand der Begriff "Suburbia" in der geschlechterbezogenen Stadtforschung lange für den patriarchal geprägten Raum schlechthin.[6]

Die strukturelle Nichtbeachtung von Reproduktions- und damit "Frauenarbeit" zeigte sich auch in der Größe, Gestaltung und im Zuschnitt der Wohnungen selbst. Insbesondere die normierten Grundrisse des Großsiedlungsbaus zeichneten sich durch die hierarchische Aufgliederung der überdies sehr engen Räume für eine standardisierte Vater-, Mutter- und Zwei-Kinder-Familie aus. Im Zuge der Rationalisierung der Hausarbeit wurde der einzige "Frauenraum", die Küche, vom zentralen Ort der Wohnung, der "Wohnküche", auf einen minimal ausgestatteten, meist schlecht besonnten Arbeitsraum reduziert. In diesem konnte sich außer der arbeitenden Person niemand anderes mehr aufhalten. So wurde Hausarbeit auch innerhalb der Wohnungen mehr und mehr isoliert und unsichtbar gemacht. In Bezug auf das Wohn- und Quartiersumfeld der monofunktionalen Siedlungen wurden vor allem schlechte öffentliche Personennahverkehrsanbindungen, fehlende Einrichtungen zur Deckung des täglichen und speziellen Bedarfs (zum Beispiel Kinder- und Frauenärzte) sowie die mangelnde Ausstattung mit Kultur- und Freizeiteinrichtungen, Sport- und Spielstätten beanstandet.[7]

Architekturen als Medien sozialer (Geschlechter-)Beziehungen

Forschungsergebnisse haben vielfach belegt, dass die wohnungs- und städtebaulichen Strukturen der fordistischen Epoche maßgeblich zur Erschwerung und Einengung des Alltagslebens von Frauen und zur Befestigung geschlechtsspezifischer Rollenzuweisungen beitrugen und so zum "Emanzipationshindernis" wurden.[8] Normierter, standardisierter Wohnungsbau und funktionale Zonierung bewirkten demnach weit mehr als physische Distanzierung. Sie entfernten die Frauen real und symbolisch von und aus der Stadt und der Öffentlichkeit, beschnitten ihre Wahl- und Handlungsmöglichkeiten und damit auch die Chancen der Veränderung ihres gesellschaftlichen Status.[9]

Architektur erweist sich damit als wichtige "Konstruktionsmacht von Lebenswelten",[10] hier der spezifischen Lebenswelten von Frauen. Wenn Architekturen zugleich ein "Mittel (sind), den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft ihren Ort und ihre Stellung im Gemeinwesen zuzuweisen",[11] so hat die fordistische Wohnarchitektur und -struktur deutlich artikuliert, dass der Platz von Frauen materiell und symbolisch am Rande der Gesellschaft zu finden ist. Eigenheim-Suburbanisierung und sozialer Wohnungsbau drücken diese soziale und räumliche Marginalisierung aus und intensivieren sie noch. Insofern Wohnstrukturen also eine große Rolle bei der Symbolisierung, Aufrechterhaltung und Verstärkung von Geschlechterbeziehungen spielen, sind sie besonders geeignet, die "gesellschaftsprägende Kraft von Architekturen" zu verdeutlichen.[12] In den Gender Studies wurde damit schon früh erkannt, dass und in welchem Maße die Bedeutung von Architekturen über das "Anzeigen" und "Abbilden" gesellschaftlicher Strukturen hinausgeht.

Charakteristika des feministischen Architekturverständnisses

Wie diese Ausführungen zeigen, zeichnet sich die feministische Sichtweise auf die gebaute Umwelt durch einen weiten Architekturbegriff aus, der die Gesamtheit der baulichen Bestände vom einzelnen Gebäude bis zum architektonischen Ensemble und ausdrücklich auch die städtebaulichen Kontexte einbezieht.[13] Dabei wird der ganze Prozess des Planens und Gestaltens in den Blick genommen: die Entstehung, Herstellung, Aneignung und Nutzung ebenso wie die Rezeption von Bauwerken. In die Analyse des Bauens gehen damit auch soziale (Macht-)Beziehungen wie Entscheidungs- und Beteiligungsstrukturen und die (unterschiedliche) Stellung von Architekt(inn)en im Produktionsprozess ein.

Ein anderes wesentliches Kennzeichen der Gender-Perspektive auf Architekturen ist der starke Alltagsbezug. Dieser drückt sich in zweifacher Hinsicht aus: Zum einen ist für den gendersensiblen Blick gerade "das alltägliche Bauen" respektive die "Alltagsarchitektur der Gesellschaft" besonders aussagekräftig für das Verständnis der gesellschaftlichen Verhältnisse und Entwicklungen. Hierin unterscheidet sich die feministische Sicht auf Architekturen fundamental von einer Architekturtheorie oder -soziologie, welche die Strukturen und den Wandel der Gesellschaft vor allem an "starchitecture", also an spektakulären, repräsentativen oder avantgardistischen Bauwerken ablesen will. Wenngleich Vertreterinnen und Vertreter der Gender Studies die gesellschaftsdiagnostische Bedeutung solcher Architekturen keinesfalls in Abrede stellen und selbst gewinnbringend für geschlechterkritische Analysen nutzen, so unterstreichen sie in ihren Arbeiten doch die in den meisten Architekturbetrachtungen stets vernachlässigte große Wirkmächtigkeit der Alltagsarchitekturen für die alltägliche Lebensgestaltung sowie deren Eigenschaft als Medien der alltäglichen materiellen und symbolischen Produktion und Reproduktion (hierarchischer) sozialer Beziehungen.

Zum anderen ist, damit eng zusammenhängend, der Lebensalltag derjenigen, für die (nicht) geplant wird, ein wichtiger Maßstab der Betrachtung. In Bezug auf die Deutung und Bewertung architektonischer Produkte zeichnet sich das feministische Architekturverständnis durch den hohen Stellenwert aus, der nicht nur der formal-ästhetischen, auf die Symbolik von Bauwerken fokussierenden, sondern auch der sozialen, nutzungs- und gebrauchswertorientierten Dimension beigemessen wird.[14]

Von Frauen zu Gender: Entwicklungen im Feld der Geschlechterforschung

In der ersten Phase der feministischen Stadt- und Architekturkritik, die nicht zufällig in der Ära der höchsten Verfestigung des traditionellen Geschlechterrollenmodells einsetzte, konzentrierten sich Analyse und Kritik auf die sträfliche Vernachlässigung der Anforderungen, die sich aus der alltäglichen Verrichtung von Haus- und Reproduktionsarbeit ergaben, und auf das Ziel von deren gesellschaftlicher wie planerisch-gestalterischer Aufwertung und Anerkennung. Diese historisch bedingte Fixierung auf den Lebensalltag von Hausfrauen und Müttern ist längst überwunden. Mit der zunehmenden Differenzierung von Arbeits- und Lebenswelten trat die polarisierende Sichtweise auf Männer- und Frauenwelten in den Hintergrund zugunsten einer differenzierten Betrachtung unterschiedlichster Alltagsmuster und Lebenszusammenhänge.[15] Immer deutlicher wurde, dass "Frauen" und "Männer" sich nicht als "homogene Blöcke" gegenüber stehen, sondern in sich stark differenzierte, hierarchisch gegliederte soziale Gruppen darstellen, die vielfältige und komplexe, häufig auch widersprüchliche und konfliktreiche (Geschlechter-)Beziehungen unterhalten.

Die Gender Studies sind heute ein multiparadigmatisches Feld, zu dem Frauen-, Männer- und Geschlechter- sowie "Queer"-Forscherinnen und -Forscher aus dem ganzen Spektrum der Wissenschaften beitragen. Geschlecht wird dabei nicht (mehr) vor allem als ein Merkmal von Personen aufgefasst, sondern als ein zentrales Organisations- und Strukturprinzip der Gesellschaft. Neben die Analyse der Wirkungen von "Geschlecht" als einem wesentlichen (mit anderen Strukturkategorien zusammen wirkenden) Faktor der ungleichen Positionierung im sozialen Raum sind vor allem Fragen nach den basalen Prozessen der kulturellen und sozialen Herstellung von "Geschlecht", das heißt nach den "Modi und Medien" der Geschlechterkonstruktionen sowie nach den Möglichkeiten von deren Subversion getreten.[16] Die Auseinandersetzung mit der "Architektur der Gesellschaft" spielt somit weiterhin eine wichtige Rolle.

Im Fokus: Gentrifizierung

Viele der Entwicklungen und Ausdifferenzierungen im Feld der Gendertheorie lassen sich an den geschlechterbezogenen Forschungen zu Stadt, Raum und Architektur nachvollziehen.[17] Auch hier hat sich der Schwerpunkt verlagert: von einer frauenzentrierten Perspektive auf die gebaute Umwelt hin zur Betrachtung der Rolle und Bedeutung von "Geschlecht" als gesellschaftlichem Ordnungsprinzip für die baulich-räumliche Gestaltung der Umwelt. Deutlich ist zugleich auch, welch starke Prägung die Geschlechterbeziehungen ihrerseits durch die baulich-räumlichen Strukturen der Gesellschaft erfahren.

Aus der Vielfalt der Themen möchte ich, um beim Beispiel der Wohnstrukturen zu bleiben, die geschlechterbezogenen Analysen von Gentrifizierungsprozessen herausgreifen.[18] Als Gentrifizierung wird die bauliche und gestalterische Aufwertung vor allem innenstadtnaher Wohngebiete (meist Altbauviertel) bezeichnet, die mit einer Verdrängung der ansässigen Wohnbevölkerung einhergeht. Studien belegen, dass jüngere, hoch qualifizierte und gut verdienende Frauen und Homosexuelle als Nachfragerinnen und Nachfrager auf den innerstädtischen Wohnungsmärkten überproportional aktiv sind. Sie leben vielfach mit einem/einer ebenfalls erwerbstätigen Partner/in in kinderlosen Haushalten zusammen. Aufgrund der Tatsache, dass in heterosexuellen gentrifier-Haushalten weit seltener die typischen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungen praktiziert werden als etwa in eher traditionell orientierten suburbanen Haushalten, wurde die Gentrifizierung auch als sozialräumlicher Ausdruck einer allmählichen Aufweichung überkommener Geschlechterrollen interpretiert.[19] Aber auch in diesem Zusammenhang konnte gezeigt werden: Gentrifizierung ist nicht allein Resultat dieser Entwicklungen, sondern ebenso auch ein Ort, der neue Geschlechterrollen und neue Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit (mit)produziert: "The issue is whether gentrification is a process through which changes in gender identities are constructed and expressed."[20]

Ähnlich wird die "gay gentrification" als Resultat urbaner Emanzipationsbestrebungen gedeutet. Sie gilt als gezielte und bewusste Antwort einkommensstarker, überwiegend weißer Mittelklassemänner auf die Erfahrungen von alltäglicher Marginalisierung, sexueller Unterdrückung und aggressiver Homophobie: "Gentrification was just one of the ways in which gay identity was consolidated, gay space was asserted and sexuality could be performed out of the closet' without fear of opposition."[21] Davon ausgehend, dass mit dem Geschlechterverhältnis auch die Heteronormativität in die physische und soziale Organisation von Räumen und Gebäuden eingeschrieben ist,[22] feiert Aaron Betsky die befreiende Wirkung solcher "queer spaces": "Gay men and women are in the forefront of architectural innovation, reclaiming abandoned neighborhoods, redefining urban spaces, and creating liberating interiors out of hostile environments."[23]

Anders als dieser letzte Abschnitt es nahelegen mag, wird dabei die Kehrseite dieser Entwicklungen von der kritischen Genderforschung keineswegs übersehen: dass nämlich die Schaffung nicht-traditioneller, tendenziell emanzipatorischer Räume für die privilegierten Gewinnerinnen und Gewinner des gesellschaftlichen Strukturwandels mit der Verdrängung einkommensschwacher Schichten aus ihren angestammten Wohngebieten einhergeht. Insofern belegen gerade die Untersuchungen von Gentrifizierungsprozessen die unlösbare Verbindung von "Geschlecht" und "Sexualität" mit anderen Strukturkategorien wie "Ethnie" oder "Klasse/Schicht".

Schlussfolgerungen

Die zuletzt zitierten Studien können exemplarisch für eine allgemeine Veränderung der Blickrichtung in der Analyse des Verhältnisses von Gender und Architekturen stehen: Thematisiert wird nicht mehr vor allem die Behinderung und Benachteiligung marginalisierter Gruppen durch baulich-räumliche Strukturen, sondern die aktive planerische Herstellung, Aneignung und Umgestaltung/Umdeutung von Gebäuden, Räumen und Orten in oftmals widerständigen und konfliktreichen sozialen Prozessen.[24]

Auch in neueren Forschungen werden die Wechselwirkungen betont, die zwischen Architekturen, sozialen Strukturen und Prozessen bestehen. Architekturen bringen hierarchisch (nach Geschlecht, Klasse, Ethnie, Alter etc.) differenzierte soziale Beziehungen nicht nur zum Ausdruck, sie bringen sie selbst mit hervor und sind wichtige Faktoren ihrer Reproduktion. Aus Genderperspektive bedeutet dies: Geschlechterbilder, Annahmen über das Wesen der Geschlechter und die diesen entsprechenden Rollen gehen in die Gestaltung der gebauten Umwelt ein; sie werden buchstäblich versteinert oder betoniert. Solchermaßen materialisiert, machen sie sich wiederum als Voraussetzungen geltend, unter denen Geschlechterbeziehungen ausgehandelt werden.[25] In Abgrenzung zu einem sozialräumlichen Determinismus, der in früheren architektursoziologischen wie feministischen Arbeiten des Öfteren anzutreffen war, ist in den vergangenen Jahren aber auch deutlich herausgearbeitet worden: Architekturen und städtebauliche Strukturen beeinflussen und prägen, ermöglichen oder erschweren soziales Handeln (von Männern und Frauen) ebenso wie soziale (Geschlechter-)Beziehungen, aber sie determinieren weder das eine noch die anderen.
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Fußnoten

1.
Vgl. hierzu vor allem Heike Delitz/Joachim Fischer (Hrsg.), Die Architektur der Gesellschaft. Theorien für die Architektursoziologie, Bielefeld 2009 (i.E.); in einem Beitrag zu diesem Band erläutere ich die hier formulierten Gedanken ausführlich.
2.
Hans P. Thurn, Architektursoziologie. Zur Situation einer interdisziplinären Forschungsrichtung in der BRD, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (1972) 2, S. 301 - 341, hier: S. 321.
3.
Norbert Elias, Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie, Frankfurt/M. 1969, S. 68ff.; s. a. Herbert Schubert, Empirische Architektursoziologie, in: Die Alte Stadt, 32 (2005) 1, S. 1 - 27.
4.
Ruth Becker, Raum: Feministische Kritik an Stadt und Raum, in: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden 2004, S. 652 - 664, hier: S. 654.
5.
Schon diese Bestimmung der zu trennenden städtischen Funktionen, insbesondere die Trennung von Wohnen und Arbeiten, beruhte auf einem Androzentrismus, denn sie unterstellte: wer wohnt, arbeitet nicht. Diese Nichtanerkennung von Reproduktionsarbeit als Arbeit liegt auch der berüchtigten Bezeichnung randstädtischer Großsiedlungen als "Schlafstädte" zugrunde.
6.
Zur geschlechterbezogenen Diskussion um Suburbia siehe ausführlich: Susanne Frank, Stadtplanung im Geschlechterkampf, Opladen 2003.
7.
Vgl. Kerstin Dörhöfer/Jenny Naumann, Zur Lage der Frauen in städtischen Wohngebieten, in: Marielouise Janssen-Jurreit (Hrsg.), Frauenprogramm - gegen Diskriminierung, Reinbek bei Hamburg 1979; Ursula Paravicini, habitat au féminin, Lausanne 1990.
8.
Myra Warhaftig, Emanzipationshindernis Wohnung: die Behinderung der Emanzipation der Frau durch die Wohnung und die Möglichkeit zur Überwindung, Köln 1985.
9.
Vgl. Daphne Spain, Gendered Spaces. Chapel Hill 1992, S. XI; Renate Borst, Die zweite Hälfte der Stadt. Suburbanisierung, Gentrifizierung und frauenspezifische Lebenswelten, in: dies. u.a. (Hrsg.), Das neue Gesicht der Städte. Theoretische Ansätze und empirische Befunde aus der internationalen Debatte, Basel 1990, S. 237.
10.
Heike Delitz, Die Architektur der Gesellschaft. Architektur und Architekturtheorie im Blick der Soziologie, in: Wolkenkuckucksheim. Internationale Zeitschrift für Theorie und Wissenschaft der Architektur, 10 (2006) 1, siehe http://www.cloud-cuck oo.net/ (8.4.2009). Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Text von H. Delitz in diesem Heft.
11.
H. Schubert (Anm. 3), S. 2.
12.
H. Delitz (Anm. 10).
13.
Vgl. Barbara Zibell, From interspace? Architektur und Gender Studies. Neue Perspektiven auf eine alte Disziplin, in: Wolkenkuckucksheim. Internationale Zeitschrift für Theorie und Wissenschaft der Architektur, 10 (2006) 1. S. 6f.; Kerstin Dörhöfer, "Die Frau an ihren Herd, zu ihren Kindern"? Formen und Folgen der Wohnarchitektur im 20. Jahrhundert, in: Ministerium für Generationen Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Demografischer Wandel. Die Stadt, die Frauen und die Zukunft, Düsseldorf 2006, S. 367.
14.
Vgl. Kerstin Dörhöfer/Ulla Terlinden, Verortungen. Geschlechterverhältnisse und Raumstrukturen, Basel u.a. 1998, S. 10.
15.
Vgl. B. Zibell (Anm. 13), S. 3.
16.
Vgl. Angelika Wetterer, Konstruktion von Geschlecht. Reproduktionsweisen der Zweigeschlechtlichkeit, in: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden 2004, S. 122 - 131, hier: S. 125.
17.
Die heutige Themen- und Perspektivenvielfalt lässt sich auch an Readern und Sammelbänden zum Thema Architektur und Gender ablesen. Vgl. z.B. Jane Rendell et al. (Hrsg.), Gender Space Architecture. An interdisciplinary introduction, London 2000; Dörte Kuhlmann/Kari Jormakka (Hrsg.), Building Gender. Architektur und Geschlecht, Wien 2002.
18.
Vgl. Liz Bondi, Gender Divisions and Gentrification: a Critique, in: Transactions of the Institute of British Geographers N.S. 16, 1991, S. 190 - 198; Monika Alisch, Frauen und Gentrification: der Einfluß von Frauen auf die Konkurrenz um den innerstädtischen Wohnraum, Wiesbaden 1993.
19.
Vgl. Ann R. Markusen, City Spatial Structure, Women's Household Work and National Urban Policy, in: Women and the American City, Special Issue of Signs, 5 (1980) 3, S. 23 - 44, hier: S. 35; zur Kritik s. M. Alisch (Anm. 18), S. 116f.
20.
Liz Bondi (Anm. 18), S. 121.
21.
Tom Slater, What is gentrification?, in: ders., Gentrification Web, siehe: http://members.lycos.co.uk/gentrifi cation/ (8.4.2009); s.a. Larry Knopp, Sexuality and urban space: a framework for analysis, in: David Bell/Gill Valentine (Hrsg.) Mapping Desire. Geographies of Sexualities, London et al. 1995, S. 149 - 161, hier: S. 152 sowie die Pionierarbeit zur "gay gentrification": Manuel Castells, Cultural identity, sexual liberation and urban structure: the gay community in San Francisco, in: ders., The City and the Grassroots: A Cross-Cultural Theory of Urban Social Movements, London 1983, S. 138 - 170; zu "lesbian gentrifiers" s. Tamar Rothenberg, And she told two friends: lesbians creating urban social space, in: David Bell/Gill Valentine, Mapping Desire. Geographies of Sexualities, London et al. 1995, S. 165 - 181.
22.
Hierzu siehe z.B. D. Bell/G. Valentine (Anm. 21); Michael Frisch, Planning as a Heterosexist Project, in: Journal of Planning Education and Research 2002, 21, S. 254 - 266.
23.
Aaron Betsky, Queer Space. Architecture and Same-Sex Desire, New York 1997, Klappentext.
24.
Vgl. R. Becker (Anm. 4), S. 659.
25.
Vgl. hierzu ausführlich: S. Frank (Anm. 6).