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5.6.2009 | Von:
Markus Schroer

Grenzen - ihre Bedeutung für Stadt und Architektur

Die Stadt und ihre Grenzen

Der städtische Raum ist - wie jeder Raum - das Ergebnis einer Grenzziehung.[1] Jede Stadt grenzt sich von einer sie umgebenden Umwelt ab. Von der Antike bis in die Neuzeit fungieren Mauer, Wall und Graben als Grenzen der befestigten Städte. Durch diese Abschließungsarchitektur erreichen sie einen Grad an Sicherheit, den es in Dörfern nicht geben konnte.[2] Die Abschirmung nach Außen darf man sich jedoch nicht als einen einseitigen Rückzug ins Geschlossene vorstellen. Mit Hilfe der Grenze wird vielmehr ein Eigen- von einem Fremdraum unterschieden.[3] An den in Mauern eingelassenen Toren wird über Einlass oder Nicht-Einlass zu diesem Eigenraum entschieden. Das ist die elementare Funktion jeder Grenze, die generell nicht für totale Abschottung steht, sondern für die Organisation von Inklusion und Exklusion, Einschluss und Ausschluss zuständig ist. Eine unüberwindbare Grenze ist ein Widerspruch in sich. Die Überschreitung ist der Grenze gewissermaßen eingeschrieben. Insofern ist jede Grenzüberschreitung keine Zweckentfremdung der Funktion der Grenze, sondern eine Erfüllung ihres ureigensten Programms. Erst in der Möglichkeit ihrer Überwindung bestätigt sich die Existenz der Grenze. An der historischen Entwicklung der Städte lässt sich ablesen, dass ein reger Grenzverkehr zwischen Innen und Außen nicht zum Verschwinden, sondern zum ständigen Hinausschieben, also zur Neuerrichtung von Grenzen geführt hat. Immer neue, sich jenseits der Mauern befindliche Areale, wurden nach und nach ins Innere verlegt und integriert.[4]

Die Errichtung einer Stadt geht mit der Ziehung einer Grenzlinie einher, die jedoch nicht nur einen Stadtraum schafft, der sich aus seiner Umwelt herauslöst und von dieser unterscheidet, sondern auch einen ländlichen Raum hervorbringt, der nicht mehr derselbe ist wie zuvor. Erst die Entstehung der befestigten Städte als Sicherheitsbollwerke lässt die Dörfer als unsichere Siedlungsstruktur erscheinen; erst die städtische Lebensweise bringt einen ländlichen Lebensstil hervor und erst das rasante Tempo in der Stadt lässt das Treiben im Dorf langsam erscheinen. Das Ziehen einer Grenze sorgt stets auf beiden der durch sie getrennten Seiten für eine Veränderung. Die Errichtung eines Innen hat somit nicht nur Auswirkungen auf ein Außen, sie schafft überhaupt erst dieses Außen, auf das es stets bezogen bleibt. Die Grenze markiert den Unterschied zwischen Innen- und Außenraum.

Die Grenze gegenüber dem ländlichen Raum bleibt indes nicht die einzige Grenze, welche die Stadt ausmacht. Vielmehr kommt es auch innerhalb des Stadtraums zur Ziehung von Grenzen, die einzelne Quartiere voneinander unterscheiden. Diese Segregation[5] lässt sich über die gesamte Geschichte der Stadt hinweg beobachten und kann die verschiedensten Formen annehmen. In der mittelalterlichen Stadt konzentrieren sich verschiedene Handwerke in verschiedenen Quartieren. Asiatische Städte weisen eine Segregation nach Religionszugehörigkeit auf. In amerikanischen Städten bilden sich Quartiere entlang der ethnischen Zugehörigkeit. Darüber hinaus gliedern sich Städte in verschiedene Viertel, die von sich sozial nah stehenden Bevölkerungsgruppen gebildet werden. So gibt es in jeder Stadt Arbeiterviertel und Villenviertel, bevorzugte Wohngebiete und Problembezirke. Für die Erkennbarkeit dieser verschiedenen Areale spielt die Architektur eine bedeutende Rolle, weil sie die sozialen Unterschiede erst sichtbar werden lässt, die zwischen den einzelnen Vierteln und ihren Bewohnern bestehen. Mit Hilfe der Architektur vermag selbst der Besucher einer Stadt zu erkennen, wo er sich gerade aufhält. Akzeptable, begehrte oder zu vermeidende Wohnviertel sind mit dem bloßen Auge auszumachen. Doch man täusche sich nicht: Sie sind dies nur deshalb, weil wir gelernt haben, bestimmte räumliche Arrangements mit bestimmten sozialen Kategorien zu verbinden. Wir wissen, dass prunkvolle Villen mit großem Grundstück reiche Bevölkerungsgruppen beherbergen, dass ein freistehender Bungalow oder eine Doppelhaushälfte auf die Mittelklasse verweisen und dass ein Wohnsilo in städtischer Randlage als typische Unterkunft der Unterschicht angesehen werden kann. Es ist dieses Wissen, das die Lesbarkeit der Stadt letztlich erst ermöglicht. Da die Grenzen jedoch niemals ein für allemal festgelegt sind, bleibt die zentrale Frage stets, wo, wie und von wem welche Grenzen gezogen werden. Die Art und Weise der Grenzziehungen und ihre Benennungen sagen viel über die jeweilige Gesellschaft, die Gruppe, das Milieu oder Szene aus, die sie zieht. Sie können zwischen dem Eigenen und dem Fremden, den Reichen und den Armen, den Inländern und den Ausländern gezogen werden. Dabei müssen sie sich nicht in jedem Fall räumlich manifestieren, wodurch sie jedoch - wie wir seit Georg Simmel wissen - eine ungleich höhere "Festigkeit und Anschaulichkeit"[6] erfahren. Kommt es zu keiner räumlichen Materialisierung der Grenzen, so haben wir es demnach mit fragilen und unsichtbaren Verhältnissen zu tun. Welchen Beitrag leistet die Architektur für die Stabilität und Sichtbarkeit sozialer Verhältnisse? Welche Grenzen zieht sie?

Fußnoten

1.
Bernhard Schäfers zum 70. Geburtstag. Vgl. Martin Heidegger, Bauen, Wohnen, Denken, in: Ders., Vorträge und Aufsätze, Stuttgart 200410, S. 139 - 156.
2.
Vgl. Martin Dinges/Fritz Sack (Hrsg.), Unsichere Großstädte? Vom Mittelalter bis zur Postmoderne, Konstanz 2000.
3.
Vgl. Bernhard Waldenfels, Sinnesschwellen. Studien zur Phänomenologie des Fremden 3, Frankfurt/M., 1999, S. 204.
4.
Vgl. am Beispiel von Paris Eric Hazan, Die Erfindung von Paris. Kein Schritt ist vergebens, Zürich 2006.
5.
Vgl. Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Stadtsoziologie. Eine Einführung, Frankfurt/M.-New York 2004, S. 139ff.
6.
Vgl. Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Gesamtausgabe Bd. 11, Hrsg. von Otthein Rammstedt, Frankfurt/M. 1992, S. 699.