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5.6.2009 | Von:
Markus Schroer

Grenzen - ihre Bedeutung für Stadt und Architektur

Die Architektur und ihre Grenzen

Die Geschichte der Architektur[7] beginnt lange vor der Entstehung von Städten. Wann immer eine Grenze zwischen Innen und Außen gezogen wird, können wir von Architektur sprechen. Insofern handelt es sich schon bei der vom Menschen gebaute Hütte, in der er Schutz vor Regen, Kälte und wilden Tieren sucht, um Architektur. Ihr Aufkommen ist zugleich auch die Geburtsstunde des Wohnens: "Das Wohnen beginnt, sobald der Mensch der Höhle des Mutterleibs entweicht und einen Unterschlupf sucht."[8] Wenn man sich die zentralen Elemente der Architektur vor Augen führt - Böden, Decken, Wände, Dächer - wird deutlich, dass sich Architektur generell als Antwort auf ein tief verwurzeltes Schutzbedürfnis des Menschen verstehen lässt. Von der primitiven Hütte bis zur mondänen Villa besteht der gemeinsame Nenner der Architektur in der Schutz bietenden Abschirmung[9] nach Außen: "Auch beim Menschen beruht das moralische und physische Wohlbefinden letztlich auf der gänzlich tierischen Wahrnehmung des Sicherheitsbereichs, des Zufluchtsortes."[10] Ebenso wie im oben beschriebenen Fall der Stadt erfolgt die durch den Bau eines Gebäudes vollzogene Abschließung jedoch nicht so radikal, dass von einem vollkommenen Ausschluss des Außen gesprochen werden kann. Zentrale Elemente der Architektur wie Fenster und Türen sorgen vielmehr für den Austausch zwischen Innen und Außen. Neben dem Streben nach Sicherheit geht es also immer auch um die Suche nach Kontakt und Verbindung: "Dadurch, daß die Tür gleichsam ein Gelenk zwischen dem Raum des Menschen und allem, was außerhalb dessen ist, setzt, hebt sie die Trennung zwischen dem Innen und dem Außen auf. Gerade weil sie auch geöffnet werden kann, gibt ihre Geschlossenheit das Gefühl eines stärkeren Angeschlossenseins gegen alles jenseits dieses Raumes, als die bloße, ungegliederte Wand. Diese ist stumm, aber die Tür spricht".[11] Die Grenze ist insofern ein höchst ambivalentes Gebilde. Sie befriedigt sowohl das Bedürfnis des Menschen nach Abschluss vom Anderen als auch das nach der Hinwendung zu ihm. Die Aufgabe der Architektur besteht nicht zuletzt darin, die Balance zwischen einer Schutz suchenden Orientierung nach Innen und der schutzlosen Öffnung nach Außen herzustellen. Dabei gilt grundsätzlich, dass das, was trennt, auch verbindet und umgekehrt. Grenzen lassen sich insofern nicht in offene und geschlossene Grenzen unterteilen, da damit allenfalls vorübergehende Zustände der Grenze bezeichnet sind. Grenzen unterscheiden sich vielmehr nach dem jeweiligen Grad ihrer Durchlässigkeit.[12] Entscheidend dabei ist, dass der Charakter der Grenze nicht ein für allemal festgelegt ist und für jedermann gilt, sondern als sehr verschieden erlebt werden kann. Für Alte und Kinder, Arme und Reiche, Frauen und Männer können sich etwa beim Durchschreiten der Stadt völlig verschiedene Grenzen auftun: Grenzen, hinter denen sich für die einzelnen Bevölkerungsgruppen regelrechte no-go-areas befinden. Alte Menschen vermeiden steile Treppen, Kinder stark befahrene Straßen, Arme die von Sicherheitsdiensten geschützten Geschäfte in den Nobelpassagen der Innenstädte, Reiche die Randbezirke, Frauen Parkhäuser und Unterführungen, Männer Frauenparkplätze und Frauenbuchläden, Einheimische Treffpunkte der "Fremden", "Fremde" Szenetreffs der Deutschnationalen. Die Stadt ist durch eine Fülle von Grenzen gekennzeichnet, die nicht immer unmittelbar sichtbar und für jeden erkennbar sein müssen, um die Nutzungsprofile der Bewohner dennoch zu prägen. Jeder setzt andere, seiner Position und seinem Status gemäße Prioritäten und bahnt sich entsprechend verschiedene Wege durch die Stadt. Das Image der Städte hängt zu einem erheblichen Ausmaß davon ab, wie sie - jenseits des Images, das ihr die Stadtväter und deren Werbeabteilung zu verleihen suchen - von den einzelnen Bevölkerungsgruppen gesehen werden. In unzähligen Alltagsgesprächen werden Städte als hart, unzugänglich und öde oder als sozial, offen und lebendig eingestuft. Wenn Stadtväter versuchen, Unternehmen in ihre Stadt zu locken oder Unternehmen Mitarbeiter anwerben, spielen solche Standorteinschätzungen eine kaum zu unterschätzende Rolle für die Entscheidung der jeweils Betroffenen.

Aber nicht nur die Stadt und ihre Quartiere, auch die einzelnen Gebäude lassen sich in einem erheblichen Ausmaß danach unterscheiden, welchen Grad an Durchlässigkeit sie erlauben bzw. anstreben. Schon die Anzahl von Türen und Fenstern, deren Größe und Anordnung, vermag etwas über das Ausmaß der gesuchten Schließung oder Öffnung nach Außen auszusagen. Erst recht sind unterschiedliche Materialien dazu in der Lage, Zugänglichkeit oder Zurückweisung zu symbolisieren. Glas signalisiert Offenheit und wirkt einladend. Man macht sich freiwillig beobachtbar, will zeigen, dass es nichts zu verbergen gibt. Beton dagegen erscheint unzugänglich und abweisend, wirkt wie ein Bollwerk gegen feindliche Einflüsse von Außen. Der äußere Eindruck kann allerdings täuschen: "Das Glas bietet zwar Möglichkeiten der rascheren Kommunikation zwischen Innen und Außen, aber zugleich zieht es eine unsichtbare Wand, die verhindert, daß diese Verbindung eine wirkliche Öffnung zur Welt wird."[13] Die Baumaterialien allein sind sicher kein verlässlicher Indikator, um eindeutig zu bestimmen, ob wir es mit offenen oder geschlossenen Formen zu tun haben. Dass Glas nicht per se für leichte und damit erwünschte Zugänglichkeit steht, hat niemand eindrücklicher gezeigt als Jacques Tati in seinem Film "Playtime". Die moderne Großstadt präsentiert sich hier als ein geradezu aseptisches Labyrinth aus Glas, Stahl und Beton, in der sich kaum mehr jemand zurecht findet, obwohl - oder gerade weil - scheinbar alles offen ausgestellt und dargeboten wird. Richard Sennetts Kritik an der modernen Glasarchitektur weist in eine ähnliche Richtung: "Sehen zu können, was man nicht hören, berühren, spüren kann, verstärkt das Gefühl, das, was sich im Inneren befindet, sei unzugänglich."[14] Sennett zufolge führt Glasarchitektur gerade nicht zu Offenheit und Transparenz, sondern zu Einsamkeit und Isolation. Ganz unabhängig aber von den tatsächlichen Zugangsbedingungen sind die kollektiven Assoziationen und Konnotationen, die beim Anblick von Glas oder Beton hervorgerufen werden, in der Lage, einem Gebäude ein Image zu verleihen, das es nur schwer wieder los wird.

Abgesehen vom Material und den entsprechenden Zuschreibungen gibt es allerdings auch eindeutigere, weniger widersprüchliche Möglichkeiten, mit Hilfe architektonischer Maßnahmen Ausschluss und Ausgrenzung zu ermöglichen. Metallspitzen auf Mauervorsprüngen, die das Anlehnen oder Sitzen verhindern, Rasensprenger in Parks, die das dortige Übernachten unmöglich machen und öffentliche Toiletten, die immer geschlossen sind, lassen nur wenig Interpretationsspielraum.[15] Insofern kann Architektur zweifellos dazu beitragen, bestimmten Bevölkerungsgruppen den Zugang zu bestimmten Orten zu verweigern. Dabei muss es sich gar nicht immer um eindeutige Abwehrarchitekturen wie Zäune, Mauern oder ähnliches handeln. Auch auf sehr viel subtilere Art und Weise kann Architektur Eintrittsverbote aussprechen, die oft nur als Empfehlungen daher kommen, sich diesen Räumen nicht zu nähern und jene besser erst gar nicht zu betreten. Die soziale Welt, die eine Welt voller mal gepflegter, mal verleugneter Unterschiede ist, bedient sich der Architektur, der Gestaltung von Räumen und der Ausgestaltung des Interieurs, um auf Unterschiede aufmerksam zu machen und zu signalisieren, welches Klientel willkommen ist und welches nicht. So ist zum Beispiel längst bevor man einen Blick auf die Speisekarte und die Preise eines Restaurants werfen kann, in aller Regel klar, ob das Restaurant zu einem passt oder nicht. Insgesamt gesehen dürfte es eher selten vorkommen, dass sich Passanten in das falsche Lokal verirren. Das gesamte Arrangement, von der Gestaltung des Eingangsbereichs über das Auftreten und die Blicke der Kellner bis hin zum Mobiliar, trägt dazu bei, die gewünschte Kundschaft anzulocken und die unerwünschte von einem Besuch abzuschrecken. So bleibt die vertraute Ordnung gewahrt: Der Habitus der Akteure wählt sich das zu ihm passende Habitat aus.[16] Ohne dass der Einlass direkt untersagt werden muss, schließt sich das Publikum im Sinne einer vorauseilenden Selbstexklusion - "Das ist nichts für uns!" - selbst aus. Erst wenn diese Art der Selbstregulierung versagen sollte, weiß der Kellner durch Blicke und Gesten zu signalisieren, dass man sich an einem Ort befindet, an dem man nicht erwünscht ist. Gewollte Regeldurchbrechung, Zuwiderhandlungen und Provokationen bleiben zwar immer möglich, sind aber eher die Ausnahme.

Halten wir fest: Städte ebenso wie Bauwerke und Gebäude sind das Produkt von Grenzziehungen, welche die Grenzziehungen in der sozialen Welt massiv unterstützen können. Was passiert, wenn diese Grenzen uneindeutig werden oder gar zu verschwinden drohen, wie in den aktuellen Debatten um die Globalisierung oft zu vernehmen ist?

Fußnoten

7.
Bernhard Schäfers, Architektursoziologie. Grundlagen - Epochen - Themen, Opladen 2003.
8.
Vgl. B. Waldenfels (Anm. 3), S. 208.
9.
Vgl. Dirk Baecker, Die Dekonstruktion der Schachtel. Innen und Außen in der Architektur, in: Niklas Luhmann u.a., Unbeobachtbare Welt. Über Kunst und Architektur, Bielefeld 1990, S.
10.
André Leroi-Gourhan, Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt/M., 1984, S. 388.
11.
Georg Simmel, Brücke und Tür. Essays des Philosophen zur Geschichte, Religion, Kunst und Gesellschaft, Hrsg. von Margarete Susman und Michael Landmann, Stuttgart 1957, S. 4.
12.
Vgl. Roland Girtler, Abenteuer Grenze. Von Schmugglern und Schmugglerinnen, Ritualen und "heiligen" Räumen, Wien-Münster 2006.
13.
Jean Baudrillard, Das System der Dinge, Frankfurt/M.-New York 1991, S. 56.
14.
Richard Sennett, Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds, Frankfurt/M., 1991, S. 147.
15.
Vgl. Jan Wehrheim, Die überwachte Stadt. Sicherheit, Segregation und Ausgrenzung, Opladen 2002, S. 95ff.
16.
Vgl. Pierre Bourdieu, Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum, in: Martin Wentz (Hrsg.), Stadt-Räume, Frankfurt/M.-New York 1991, S. 25 - 34 und Markus Schroer, Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raums, Frankfurt/M. 2006, S. 97f.