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5.6.2009 | Von:
Markus Schroer

Grenzen - ihre Bedeutung für Stadt und Architektur

Grenzziehung und Grenzüberschreitung

In den gegenwärtigen Zeitdiagnosen stößt man immer wieder auf die These, dass sich die soziale Welt zunehmend verflüssigt, womit auch die Grenzen verschwänden, die ein wichtiger Bestandteil der "festen Moderne" waren.[17] Dieser These fehlt es zunächst nicht an Plausibilität. Ein Abbau von Grenzen lässt sich auf verschiedenen Ebenen beobachten: Auf der Makroebene kommt es unzweifelhaft zu einer zunehmenden Öffnung der Grenzen zwischen Nationalstaaten. Die Mühelosigkeit, mit der vor allem Informationen staatlich gesetzte Grenzen überwinden, untergräbt zunehmend die Autorität dieser Demarkationslinien. Der Prozess der Globalisierung wird deshalb mit einem Wegfall der Grenzen geradezu gleichgesetzt.[18] Auf der Mesoebene ist unschwer zu erkennen, dass Städte nicht mehr an einer massiven Mauer deutlich erkennbar enden, sondern sich geradezu in ihren Umgebungsraum ergießen, so dass kaum mehr auszumachen ist, wo die Stadt endet und der ländliche Raum beginnt. Die Grenze zwischen Stadt und Land wird so zumindest uneindeutig. Auf der Mikroebene weichen die streng gezogenen Grenzen zwischen einem Ess-, Schlaf- und Wohnbereich in den Privatwohnungen durch das Weglassen von Wänden mehr und mehr einer offenen Raumkonzeption, in der sich die verschiedensten Tätigkeiten innerhalb eines nicht unterteilen Raums abspielen - eine Entwicklung, die sich bereits in den späten 1920er Jahren andeutete, vor allem aber in den 1980er und 1990er Jahren im großen Maßstab vorangetrieben wurde.[19] Während im Haus des Mittelalters die verschiedensten alltäglichen Tätigkeiten wie Schlafen, Kochen und Essen in einem einzigen zentralen Raum stattfanden, kommt es spätestens seit dem 19. Jahrhundert zu einer stärkeren Aufteilung der Wohnung in verschiedene Funktionsbereiche. Jeder einzelne Raum erfüllt nun einen ganz bestimmten Zweck. Gekocht wird in der Küche, geschlafen im Schlafzimmer, gespielt im Kinderzimmer. Inzwischen aber gibt es wieder den Trend zu mehr Offenheit. Damit kommt es zu einer Erweiterung des Sehraums, die eine Rücknahme seiner nach dem Mittelalter eingeführten Begrenzung[20] einschließt. Die mit der Separierung der Räume möglich gewordene Privatheit, die den Schutz vor den Blicken noch der engsten Verwandten ermöglichte, scheint durch die Öffnung der Räume gefährdet und als Zunahme von Kontrolle erlebt zu werden.[21]

Was bei der These vom Abbau der Grenzen übersehen wird, ist, dass die Grenzen nicht schon deshalb verschwinden, weil sie nicht mehr länger dort aufzufinden sind, wo man sie bisher zu Recht vermuten konnte. Grenzen wandern.[22] Sie sind nicht starr und unbeweglich. Sie ändern vielmehr ihre Form und vollziehen auf flexible Weise eine Abschirmung gegenüber dem als bedrohlich wahrgenommenen Außen.[23] So kann auf der Ebene der Nationalstaaten zwar ein Grenzabbau innerhalb Europas festgestellt werden. Gleichzeitig aber werden die Grenzziehungen nach Außen verstärkt, sodass sich vor allem für Nichteuropäer das Bild von der "Festung Europa" aufdrängt. Auf der Ebene der Städte kommt es zwar nicht zu einer Renaissance der befestigten Städte, aber die Verbreitung von gated communities zeigt einen Bedarf an der Errichtung von Sicherheitszonen inmitten einer als unsicher wahrgenommenen Metropolenwirklichkeit. Wenn die Torwächter in den heutigen Städten nicht mehr an den Toren der Stadtmauern vorzufinden sind, so heißt dies doch nicht, dass sie verschwunden wären: Sie befinden sich heute vielmehr an den Eingängen der Einkaufsläden, Casinos, Shopping Malls, Hotels, Parks, Flughäfen, Bahnhöfe, Stadien, Discotheken usw. Nicht mehr das Schloss mit mächtigem Riegel, sondern Video-Überwachung, Gegensprechanlagen, Drehkreuze, Doorman, automatischer Schließmechanismus und biometrische Kontrollverfahren regulieren und kontrollieren nunmehr die Zugänge. Es müssen nicht immer gleich Schlagbäume sein, wenn es darum geht, Grenzen zu ziehen. Wenn man - wie in Paris - die Möglichkeiten beschränkt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln von den Randbezirken in das Zentrum der Großstadt zu gelangen, dann wird auf diese Weise eine Grenze gezogen zu denen, die im öffentlichen Stadtbild nicht vorkommen sollen, um den positiven Gesamteindruck der Touristen nicht zu gefährden und der privilegierten Zentrumsbevölkerung den Kontakt mit den fremd gebliebenen Banlieubewohnern nicht zuzumuten. Eine Begegnung mit den Bewohnern der Vorstädte wird als bedrohlich wahrgenommen, die gewünschte Segregation als gescheitert angesehen. Denn angestrebt ist, dass jeder bleibt wo er ist und ,hingehört'. Diese Platzierungsmacht ist ein ebenso oft unterschätztes wie angewandtes Mittel politischer Herrschaft, zumal im Zeitalter der Globalisierung, das durch eine tiefe Unsicherheit in Fragen der Zugehörigkeit geprägt ist.

Hatte die Stadt ihre Autorität zunächst an den Nationalstaat abgegeben, der nunmehr dafür Sorge zu tragen hatte, dass keine unerwünschten Subjekte den Eigenraum betreten konnten, so erfolgt aktuell, vor dem Hintergrund eines Souveränitätsverlustes der Nationalstaaten, eine Aufrüstung im Meso- und Mikrobereich. So kann auf der Ebene des Wohnens nicht allein ein Trend zum offenen Wohnen, sondern zugleich ein Trend zur verstärkten Abschließung registriert werden.[24] Die Bürgerinnen und Bürger reagieren auf den als mangelhaft empfundenen Schutz durch den Staat, indem sie sich selbst ein eigenes Territorium sichern, auf dem sie allein über Ein- und Ausgänge wachen, Eintritte zulassen oder verweigern können - und sei der Raum auch noch so klein, auf dem das individuelle Selbstbestimmungsrecht herrscht. Ob dies das eigene Haus, die eigene Wohnung, das eigene Auto oder auch nur das eigene Zimmer ist - es geht um die Entwicklung von Räumen, die Innen so behaglich und multifunktional wie möglich ausgestattet und gegen den unerwünschten Zugriff von Außen so gut wie nur möglich geschützt sind. Als letzter dieser politisch aufgeladenen Räume, an dessen Grenzen jedes Individuum selbst streng über Ab- und Zufuhren zu wachen versucht, lässt sich der eigene Körper auffassen. Was ihn berühren, oder gar in ihn eindringen darf, wird angesichts der Warnungen vor dreckiger Luft, unreinem Wasser und verseuchter Ernährung zum Politikum.[25] Gerade dann, wenn andere Abwehrmaßnahmen versagen, wird der eigene Körper zum Schutzpanzer aufgebaut.[26]

Alles zusammengenommen zeigt, dass wir es keineswegs mit einem umfassenden Abbau von Grenzen zu tun haben. Die weit verbreitete These von einer Verflüssigung des Sozialen aufgrund des Bedeutungsverlustes von Grenzen ist einseitig, weil sie die erneuten Grenzziehungen übersieht, die gerade als Antwort auf die Grenzauflösungen erfolgen. Die Praxis der Grenzziehung lässt sich nicht einfach abstellen: "Man richtet sich nie im Überschreiten ein, man wohnt nie außerhalb. Die Übertretung setzt voraus, daß die Grenze immer wirksam sei."[27] Zu bedenken ist allerdings, dass wir es weniger mit einem zähen Beharrungsvermögen der alten Grenzen zu tun haben, als mit einer Veränderung der Grenzen selbst, die sich verlagern, ihre Form ändern, flexibler und situativer gezogen werden können.[28] Von ihrem Verschwinden kann jedenfalls keine Rede sein - dies schon deshalb nicht, weil sie konstitutiv sind für das soziale Geschehen, das aus fortwährenden Grenzziehungen, Grenzverschiebungen und Grenzüberschreitungen besteht.

Fußnoten

17.
Vgl. Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, Frankfurt/M. 2003.
18.
Zur Fragwürdigkeit dieser These vgl. M. Schroer (Anm. 15), S. 185ff.
19.
Vgl. Katharina Weresch, Wohnungsbau im Wandel der Wohnzivilisierung und Genderverhältnisse, Hamburg-München 2005, S. 252ff.
20.
Vgl. Peter Gleichmann, Die Verhäuslichung körperlicher Verrichtungen, in: Peter Gleichmann, Johan Goudsblom und Hermann Korte (Hrsg.), Materialien zu Norbert Elias' Zivilisationstheorie, Frankfurt/M., S. 254 - 278; hier S. 257.
21.
Vgl. K. Weresch (Anm. 19), S. 257f.
22.
Vgl. Mathias Bös/Kerstin Zimmer, Wenn Grenzen wandern. Zur Dynamik von Grenzverschiebungen im Osten Europas, in: Georg Vobruba/Monika Eigmüller (Hrsg.), Grenzsoziologie. Die politische Strukturierung des Raumes, Wiesbaden 2006, S. 157 - 184.
23.
Vgl. Stefan Kaufmann, Grenzregimes im Zeitalter globaler Netzwerke, in: Helmuth Berking (Hrsg.), Die Macht des Lokalen in einer Welt ohne Grenzen, Frankfurt/M.-New York, S. 32 - 65.
24.
Vgl. Ronald Hitzler, Mobilisierte Bürger. Über einige Konsequenzen der Politisierung der Gesellschaft, in: Ästhetik&Kommunikation, 23 (1994) 85/86, S. 55 - 62.
25.
Vgl. Zygmunt Bauman, Ansichten der Postmoderne, Hamburg 1995, S. 235.
26.
Vgl. M. Schroer (Anm. 16), S. 276ff.
27.
Jacques Derrida, Positionen, Graz-Wien 1986, S. 39.
28.
Vgl. Markus Schroer, Raumgrenzen in Bewegung. Zur Interpenetration realer und virtueller Räume, in: Sociologia Internationalis, (2003) 1, S. 55 - 76.