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5.6.2009 | Von:
Harald Bodenschatz

Die europäische Großstadt: Version 3.0

Großstadt Version 2.0: Radikale Modernisierung der Stadtregion

Der Erste Weltkrieg markiert eine harte Zäsur in der Entwicklung der Großstädte, die härteste der modernen Städtebaugeschichte. Die wirtschaftlichen Ressourcen Europas waren in einem schrecklichen Krieg verpulvert worden. Der private Städtebau kam zum Erliegen, und mit ihm verkümmerten seine Träger, die Terraingesellschaften. Der Bau neuer herrschaftlicher urbaner Wohnviertel wurde eingestellt. Die schon vor dem Ersten Weltkrieg um sich greifende Großstadtfeindschaft setzte sich auf breiter Front durch. In diesem Klima entstand der sozialstaatliche Städtebau, und mit ihm der soziale Massenwohnungsbau. Politisches und planerisches Ziel war die Dezentralisierung der Großstadt, das heißt die Suburbanisierung von Angestellten und Arbeitern. Die kompakte, urbane Großstadt wurde heftigst kritisiert - ganz gleich, ob es sich um Arbeiter- oder bürgerliche Viertel handelte. Die überkommene Stadt - ihr Straßensystem, ihre Silhouette und vor allem ihre Bauten - galt als nicht mehr zeitgemäß und damit als nicht erhaltenswert.

Der Kult einer radikal modernisierten Großstadt überlebte - mit Varianten - die politischen Brüche der 1930er und 1940er Jahre. Der Bau von Siedlungen am Stadtrand - der attraktiven Siedlungen der 1920er Jahre, der immer noch beliebten Siedlungen der 1930er und 1950er Jahre sowie der wenig akzeptierten Großsiedlungen der 1960er Jahre - sind Zeugnisse dieser variantenreichen Kontinuität. Die Orientierung auf die autogerechte Stadt, auf Hochhäuser, auf bauliche Solitäre, auf eine Stadt, die ihre Geschichte entsorgen will, wurde allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg in großem Umfang wirksam. Die Großstädte wuchsen und wuchsen - gefördert durch öffentliche Subventionen aller Art - in das Umland hinein. Das war eine Entwicklung, die bald als Zersiedelung wahrgenommen wurde. In den Innenstädten wurde mit gewaltigen öffentlichen Mitteln der flächendeckende Abriss von urbanen, durchmischten und kompakten Stadtvierteln aus dem späten 19. Jahrhunderts eingeleitet, der unter der Losung der Auflockerung und Entmischung der Funktionen legitimiert wurde.

Grundlage der rabiaten "Modernisierung" der Stadt war - neben der weiteren Versorgung mit billiger Energie - der schrittweise Übergang vom schienengebundenen zum automobilen Massenverkehr, in sozialer Hinsicht der Aufstieg der Angestellten, welche die Großstädte mehr und mehr sozial prägten.

Modernisierung des Zentrums: Der radikale Umbau der gerade erst geschaffenen Großstadtzentren wurde nach dem Ersten Weltkrieg mit vielen Plänen und Visionen eingeläutet, aufgrund der begrenzten Ressourcen in der Zwischenkriegszeit aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg wirksam. Das erwünschte neue Zentrum der Nachkriegszeit war auf das Automobil orientiert, durch bauliche Solitäre geprägt und zielte auf den Abbruch historischer Gebäude, auf die Auflösung des historischen Stadtgrundrisses, auf eine flächenhafte Nutzungstrennung sowie auf die Revolutionierung der traditionellen Stadtsilhouette. Überkommene Bauten und Räume wurden vernachlässigt, im Vordergrund stand der Neubau. Durch kriegsbedingte flächenhafte Zerstörungen des baulichen Bestandes insbesondere in den zentralen Stadtbereichen "begünstigt", waren West- und Ost-Berlin auf europäischer Ebene Musterbeispiele einer radikalen städtebaulichen Modernisierung. Dabei spielte die öffentliche Hand eine aktive Rolle. Das neue Zentrum war in der Regel Arbeitsort für Angestellte und Einkaufsort für ein Massenpublikum. Seine Realisierung erreichte in den 1960er Jahren den Höhepunkt.

Kampf gegen die kompakte Stadterweiterung: Die hoch verdichteten, urbanen Wohnquartiere wurden nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr weiter gebaut. In den Arbeitervierteln unterblieben nicht nur Modernisierungen, sondern auch Instandhaltungsmaßnahmen. Die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges, oft als "Chance" für einen baulichen Neubeginn betrachtet, schienen die Voraussetzungen für den Abschied von den ungeliebten kompakten Stadtquartieren des späten 19. Jahrhunderts zu bieten. Es dauerte aber noch einige Jahre, bis der Abriss auf breiter Front ins Rollen kam. Glasgow und Berlin waren Zentren umfangreicher Kahlschlagsanierungen. Das bedeutete: Aufkauf von privaten Grundstücken durch gemeinnützige Wohnungsunternehmen, Entmietung der Gebäude und Abriss, Neubau auf verändertem Stadtgrundriss mit deutlich reduzierter Wohnungszahl - alles staatlich subventioniert.

Förderung der Dezentralisierung: Unter der Losung "Licht, Luft, Sonne" wurde nach dem Ersten Weltkrieg eine verallgemeinerte Suburbanisierung des Wohnens propagiert und partiell auch praktiziert. Neue Siedlungen entstanden - nicht mehr durch das private Kapital, sondern durch gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften, die durch staatliche Subventionen unterstützt wurden. Der Baublock wurde aufgegeben, und am Ende der Entwicklung stand der Zeilenbau. Die Nutzungsmischung war gering. Wenig differenzierte Parzellen- und Baustrukturen führten zu verstärkter großräumiger sozialer Segregation. Bewohner der neuen Siedlungen der 1920er und 1930er Jahre waren vor allem Angehörige der unteren bis mittleren Mittelschicht, welche die neue Massenangestelltengesellschaft widerspiegelten. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die durchgrünten, locker durch Zeilenbauten und Punkthochhäuser zusammengesetzten Siedlungen der 1950er Jahre noch Orte des sozialen Aufstiegs, während die riesigen Großsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre schnell stigmatisiert wurden. Parallel zu den Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus kam es im westlichen Europa zur Ausbreitung - ebenfalls massiv staatlich geförderter - neuer Einfamilienhausgebiete, welche die Zersiedelung des Umlands förderten. Demgegenüber wurden in den sozialistischen Ländern kaum Einfamilienhausgebiete gebaut; die gewaltigen Satellitensiedlungen am Stadtrand galten dort - angesichts des Verfalls der Innenstädte - weiterhin als Orte des sozialen Aufstiegs.