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5.6.2009 | Von:
Harald Bodenschatz

Die europäische Großstadt: Version 3.0

Großstadt Version 3.0: Rezentralisierung der Stadtregion

Die 1970er Jahre waren eine Zeit des Übergangs - des Abschieds von der Ära der Großsiedlungen, der Kahlschlagsanierung, des rabiaten Zentrumsumbaus und des autogerechten Städtebaus. Dieser Abschied war das Ergebnis heftiger gesellschaftlicher Konflikte. Flankiert wurde der städtebauliche Paradigmenwechsel von einer Veränderung der wirtschaftlichen Verhältnisse, die sich in der "Ölkrise" und dem Beginn einer Zeit dauernder Arbeitslosigkeit manifestierten und den Abschied von der Industriegesellschaft signalisierten. Ein wichtiges Ereignis dieser Umbruchszeit war das Europäische Jahr des Denkmalschutzes 1975. Im Rahmen dieser Kampagne wurde die historische Stadt rehabilitiert - nicht nur die vorindustrielle Stadt, sondern auch die kompakten Stadterweiterungsgebiete vor dem Ersten Weltkrieg. Der Beitrag West-Berlins bestand in der Rehabilitierung der "Mietskasernenstadt".

In den 1980er Jahren zeigten sich die Folgen des Abschieds von der Industriegesellschaft immer deutlicher. In den kompakten Stadterweiterungsgebieten, aber auch in zentraler Lage und im suburbanen Raum wurden große Flächen für Industrie und Gewerbe, Militär, Bahn, Häfen und Flughäfen aufgegeben. Das eröffnete neue Chancen der Stadtentwicklung, die durch das private Kapital genutzt wurden. Insbesondere zentral gelegene Brachflächen erhielten schnell neue Funktionen, was die "Renaissance" der Innenstädte förderte. In diesen Jahren wurde der Stadtumbau in Barcelona zum viel bewunderten Vorbild in Europa. Nach der Jahrhundertwende zeichnete sich ab, dass ein weiterer Pfeiler der vergangenen Stadtentwicklung - die Verfügung über billige Energie - keine Zukunft mehr hat. Der nicht mehr zu leugnende Klimawandel verweist schließlich auf die Notwendigkeit einer umfassenden Restrukturierung der Stadtregionen.

Postindustrielle Renaissance des Zentrums: Vor noch gar nicht so langer Zeit herrschte noch die Überzeugung, in der Informationsgesellschaft hätten die Zentren der europäischen Großstädte ausgedient. Heute wissen wir, dass dies eine Fehleinschätzung war. Private Investitionen drängen in die Zentren, teure Wohnungen in attraktiver zentraler Lage sind ein Renner, die Stadtpolitik erarbeitet eine Strategie der Rezentralisierung; auch Streit um Architektur und Städtebau bündelt sich in den Zentren. In den viel diskutierten Beispielen der Renaissance der Stadt in Europa, etwa in Barcelona, Manchester, Turin, London und Berlin, zeigt sich, dass vor allem die Zentren der Stadt umgebaut werden. Stadtregionen verbildlichen sich durch ihre Zentren, und diese Bilder gehören zu den Lockmitteln des internationalen Stadttourismus und dienen als werbende Botschafter im Rahmen der Städtekonkurrenz. Jede Großstadt muss sich heute in ihrem Zentrum als Spiegel konzentrierter Geschichte und Tradition, das heißt ihrer Einzigartigkeit inszenieren, aber auch als Motor der Innovation, als Ausdruck ihrer Zukunftsfähigkeit. Die Demonstration von Tradition geht bis zur Rekonstruktion verschwundener Bauten. Das neue Zentrum muss sichtbar und genießbar gestaltet werden. Diesem Leitthema dienen die wichtigsten Themenfelder des Städtebaus: Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs und Fußgängerfreundlichkeit, Rehabilitierung von Korridorstraßen und traditionellen Platzformen, von Dichte und Funktionsmischung, Aufwertung von Wasserlagen. Medien der beschleunigten Veränderung der Großstadtzentren sind große Ereignisse wie Olympische Spiele, Weltausstellungen, Kulturhauptstadt usw.

Lob der kompakten Stadterweiterung: Die heftigen gesellschaftlichen Proteste der 1970er Jahre, zunächst der Bürgerinitiativen, dann auch der Hausbesetzer, betrafen vor allem den Umgang mit den kompakten Stadterweiterungsgebieten: Abriss oder Modernisierung? In den 1980er Jahren war die Rehabilitierung der kompakten Innenstadt vollzogen. Blockbebauung, Korridorstraßen, Stadtplätze, aber auch Hinterhöfe und Stuck wurden nunmehr positiv gesehen. Eine zentrale Rolle dieser Umwertung spielte West-Berlin mit seiner Politik der "behutsamen Stadterneuerung". Hintergründe dieser Wende waren die veränderten Lebensverhältnisse einer postindustriellen Gesellschaft: Wohnungen sind heute nicht mehr überbelegt. Durch Modernisierungsmaßnahmen wurde die Ausstattung der Altbauten den Neubauten angeglichen. Störendes Gewerbe ist heute kaum mehr vorhanden. Keller- und andere Schlichtwohnungen sind verschwunden. Vor allem aber hat sich gezeigt, dass die Wohnungsgrundrisse der Altbauten viel flexibler sind als die Grundrisse der Sozialwohnungsbauten. Vor diesem Hintergrund sind die alten, urbanen "Mietkasernenviertel" mit ihren fußgängerfreundlichen städtischen Straßen und Plätzen heute eine attraktive Adresse gerade der postindustriellen Mittelschichten.

Aufgabe des Siedlungsbaus: Im Schatten der Debatten und Projekte in der Innenstadt wurde auch im suburbanen Raum eine Wende vollzogen. Der Bau von Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus ist weitgehend eingestellt und überkommene Siedlungen sind "nachgebessert", das heißt vor allem gestalterisch im öffentlichen Raum und an den Fassaden erneuert worden. Zugleich entstanden erstmals wieder vereinzelt neue Gartenvorstädte. Allerdings konnte die Zersiedelung noch nicht gebremst werden.