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5.6.2009 | Von:
Harald Bodenschatz

Die europäische Großstadt: Version 3.0

Die Großstadt der Zukunft

Der größte Teil der Großstadt der Zukunft existiert bereits. Daher ist es entscheidend, wie wir mit der überkommenen Großstadt umgehen werden: im Zentrum, in den Stadterweiterungsgebieten, im suburbanen Raum - und dies angesichts der neuen Herausforderungen einer alternden, postindustriellen europäischen Gesellschaft, die sich im Wettbewerb mit Gesellschaften anderer Kontinente befindet und in Zeiten teurer werdender Energie Antworten auf den Klimawandel finden muss. Notwendig ist daher eine verfeinerte Kultur des Wiedergebrauchs: der Nutzung brach gefallener Flächen, vorhandener Bauten, vorhandener Räume. Notwendig ist aber auch die entschlossene Orientierung auf öffentlichen Nahverkehr, Fahrradverkehr und fußgängerfreundliche öffentliche Räume. In veränderter Form stellt sich auch wieder die soziale Frage.

So schön wie jetzt waren die Großstadtzentren noch nie. Was in der Städtebaudiskussion aber oft nicht thematisiert wird, sind die sozialen Wirkungen des Zentrumsumbaus. Im Zentrum konzentrieren sich Top-Wohnungen, Top-Geschäfte und Top-Arbeitsplätze. Angesichts der zunehmenden sozialen Differenzierungen in der Stadtregion birgt eine solcher Umbau die Gefahr, soziale Verdrängung und Ausgrenzung nicht nur zu dulden, sondern zu fördern. Die Aufgabe besteht daher darin, die Zentren für alle Bürgerinnen und Bürger offen zu halten.

Der wirtschaftliche und soziale Strukturwandel verbessert, so scheint es auf den ersten Blick, die Voraussetzungen einer Renaissance der kompakten Stadterweiterungsgebiete: Immer längere Ausbildungszeiten und der Zwang, lebenslang zu lernen, führen dazu, dass die Innenstadt als Wohnort für einen immer längeren Zeitraum Vorrang hat. Denn hier finden sich in der Regel die Ausbildungsstätten. Immer längere Altersphasen machen ebenfalls die Innenstädte interessant, denn hier werden sich die Dienstleistungen für ältere Menschen konzentrieren. In der Innenstadt siedeln sich auch gerne Beschäftigte der "kreativen Industrien" an, die mit ihren unregelmäßigen Arbeitszeiten auf Dienstleistungsangebote zu unkonventionellen Uhrzeiten angewiesen sind. Hier werden auch jene Beschäftigten lieber wohnen, die dem Zwang zu außerordentlicher Flexibilität am Arbeitsplatz ausgesetzt sind. Wenn man - wie schon heute in den USA - nur einige wenige Jahre in einem Unternehmen Beschäftigung findet und dann wieder wechseln muss, ist man gut beraten, sich dort aufzuhalten, wo man nahe am Geschehen ist. Auch wer als Single lebt, schätzt die Vielfalt sozialer Kontaktorte, die eher in der Innenstadt zu finden sind. Und der zunehmende ökologische Druck rückt die kompakten Stadterweiterungsgebiete auf die politische Wunschliste.

Vor diesem Hintergrund scheint es so, als sei der wünschenswerte Aufstieg der fußgängerfreundlichen, dicht bebauten und nutzungsgemischten urbanen Innenstadt ein Selbstläufer, und man müsse nur abwarten. Aber es gibt auch Trends, die gegen die Innenstadt sprechen: Oft schrumpfen dort die Möglichkeiten zum Einkaufen für den täglichen Bedarf. Zudem belasten Lärm, Abgase, Staus und der Platzverbrauch des Autoverkehrs wichtige öffentliche Räume. Auch Sicherheit und Sauberkeit lassen oft zu wünschen übrig, die Schulen sind nicht so gut wie erwartet, und zunehmende soziale Spannungen vermindern die Aufenthaltsqualität. Offen ist vor allem die Zukunft der ehemaligen Arbeiterquartiere. Diese Stadtviertel sind heute das Experimentierfeld der postindustriellen Stadt, des Zusammenlebens von Deutschen und Immigranten ganz unterschiedlicher Herkunft. Daher ist es notwendig, die Strategien der Revitalisierung dieser Viertel weiter zu fördern und zu verbessern.

Entscheidend ist aber der Umgang mit unserer suburbanen Peripherie: Die Zersiedelung wird immer noch subventioniert, zugleich werden - aufgrund der niedrigen Dichte - erhebliche infrastrukturelle Ressourcen verbraucht. Vor uns steht daher die Aufgabe einer Sanierung der suburbanen Peripherie - durch den konsolidierenden Rück- und Umbau von Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus, durch eine partielle Nachverdichtung von Einfamilienhausgebieten, durch behutsame funktionale und soziale Mischung, durch die Schaffung kleiner Zentren, durch die Vernetzung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Dazu muss der Ausstieg aus der öffentlichen Förderung der Zersiedelung gewagt werden - auch aus der Pendlerpauschale.

Die Großstadt der Zukunft erfordert also mehr denn je ein stadtregionales nachhaltiges Programm, das Schönheit, Wirtschaftlichkeit, sozialen Ausgleich und die Belange der Umwelt bündelt. Dafür fehlt uns aber ein handlungsfähiges politisches Subjekt auf der Ebene der Stadtregion; vielleicht aber auch der politische Wille.