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1.4.2009 | Von:
Doris Bühler-Niederberger

Ungleiche Kindheiten - alte und neue Disparitäten

Kindheit als Konstruktion sozialer Ungleichheit

Wenn also von "ungleichen Kindheiten" gesprochen wird, ist es wichtig, die Disparitäten nicht als bloße Verfallserscheinung heutiger Zeiten zu sehen. Das Problem ist vertrackter: Kindheit - als eine lange, behütete Phase, möglichst abgeschottet gegen die Forderungen und Gefahren der Welt der Erwachsenen - ist ganz grundsätzlich eine Konstruktion sozialer Ungleichheit. Zur Wirklichkeit wird sie ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts - zunächst nur für die kleine Gruppe der Kinder, deren Eltern sich aufgrund ihrer Bildung oder wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit selbstbewusst zum Bürgertum zählen durften und für die solche Kindheiten zum Mittel der "Vererbung" ihres Standes und des dazugehörigen Tugendkanons wurden.

Für die kleinen Leute und die Armen dagegen war diese Art der Kindheit zunächst weder erschwinglich, noch erstrebenswert. Aber sie sollte bald auch für sie zur Norm werden - jedenfalls wenn es nach den Experten und besorgten Männern des Staates ging: Diese machten sich im 19. Jahrhundert daran, zu bekämpfen, was sie als Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung wahrnahmen. Das war vor allem der Druck der armen, zum Teil in die Städte und industriellen Zentren zugewanderten, schwer zu kontrollierenden Bevölkerung. Die Erziehung des Nachwuchses schien ihnen dazu das wesentliche Mittel zu sein. Die Vorkämpfer der neuen Kindheit wandten sich auf zwei unterschiedlichen Wegen an die Eltern: Über Ratgeber richteten sie sich an das Bürgertum, bei dem sie auf gleichläufige Interessen setzen konnten und dessen Kinder nicht länger von Dienstboten erzogen werden sollten, sondern von ihren Müttern. Über ein Bündel aus Anreizen und Strafen - sozialfürsorgerische Maßnahmen, Gesetze, Wohnbauprogramme etc. - richteten sie sich an die weniger willigen "kleinen Leute".[5] Nicht unwesentlich besiegelte schließlich an der Wende zum 20. Jahrhundert die Schulpflicht den Untergang der alten Kindheit, in der die Kinder der armen Leute arbeiteten, wenn man sie zur Arbeit brauchen konnte, und daneben ein hohes Maß an Freiheit in Gruppen von Kindern und jungen Leuten genossen. Nur blieb das Anschlussversprechen auch für die neuen Kindheiten in den unteren Schichten bescheiden. Das ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass das Bildungssystem unterschiedliche Schulen für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen vorsah und dass selbst auf der Ebene anspruchsvollerer Bildung, falls diese erreicht wurde, differenzierte Schultypen die Kinder "kleiner Leute" von den Bildungsbastionen des gehobenen Bürgertums, dem Abitur und den Universitäten, fernhielten und sie in technische, gewerbliche und kaufmännische Berufe lenkten.[6]

Fußnoten

5.
Vgl. Jacques Donzelot, Die Ordnung der Familie, Frankfurt/M. 1980.
6.
Vgl. Mary Jo Maynes, Schooling in Western Europe, Albany 1985; Detlef K. Müller, Sozialstruktur und Schulsystem. Aspekte zum Strukturwandel des Schulsystems im 19. Jahrhundert, Göttingen 1977.