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1.4.2009 | Von:
Doris Bühler-Niederberger

Ungleiche Kindheiten - alte und neue Disparitäten

Andauernde Ungleichheiten

Die lange, behütete und geförderte Kindheit ist längst zur Norm für alle geworden, aber sie ist voraussetzungsreich, erfordert sie doch neben dem finanziellen Einsatz der Eltern auch deren Bildung, kommunikative Fähigkeiten, kulturelle Güter etc., und so ist sie für "kleine Leute" eine problematische "Erfindung". Seit Experten und Moralisten den Anspruch erheben, dass diese Norm für alle gelten solle, werden die Bevölkerungsgruppen daran gemessen, wie sehr sie diesen Anforderungen gerecht werden. Im öffentlichen Diskurs und im Kontakt mit Experten und Institutionen der Bildung wird den Eltern der unteren Schichten vorgeworfen, dass sie der Norm der "guten Kindheit" nicht entsprechen. Vom 19. Jahrhundert bis auf den heutigen Tag ist dies im Wesentlichen der gleiche Vorwurf; er ist in den öffentlichen Debatten manchmal stärker, manchmal weniger stark präsent.[7] Stets gibt die Kindheit der mittleren und gehobenen Schichten den Eichstock ab für die Messung der Qualität von Kindheit.

Es kann nicht erstaunen, dass eine so anspruchsvolle Konstruktion, deren historische Wurzeln überdies gerade in der elterlichen Absicht liegen, einen begünstigten Status zu vererben, weiterhin durch Ungleichheit gekennzeichnet bleibt. Und weiterhin bleibt auch das Anschlussversprechen für die Kinder tieferer sozialer Schichten geringer. Am häufigsten wird zurzeit über ungleiche Bildungschancen diskutiert. Die PISA-Studien haben ins öffentliche Bewusstsein gerufen, dass Bildungschancen in hohem Maße von der sozialen Herkunft der Kinder abhängen.[8] Der Zusammenhang ist aber nur etwa zur Hälfte durch eine tatsächlich geringere Leistung der Kinder qua Herkunft bedingt, ebenso sehr wird er durch Barrieren im Bildungswesen selbst verursacht. Fallen die Chancen, das Gymnasium zu besuchen, für Kindern aus der "oberen Dienstklasse" um das Sechsfache höher aus als für die Kinder aus Facharbeiterfamilien, so sind sie bei gleichen kognitiven Kompetenzen immer noch dreimal höher.[9] Eine wichtige Rolle spielen hier die Lehrerempfehlungen für die weiterführenden Schulen.

Eine Untersuchung der vierten Klassen in Wiesbaden von Stefan Hradil zeigt, dass Kinder mit der Durchschnittsnote 2,0 aus der niedrigsten Bildungs- und Einkommensgruppe nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 76 Prozent eine Gymnasialempfehlung bekommen; stammen sie aus der höchsten Bildungs- und Einkommensgruppe, erhalten sie diese nahezu durchgängig, nämlich zu 97 Prozent. Bei schlechteren Noten hat die soziale Herkunft sogar eine noch größere Bedeutung.[10] Zu vergleichbaren Ergebnissen kamen bereits frühere Studien.[11] Schüler aus unteren sozialen Schichten erhalten auch schlechtere Noten für die gleiche Leistung.[12] Zwar sind die eigentlichen institutionellen Barrieren abgeschafft. Anders als noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts - als die "Vorschule" als dreijährige Vorbereitung mit hohem Schulgeld die Kinder der Bessergestellten direkt zum Gymnasium führte, während die vier Jahre dauernde Volksschule Kinder einfacher Leute mehr schlecht als recht darauf vorbereitete - stehen dieselben Einrichtungen Kindern heute unabhängig von der Herkunft offen. Im Zuge der Bildungsexpansion von 1970 bis 1990 hat sich die Beteiligungsquote von Kindern aus sozial unteren Schichten an Gymnasien rund verzehnfacht. Aber auch die Kinder aus sozial höheren Schichten besuchen nun häufiger Gymnasium und Universität: Der Abstand hat sich nicht verringert.[13]

Was sich zum Teil geändert hat, ist die Zusammensetzung der Gruppe der Kinder, die im Bildungssystem unterprivilegiert ist. In den 1960er Jahren war die "katholische Arbeitertochter vom Lande"[14] die Chiffre, die Benachteiligungen griffig zusammenfasste; nun repräsentiert der "Migrantensohn" die Bildungsbenachteiligung.[15] Letzteres heißt aber vor allem, dass es nicht gelungen ist, die Unterschiede zwischen den Schichten abzubauen. Während Mädchen im Bildungswesen aufgeholt und die Jungen sogar überrundet haben, konfessionelle Zugehörigkeit für den Bildungserfolg keine Rolle mehr spielt und die ländliche Herkunft aufgrund des regionalen Ausbaus von weiterführenden Schulen kaum noch benachteiligend wirkt, bestehen die Unterschiede nach sozialer Schicht fort. Eine genauere Betrachtung der Variable "Migration" respektive "Migrationshintergrund" zeigt, dass sich dahinter zu einem guten Teil die soziale Schicht verbirgt. Rainer Geissler und Sonja Weber-Menges schließen auf der Basis von PISA-Daten, dass die Hälfte bis zwei Drittel der Leistungsdifferenz und des Unterschieds hinsichtlich des Besuchs höherer Schultypen von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund durch die soziale Schicht erklärt wird. Für Kinder mit Migrationshintergrund scheint die Latte für den Übertritt ins Gymnasium allerdings noch einmal höher gelegt zu sein: Bei gleicher Lesekompetenz und gleicher sozialer Herkunft erhalten sie weniger Übertrittsempfehlungen für die Realschule und das Gymnasium - und auch wenn diese Diskriminierung nun geringer ausfällt als die nach der sozialen Schicht, so ist es doch noch eine zusätzliche. Dennoch gibt es Migrantengruppen, die besser abschneiden als deutsche Kinder, so die Einwanderer aus Vietnam und der Ukraine.[16] Und auch für Kinder mit Migrationshintergrund gilt, dass sie häufiger an höherer Bildung teilhaben als früher.

Aber Bildung ist nicht die einzige Ressource, die während der Kindheit ungleich verteilt wird. Gesundheit ist eine andere, die für die spätere Teilhabe an der Gesellschaft und für das eigene Wohlbefinden erheblich ist. Der Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozialer Herkunft ist etwa in einer Studie Bielefelder und Frankfurter Forscher (einbezogen wurden Kinder zwischen 11 und 15 Jahren) erforscht worden.[17] Zu nennen ist auch der vom Robert Koch-Institut durchgeführte Kinder- und Jugendgesundheitssurvey, der Kinder im Alter von 0 bis 17 Jahren erfasste (körperliche Untersuchung, Befragung der Eltern und Befragung der Kinder ab 11 Jahren).[18] Hinsichtlich des Gesundheitsverhaltens, gesundheitlicher und psychosomatischer Beschwerden, psychischer Auffälligkeiten sowie Fehlernährung und Übergewicht sind die Befunde beider Studien für die Angehörigen der unteren sozialen Schichten negativer.

Fußnoten

7.
Vgl. Doris Bühler-Niederberger, Macht der Unschuld. Das Kind als Chiffre, Wiesbaden 2005.
8.
Vgl. Jürgen Baumert/Gundel Schümer, Familiäre Lebensverhältnisse, Bildungsbeteiligung und Kompetenzerwerb, in: Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.), PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich, Opladen 2001, S. 323 - 407; OECD, PISA 2006. Science Competencies for Tomorrow's World, Vol 1. Analysis, in: www. oecd.org/dataoecd/30/17/39703267.pdf (10.2. 2009).
9.
Vgl. J. Baumert/G. Schümer (Anm. 8).
10.
Vgl. idw - Informationsdienst Wissenschaft, Schulübergang: Kinder weniger gebildeter und einkommensschwächerer Eltern werden diskriminiert, in: http://idw-online.de/pages/de/news277479, (10.2. 2009).
11.
Vgl. Wilfried Bos u.a., IGLU 2006. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich, Münster-New York 2007; Rainer H. Lehmann/Rainer Peek, Aspekte der Lernausgangslage von Schulerinnen und Schülern der fünften Klassen an Hamburger Schulen, Hamburg 1997.
12.
Vgl. Hartmut Ditton, Der Beitrag von Schule und Lehrern zur Reproduktion der Bildungsungleichheit, in: Rolf Becker/Wolfgang Lauterbach (Hrsg.), Bildung als Privileg, Wiesbaden 2004, S. 251 - 279.
13.
Vgl. Rainer Geissler, Bildungschancen und soziale Herkunft in: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, 4 (2006) 1, S. 34 - 49.
14.
Hansgert Peisert, Soziale Lage und Bildungschancen in Deutschland, München 1967.
15.
Vgl. Rainer Geissler, Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn. Zum Wandel der Chancenstruktur im Bildungssystem nach Schicht, Geschlecht, Ethnie und deren Verknüpfungen, in: Peter A. Berger/ Heike Kahlert (Hrsg.), Institutionalisierte Ungleichheiten, Weinheim-München 2005, S. 71 - 102.
16.
Vgl. Rainer Geissler/Sonja Weber-Menges, Migrantenkinder im Bildungssystem: doppelt benachteiligt, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2008) 49, S. 14 - 22.
17.
Vgl. Matthias Richter/Klaus Hurrelmann/Andreas Klocke/Wolfgang Melzer/Ulrike Ravens-Sieberer (Hrsg.), Gesundheit, Ungleichheit und jugendliche Lebenswelten. München-Weinheim 2008.
18.
Bärbel-Maria Kurth/Heike Hölling/Robert Schlack, Wie geht es unseren Kindern? Ergebnisse aus dem bundesweit repräsentativen Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KIGGS), in: Hans Bertram (Hrsg.), Mittelmaß für Kinder, München 2008, S. 104 - 126.