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1.4.2009 | Von:
Doris Bühler-Niederberger

Ungleiche Kindheiten - alte und neue Disparitäten

Fazit

"Kindheit" - im Sinne einer Ausgestaltung dieser Lebensphase, die den (historisch variierenden) Normen entspricht - ist eine anspruchsvolle Konstruktion, die ganz grundsätzlich mit Ungleichheit verbunden ist. Seit die behütete, geförderte und lange Kindheit im 18./19. Jahrhundert Wirklichkeit geworden ist, wird von Seiten der Eltern bei ihrer sorgfältigen Ausgestaltung das Ziel mitbedacht, den eigenen Kindern einen Vorteil im späteren Leben zu verschaffen. Diesen Anforderungen kann jedoch nur ein Teil der Eltern gerecht werden. Sollten die real gelebten Kindheiten weniger ungleich sein, so muss an drei Punkten angesetzt werden:

Erstens: Es gilt, die Startbedingungen der Kinder der unteren Schichten zu verbessern: Die allerersten Lebensjahre werden in besonderem Maße durch ungleiche private Verhältnisse geprägt. Vom Ausbau der Früherziehung darf man sich hier nicht alles versprechen, nutzen doch gerade Eltern der unteren Schichten die Einrichtungen der Früherziehung seltener.[34] Was in den privaten Räumen in den frühen Jahren angeboten wird, bedarf dringend der Erforschung; die Forschung interessiert sich bisher weit mehr für die Schüler oder findet hier leichteren Zugang.

Zweitens: Für die mittlere Kindheit gilt es, die Chancengerechtigkeit durch Abbau institutioneller Barrieren zu erhöhen; das aktuelle Ausmaß mangelnder Leistungsgerechtigkeit ist nicht hinzunehmen in einer Gesellschaft, in der Statuserwerb in erster Linie über Bildung und damit Leistung legitimiert wird.

Drittens: Da Kinder die kulturellen Erben ihrer Eltern bleiben, werden die Eltern mittlerer und höherer Schichten ihre Anstrengungen - gerade auch als Reaktion auf ausgleichende Bemühungen - weiter verstärken. Es gilt also auch darauf hinzuwirken, dass Kindheit als eigenständige Lebensphase an Gewicht gewinnt, als eine Lebensphase, die autonome Räume jenseits von elterlichen Kultivierungsanstrengungen zulässt, die gegenseitige Übernahme von Verantwortung in Familien ermöglicht und das Selbstbewusstsein stärkt, das darin wurzelt. Damit dies erreicht werden kann, sind wahrscheinlich einmal mehr die Mütter gefragt. Auf der Suche nach Modellen, die ihnen weniger quer zu eigenen Lebenswünschen stehen als das "intensive mothering", könnten sie zu Familienentwürfen finden, die zugleich in der Lage sind, eine entsprechende Emanzipation des Kindes zu befördern.

Fußnoten

34.
Vgl. Christian Alt/Karen Blanke/Magdalena Joos, Wege aus der Betreuungskrise? Institutionelle und familiale Betreuungsarrangements von 5- bis 6-jährigen Kindern, in: Christian Alt (Hrsg.), Kinderleben - Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen, Bd. 2, Aufwachsen zwischen Freunden und Institutionen, Wiesbaden 2005, S. 123 - 156.