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1.4.2009 | Von:
Henning van den Brink

Von feinen Unterschieden zu großen Ungleichheiten

Die kulturelle Dimension von sozialer Ungleichheit

Schon als im Mittelalter - so rekonstruierte es der deutsche Soziohistoriker Norbert Elias in seinen Studien zur Entwicklung der Zivilisation - zunehmend Beruf und Geld zur primären Quelle von Macht und Prestige wurden und zu einer gesellschaftlichen Entwertung der höfischen Abstammung führten, erhob der Hofadel aus Angst, von dem aufrückenden Bürgertum aus seinen Machtpositionen verdrängt zu werden, den "guten Geschmack" zum Prestigewert, um sich vom "Vulgären" abzugrenzen.[6] Der Distinktionsgewinn lag darin, dass es dem Adel gelang, die anstehenden Machtkämpfe als Kulturkämpfe auszufechten und dabei seinen Geschmack und seinen Lebensstil als erstrebenswert und vorherrschend zu etablieren. Doch schon bald wurden die höfischen Verhaltensweisen und ästhetischen Anschauungen in den bürgerlichen Schichten adaptiert und übernommen, und die letzten Kultur- und damit Machtunterschiede zwischen Adel und Bürgertum schmolzen dahin. Die Vorherrschaft einer bestimmten Kultur bedeutet immer die Vorherrschaft eines bestimmten Kollektivs, das diese Kultur repräsentiert - und reproduziert.

Kultur als Distinktionsmittel, um in der Abgrenzung zu anderen eine gemeinschafts- und sinnstiftende Identität ausbilden zu können, wird heute vor allem unter ethnisch-religiösen Vorzeichem debattiert.[7] In den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sehen viele die Kulmination des von Samuel Huntington prophezeiten "Kampf(es) der Kulturen"[8] zwischen den großen Weltreligionen, vor allem dem Christentum und dem Islam. Und auch über die kulturellen Differenzen zwischen den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft und ethnischer Minderheiten wird hierzulande in Debatten um Integrationspolitik und Parallelwelten viel gesprochen.

Die nach wie vor starke Prägekraft von Kultur für die individuelle Lebensgestaltung und -planung im Kontext von Bildungschancen und Bildungsgerechtigkeit wird dagegen vergleichsweise selten thematisiert. Dass die Enkulturation eines Kindes einen größeren Einfluss auf seinen Bildungserfolg und die daraus abgeleitete Stellung im Beruf und in der Gesellschaft haben könnte als seine Intelligenz und die materielle Situation im Elternhaus, scheinen in der aktuellen Bildungsdebatte nur wenige in Erwägung zu ziehen. Die Ausdifferenzierung und Vielfalt der heutigen Subkulturen und Milieus mit all ihren Stilblüten kann auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten von ihnen eine nach wie vor starke herkunftsspezifische Prägung aufweisen und schichtspezifische Einstellungs- und Deutungsmuster konservieren. Die Individualisierung und Pluralisierung haben ihnen nur andere und mehrere Gesichter verliehen. Die Dreiteilung in Unter-, Mittel- und Oberschichten ist einer neuen Unübersichtlichkeit gewichen, in der die schichtspezifischen Benachteiligungen und Privilegien zwar fortbestehen, aber nicht mehr als "Klassenschicksal", sondern als individuelles Schicksal betrachtet werden: Das Scheitern bzw. die Realisierung von sozialen Aufstiegsambitionen wird persönlichem Versagen bzw. Erfolg zugerechnet.[9] Eine solche Perspektive blendet nicht nur den sozialen Kontext aus, sondern auch, dass die unterschiedliche Ausstattung mit kulturellem Startkapital aus dem Elternhaus den individuellen Wettkampf um Bildungsabschlüsse und Arbeitsplätze schon im Vor- und Grundschulalter massiv verzerrt.

Ich möchte daher das Stichwort der "Kulturalisierung der sozialen Ungleichheit"[10] aufgreifen und darstellen, inwieweit Kinder heutzutage davon besonders betroffen sind und warum Investitionen und Interventionen im Bildungssystem genau hier ansetzen müssen, wenn die viel beschworene Bildungsgerechtigkeit hergestellt werden soll. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen und den sich daraus ergebenden neuen An- und Herausforderungen für den Einzelnen werde ich versuchen, die kulturelle Dimension sozialer Ungleichheit herauszuarbeiten. Anhand eines Praxisbeispiels soll zum Schluss noch ein möglicher Weg zur Bekämpfung kulturell vermittelter Ausgrenzungsprozesse aufgezeigt werden.

Fußnoten

6.
Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Bern u.a. 19692.
7.
Vgl. Henning van den Brink/Lutz C. Popp, Ethnisch-kulturelle Konflikte. Randerscheinung oder Kernproblem der modernen Stadtgesellschaft?, Saarbrücken 2008.
8.
Samuel P. Huntington, The Clash Of Civilizations?, in: Foreign Affairs, 72 (1993) 3, S. 22 - 49.
9.
Vgl. Peter A. Berger, Individualisierung: Statusunsicherheit und Erfahrungsvielfalt, Opladen 1996, S. 245; Olaf Grob-Samberg/Matthias Grundmann, Soziale Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2006) 26, S. 11 - 18, hier S.15.
10.
Peter Büchner, Kindheit und Familie, in: Heinz-Hermann Krüger/Cathleen Grunert (Hrsg.), Handbuch Kindheits- und Jugendforschung, Opladen 2002, S. 475 - 496, hier S.491.