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1.4.2009 | Von:
Henning van den Brink

Von feinen Unterschieden zu großen Ungleichheiten

Gesellschaftliche Veränderungen und ihre Folgen

Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben sich Gesellschaft, Arbeit und Bildung im gegenseitigen Wechselspiel grundlegend geändert - mit weitreichenden Konsequenzen für die Menschen. Aus der Industriegesellschaft formte sich durch den technologischen Fortschritt die Dienstleistungsgesellschaft. Der Fordismus mit seinen zerstückelt-isolierten manuellen Routinearbeiten am Fließband wurde im Zuge dieses Wandels vom Postfordismus abgelöst. Nicht nur, dass durch den Aufschaukelungsprozess von Technisierung und Tertiärisierung immer mehr Arbeitsplätze im industriellen Sektor wegfielen und durch eine steigende Standardisierung bei der Produktherstellung und -verarbeitung ins Ausland verlagert wurden, auch die Arbeitsprozesse und die Arbeitsorganisation veränderten sich massiv. Projektbezogene Teamarbeit, flache Hierarchien, High Potential-Pools - sind einige Schlagworte der post-bürokratischen Organisation von Arbeit und Ausdruck der Flexibilisierung von Betriebs- und Beschäftigungsformen. Entsprechend vollzog sich auch ein Wandel des Anforderungsprofils von Beschäftigten. Heute wird mehr denn je neben einer hohen fachlichen Qualifikation auch ein hohes Maß an Schlüsselqualifikationen verlangt. In Stellenzeigen ist immer häufiger von Selbstständigkeit, Eigeninitiative, Organisationstalent, Team-, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit, Belastbarkeit, Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen, Überzeugungskraft und Kreativität die Rede. Hinzu kommt, dass infolge der Ausdifferenzierung und Spezialisierung von Berufen zwar eine starke Abgrenzung von Kompetenzen zu beobachten ist, aber gleichzeitig ein zunehmender Bedarf an Überlappung von Kompetenzen besteht, um betriebsinterne Anpassungskapazitäten zu erhöhen.

Ein weiteres Kennzeichen der postfordistischen Entwicklung ist die Aufweichung der im Fordismus dank gewerkschaftlichen Engagements vorherrschenden Trennung von Berufs- und Privatleben. Der "verberuflichte Massenarbeitnehmer" wandelt sich im Zuge der veränderten Arbeitsprozesse und Organisationsformen in der Wirtschaft zum "verbetrieblichten Arbeitskraftunternehmer", der seine vorhandenen Leistungspotentiale flexibel den Markterfordernissen anpassen muss.[11] Diese Verbetrieblichung der alltäglichen Lebensführung und Betriebsförmigkeit der Alltagsorganisation zieht eine Entgrenzung des Berufslebens nach sich, was wiederum auf die private Lebensführung durchschlägt. Und mit der Entgrenzung von Berufs- und Privatleben vollzieht sich dann schließlich auch eine Entgrenzung des Lernens.[12]

Die bildungspolitischen Bemühungen um die Etablierung von Bildungsmindeststandards der Bevölkerung mündeten nach der Bildungsexpansion in den 1960er und 1970er Jahren schließlich in einer weitverzweigten und hochspezialisierten Bildungs- und Forschungslandschaft mit einem steigenden Anteil tertiärer Bildungsabschlüsse. Das war die Antwort auf die gestiegene und weiter steigende Zahl der Beschäftigten in wissens- und forschungsintensiven Berufen.[13] Der technologische Fortschritt führte aber nicht nur dazu, dass es heute immer mehr Innovationen gibt, sondern auch dazu, dass die Innovationsschübe in immer kürzeren Abständen erfolgen, infolge dessen die Lebenszyklen von technischen und industriellen Produkten sich verkürzen, das investierte Wissen schneller entwertet wird und ein steigender Bedarf an Wissenserneuerung entsteht. Wissen ist in der Wissensgesellschaft prinzipiell ungesichertes Wissen.[14]

Aus dieser Notwendigkeit, sein individuelles Wissen ständig zu erneuern, wuchs die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens[15] - und zwar nicht nur wie bisher für eine zahlenmäßig überschaubare Bildungselite, sondern für die breite Masse. "Lebenslanges Lernen wird künftig nicht eine bildungsbürgerliche Maxime für wenige, sondern existenzielle Notwendigkeit für alle sein", bringt es Hans Günther Bastian auf den Punkt.[16] Wir müssen heute immer mehr lernen, aber auch immer mehr umlernen, bereit sein, unsere Wissensbestände einem ständigen "Update" zu unterziehen. An der Fähigkeit, sich die notwendigen Kenntnisse für neue Aufgaben selbstständig zu erarbeiten und anschließend umzusetzen, entscheidet sich für immer mehr Menschen, ob sie ihren Berufsalltag erfolgreich meistern können oder nicht.

Fußnoten

11.
Günter G. Voß/Hans J. Pongratz, Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der "Ware Arbeitskraft"?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 50 (1998) 1, S. 131 - 158.
12.
Vgl. Bernd Overwien, Internationale Sichtweisen auf "informelles Lernen" am Übergang zum 21. Jahrhundert, in: Hans-Uwe Otto/Thomas Coelen (Hrsg.), Ganztagsbildung in der Wissensgesellschaft, Wiesbaden 2004, S. 51 - 73, hier S.51.
13.
Vgl. Anja Hall, Tätigkeiten und berufliche Anforderungen in wissensintensiven Berufen, Studien zum deutschen Innovationssystem, No. 3, Berlin-Bonn 2007, S. 14.
14.
Vgl. R. Stichweh (Anm. 1), S. 465.
15.
Vgl. Kommission der Europäischen Gemeinschaften, Memorandum über Lebenslanges Lernen, Brüssel 2000.
16.
Hans Günther Bastian, Kinder optimal fördern - mit Musik, Mainz 20033, S. 18.