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1.4.2009 | Von:
Henning van den Brink

Von feinen Unterschieden zu großen Ungleichheiten

Fazit: Mit mehr kultureller Bildung zu mehr Chancengleichheit

Wie und in welchem Umfang die Selbstaneignung von Wissen bei einem Kind erfolgt, ist abhängig von der Kultur seines sozialen Nahfelds. Die Sozialisation und Enkulturation von Kindern aus bildungsnahen Milieus ist geprägt durch viele Spielräume, Lernanregungen und Erfahrungsquellen außerhalb der Schule und durch elterliche Ermutigung zum und Begleitung beim Lernen, so dass sie eben jenes kulturelle Kapital ansammeln können, das sie dann in der Schule gewinnbringend einsetzen können. Gewinnbringend insofern, als dass sie vor allem dank der kulturellen Ressourcen die begehrten Bildungszertifikate erlangen, die ihnen wiederum die Türen zu höheren beruflichen und gesellschaftlichen Positionen öffnen. Sie sind damit ihren Klassenkameraden aus bildungsfernen Milieus immer einen Schritt voraus.[25] Die sich gegenseitig verstärkende Durchdringung ökonomischer, kultureller und sozialräumlicher Lebensbedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, verschafft den einen den entscheidenden Vorsprung zu Beginn des Bildungswettlaufs, den sie mit jedem Schuljahr und vor allem mit jedem Schulübergang weiter ausbauen, und lässt die anderen immer mehr zurückfallen.

Aber so lange Sozial- und Bildungspolitik, Jugendhilfe und Schule institutionell weiter separiert bleiben und isoliert agieren bzw. nur reagieren, so lange der Bildungsbegriff auf seine formale Dimension und der Armutsbegriff auf seine materielle Dimension reduziert werden, so lange sich die Ressourcenausstattung der Schulen allein an dem Gießkannenprinzip und nicht an dem je nach Stadtteil und Schülerschaft unterschiedlichen Förderbedarf orientiert, steht zu befürchten, dass sich daran nicht viel ändern wird und die soziale Ungleichheit weiterhin durch das Bildungssystem konstituiert und letztendlich legitimiert wird. Wem daran gelegen ist, die "kulturelle Eigendynamik"[26] der Benachteiligung aufzuhalten, der muss die gleichmäßige Ausstattung der Kinder mit kulturellen Ressourcen zum Ausgangspunkt seiner bildungspolitischen Anstrengungen machen und der kulturellen Bildung dabei einen ihr angemessenen Platz einräumen.

"Vermutlich kann sich angesichts der komplexen sozialen Benachteiligungsstrukturen die Frage nach positiven, fördernden Lebensbedingungen für Familien und Kinder nicht auf die herkömmlichen Instrumente der Kinder- und Jugendhilfe begrenzen, sondern muss eine Umgestaltung der gesamten Bildungs- wie Hilfelandschaft ins Auge gefasst werden."[27] Das einzige, was an dieser Schlußfolgerung der Kinderarmutsforscher Karl August Chassé, Margherita Zander und Konstanze Rasch nicht stimmt, ist das Wort "vermutlich".

Fußnoten

25.
Vgl. Wolfgang Böttcher, Soziale Benachteiligung im Bildungswesen. Die Reduktion von Ungleichheit als pädagogischer Auftrag, in: Michael Opielka (Hrsg.), Bildungsreform als Sozialreform. Zum Zusammenhang von Bildungs- und Sozialpolitik, Wiesbaden 2005, S. 61 - 76, hier S.71.
26.
Paul Nolte, Riskante Moderne. Die Deutschen und der neue Kapitalismus, München 2006, S. 100.
27.
Karl August Chassé/Margherita Zander/Konstanze Rasch, Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen, Opladen 2003, S. 323.