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1.4.2009 | Von:
Tanja Betz

Kindheitsmuster und Milieus

Kinder als Bevölkerungsgruppe - Kindheit als Strukturmerkmal

Dass Kinder in gesellschaftstheoretischen Ansätzen und Analysen sowie in gesellschaftspolitischen Diagnosen ausgeblendet werden, ist begründungspflichtig, stellen Kinder doch in gleichem Maße wie Erwachsene ein Element der Sozialstruktur einer Gesellschaft dar. Kinder sind eine altersdifferenzierte Bevölkerungsgruppe, innerhalb der Phänomene sozialer Ungleichheit zu untersuchen sind. Zugleich ist Kindheit ein Strukturmerkmal von Gesellschaft und damit eine gesellschaftlich geformte und sozial konstruierte Tatsache. Kindheit selbst ist ein Element gesellschaftlicher Veränderungsprozesse; sie wird von gesellschaftlichen Parametern beeinflusst, unter anderem durch das Verhältnis von Familie, Markt, Staat und intermediärem Sektor, und wirkt auf diese zurück. Das zeigt sich unter anderem im (Ausbau des) öffentlichen Betreuungs- und Bildungssystem(s), in den sentimentalen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern oder in der institutionalisierten Altershierarchie zwischen Erwachsenen und Kindern, die unter anderem im Bereich des Kinderschutzes gesetzlich verankert ist.[6]

Wenn die gesellschaftliche Ausgestaltung des Alltags von Kindern[7] sowie deren Anteile an der Produktion und Reproduktion von gesellschaftlichen Strukturen und damit auch von Ungleichheitsverhältnissen beleuchtet werden sollen, müssen Kinder - ebenso wie Erwachsene - zur Beobachtungs- und Analyseeinheit in Milieuanalysen werden. Hier setzen konzeptbasierte Kinderbefragungen an, die eine ungleichheitstheoretische Forschungsperspektive verfolgen bzw. Milieuanalysen, die den Fokus auf die soziale Strukturierung von Kindheit richten. Ein Ansatz zur Analyse der sozialstrukturell verankerten Erfahrungsräume von Kindern liegt bereits vor und wird im Folgenden genauer dargestellt.[8]

Fußnoten

6.
Vgl. Johanna Mierendorff, Kindheit und Wohlfahrtsstaat, in: Eva Luber/Beatrice Hungerland (Hrsg.), Angewandte Kindheitswissenschaften. Eine Einführung für Studium und Praxis, Weinheim 2008.
7.
Vgl. Johanna Mierendorff/Thomas Olk, Gesellschaftstheoretische Ansätze, in: Heinz Hermann Krüger/Cathleen Grunert (Hrsg.), Handbuch Kindheits- und Jugendforschung, Opladen 2002, S. 133.
8.
Vgl. Tanja Betz, Ungleiche Kindheiten. Theoretische und empirische Analysen zur Sozialberichterstattung über Kinder, Weinheim 2008.